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Hohenzollern im Dritten Reich : Interessante Nuancen des Opportunismus

Der Kaiser im Exil: Büste Wilhelms II. vor Huis Doorn Bild: Picture-Alliance

Von den Unempfindlichkeiten gegen historische Realitäten: Drei niederländische Historiker werfen einen Blick auf die deutsche Debatte um die Ansprüche der Hohenzollern an den Staat.

          4 Min.

          In den kommenden Jahren wird noch viel über die Hohenzollern und den Nationalsozialismus geschrieben werden. Schließlich bietet die aktuelle Debatte über die Forderungen des Prinzen von Preußen an den deutschen Staat für junge Historiker ein ideales Profilierungsfeld, und auch der Ehrgeiz der angestammten Autoritäten ist nicht zu unterschätzen. Der Bremer Emeritus Lothar Machtan, dem Zugang zum Hausarchiv der Hohenzollern in Hechingen gewährt wurde, bereitet angeblich eine Quellensammlung zur Rolle des Ex-Kronprinzen Wilhelm von Preußen beim Aufstieg Hitlers vor. Stephan Malinowski wiederum, Autor eines der vier Gutachten zu den Entschädigungsansprüchen des ehemaligen preußischen Herrscherhauses, wird seine preisgekrönte Arbeit über den deutschen Weg „Vom König zum Führer“ vermutlich mit entsprechender thematischer Zuspitzung fortsetzen.

          Das Bekannte, bündig zusammengefasst

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Aber bis zur Veröffentlichung solcher Forschungsergebnisse dürfte noch einige Zeit vergehen. Bis dahin kann man sein historisches Interesse mit einem Buch befriedigen, das einen niederländischen Seitenblick auf den deutschen Meinungsstreit wirft. Jacco Pekelder und Joep Schenk, zwei der drei Autoren des Bandes „Der Kaiser und das ,Dritte Reich‘“, lehren Geschichte an der Universität Utrecht, Cornelis van der Bas, der dritte, ist Kurator des Museums Huis Doorn, das in dem Schloss residiert, in dem Wilhelm II. seine letzten einundzwanzig Lebensjahre verbrachte. Ihre Studie entstand als Begleitband zu der gleichnamigen Ausstellung, die seit Oktober letzten Jahres in Huis Doorn zu sehen war und pandemiebedingt geschlossen ist. Von einer vielsagenden Ausnahme abgesehen, enthält sie fast nichts, was man nicht schon vor ihrer Publikation zum Thema wissen konnte. Dafür fasst sie das Bekannte so knapp und bündig zusammen, dass man geradezu von einem Handbuch sprechen kann.

          Die vielsagende Ausnahme ist das Gerangel zwischen den Hohenzollern und dem niederländischen Staat um Huis Doorn. Nach dem Zweiten Weltkrieg, in dessen Endphase Tausende Holländer unter deutscher Besatzung verhungert waren, war der Wohnsitz des exilierten Kaisers als Feindvermögen beschlagnahmt worden. Wilhelms Sohn und Erbe, ebenjener Ex-Kronprinz Wilhelm, über dessen Anteil an Hitlers Karriere die deutschen Historiker streiten, bemühte sich ab 1946 vergeblich um Rückgabe: Die Beweise seiner Verstrickung in Form von Zeitungsartikeln und Fotos mit Hakenkreuzbinde waren allzu erdrückend. Aber schon 1951 stellte Wilhelms Sohn Louis Ferdinand erneut einen Antrag auf „Entfeindung“, unter anderem mit dem Argument, die mit der Restitution des Schlosses verbundene Stärkung seines Hauses könne die junge Demokratie in Deutschland stärken.

          Eine Unempfindlichkeit gegen historische Realitäten

          Auch dieser Vorstoß wurde abgewehrt, und danach ruhte die Angelegenheit einige Jahrzehnte lang, bis sie vor sieben Jahren wieder auf die Tagesordnung kam. 2013 oder 2014, so die Autoren, ersuchte der heutige hohenzollersche Familienvorstand Georg Friedrich von Preußen beim niederländischen Bildungsministerium abermals um Rückübertragung. Als die Gespräche ergebnislos blieben, ließ er durch eine Rotterdamer Anwaltskanzlei förmlich Anspruch auf Huis Doorn erheben. Zur Begründung hieß es unter anderem, der niederländische Staat hätte durch die Gründung jener Stiftung, die das Schloss bis heute verwaltet, sein Eigentumsrecht verwirkt, weil er damit gegen den königlichen Erlass von 1944 verstoßen habe, der den Verkauf deutschen Eigentums zur Entschädigung der Kriegsopfer vorschrieb.

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