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Judith Butlers neues Buch : Hier ist theoretischer Jargon Programm

Was passiert, wenn Menschen sich versammeln? Hier zu sehen auf dem Tahrir-Platz in Kairo. Bild: Reuters

Judith Butler zerbricht sich den Kopf über öffentliche Versammlungen und entdeckt eine „Verkörpertheit des Volkes“. Gibt es irgendjemanden, der das versteht?

          4 Min.

          Wer den Titel liest, wird sich hinsichtlich des zu erwartenden Inhalts keinen Illusionen hingeben: „Anmerkungen zu einer performativen Theorie der Versammlung“ verspricht das neue Buch von Judith Butler. Dass sich über das politische Phänomen der Versammlung auch Theoretisches sagen lässt, mag einleuchten, warum diese Theorie aber „performativ“ ist, bleibt den theoretisch nicht Eingeweihten erst einmal unverständlich. Wer das Buch trotzdem öffnet, tut es wahrscheinlich, weil Judith Butler keine Unbekannte ist: Seit ihrer Analyse über „Das Unbehagen der Geschlechter“ gehört sie zu den renommiertesten Autorinnen einer feministischen Theorie des Poststrukturalismus. Und das bedeutet zunächst vor allem: Die komplizierte Sprache ist Programm. „Performativ“ ist Butlers Theorie durch die Verknüpfung von Sprache, Handlung und Ereignis. „Eine Äußerung bringt das, was sie beinhaltet, hervor“, erklärt Butler: „Es ist kein Zufall, dass die erste performative Äußerung im Allgemeinen Gott zugeschrieben wird. Er sagt: ,Es werde Licht‘, und schon ist Licht da.“

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Sprache beschreibt aus dieser Perspektive also nicht nur die Welt, sondern sie bringt sie hervor. Unsere Benennungen sind wiederum mit Normen verknüpft, die uns laut Butler von Kindesbeinen eingeimpft werden und uns geradezu produzieren. Die Normen formten „die gelebten Arten der Verkörperung, die wir uns im Laufe der Zeit aneignen“, sprich: Wir nennen jemanden „weiblich“ oder „männlich“, und schon ist er oder sie es auch – zumindest in der Welt, die wir auf Grundlage dieser Benennungen geschaffen haben. Geschlechtszuweisungen solcher Art nennt Butler „Gender-Performativität“. Der performative Akt ist folglich immer auch mit Identität verknüpft – und das alles, so ist in dieser Theorieschule nicht erst seit Butler zu lernen, resultiert aus unserer Konstruktion der Wirklichkeit, weshalb es zu unserer wichtigsten Aufgabe gehört, die Welt mit all ihren Erscheinungen zu dekonstruieren.

          Kritik an vorhandenen Machtstrukturen

          So weit in Andeutungen der theoretische Vorbau des Buches. Für jeden, der weder zu den Mitstreitern Butlers gehört noch die theoretischen Überhöhungen des Poststrukturalismus liebt, ist die Lektüre eine Zumutung. Doch das allein ist noch kein Argument gegen das Buch. Die Frage lautet: Was lernen wir aus ihm über das Wesen von Versammlungen?

          Seit dem Arabischen Frühling und „dem Auftauchen großer Menschenmengen auf dem Tahrir-Platz“, erklärt Butler, sei „das Interesse an der Form und Wirkung öffentlicher Versammlungen wiedererwacht“. Sie konstatiert ein „Missverhältnis zwischen der politischen Form der Demokratie und dem Prinzip der Volkssouveränität“ und erkennt in unvorhersehbaren Versammlungen ein politisches Potential. Ihrem gesellschaftskritischen Anspruch bleibt Butler dabei treu: „Es kann keinen Eintritt in die Erscheinungssphäre ohne eine Kritik an den differenziellen Machtstrukturen geben, die diese Sphäre konstituieren, und ohne eine kritische Allianz, in der sich die Unberücksichtigten, die Untauglichen – die Gefährdeten – verbünden, um neue Erscheinungsformen zu etablieren, die jene Machtstrukturen zu überwinden versuchen.“ Die tägliche Erfahrung „des Neoliberalismus“ hinterlasse bei riesigen Bevölkerungsgruppen, die im Zustand der „Prekarität“ verharrten, „das Gefühl eines beschädigten Lebens“.

          Prekarität und das Recht, zu erscheinen

          Unter Prekarität versteht Butler die „ungleiche Verteilung von Gefährdetheit“; aufgrund der sozialen Ungleichheit seien bestimmte Bevölkerungsteile, die „Unbetrauerbaren“, stärker von Verletzung, Tod und Gewalt betroffen als andere. Eine entscheidende Rolle spielt bei alledem – und das ist das Besondere an Butlers Analyse – der Körper: die körperliche Erscheinung, die „Verkörpertheit des Volkes“, die „verkörperte Handlungsfähigkeit“. „Was wir aber vor allem sehen, wenn Körper auf Straßen, Plätzen oder an anderen öffentlichen Orten zusammenkommen, ist die – wenn man so will, performative – Ausübung des Rechts zu erscheinen, eine körperliche Forderung nach besseren Lebensbedingungen.“ Aus diesem Grund geht es Butler um eine Politik des Körpers, dessen Präsenz dem Sprechakt vorgeschaltet ist.

          Sehr konkret, in der Reflexion aber einseitig ist Butler in Bezug auf das Verschleierungsverbot in Frankreich, das sie für diskriminierend hält. Muslimische Frauen würden in ihrer Freiheit beschnitten, indem ihnen das Recht aberkannt werde, „in einer Weise öffentlich zu erscheinen, die ihre Religionszugehörigkeit zum Ausdruck bringt“. Den Einwand, dass die Vollverschleierung der Frauen gerade nicht als Ausdruck ihrer Freiheit anzusehen ist, sondern als das genaue Gegenteil, lässt Butler nicht gelten.

          Was ist die zentrale Botschaft des Buches?

          Vereinzelt lassen sich manche der hochkomplizierten Gedankengänge vielleicht nachvollziehen, doch wo ist der rote Faden in diesem Buch? Der Titel ist wohl wortgenau zu verstehen: Es sind tatsächlich bloß „Anmerkungen“, schon erschienene Aufsätze und zum Teil neu geschriebene Texte, die hier versammelt sind. Wer so etwas wie einen durchgeschriebenen Text in Buchform erwartet, wird enttäuscht. Umso schwieriger ist es für den Leser, die Quintessenz aus dieser ohnehin schon schwer verständlichen „performativen Theorie der Versammlung“ zu ziehen.

          Was genau ist die zentrale Botschaft? Welchen politischen und theoretischen Mehrwert haben wir von der normativen „Konstruktion des Menschlichen“, von Wortschöpfungen wie „vordiskursiv“, „resignifizieren“ oder „chiasmisch“, noch dazu „innerhalb des von gegenhegemonialen Erkenntnisformen erschlossenen epistemischen Feldes“? „Ich bin selbst eine Allianz“, lernen wir von Butler. Wie bitte? „Denn wenn ich hier und dort bin“, fährt die Autorin fort, „bin ich auch nie vollständig dort, und selbst wenn ich hier bin, bin ich doch immer mehr als vollständig hier.“ Heute hier, morgen dort, bin kaum da, muss ich fort, möchte man mit Hannes Wader fröhlich kapitulierend weitersingen.

          Wenn wir uns die Annahme zu eigen machten, nach der Sprache die Welt nicht nur beschreibt, sondern sie hervorbringt: Wie sähe die Welt aus, wenn wir ihre Benennung ausschließlich den Poststrukturalisten überließen? Wären wir – die Normalsterblichen, die nicht zu den Groupies der performativen Theorie der Postmoderne gehören – in einer solchen Welt überhaupt lebensfähig? Nach der Lektüre ihres neuesten Werks sind daran erhebliche Zweifel angebracht.

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