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Buch über DDR-Millionär Kath : Wie die Stasi anfing, mit Antiquitäten zu handeln

Bis Mitte der Siebziger Jahre war Kath (rechts) einer der erfolgreichsten Antiquitätenhändler der DDR. Bild: Privatarchiv von Annelies Kath

Eine Millionärskarriere in der DDR: Christopher Nehring erzählt in seinem neuen Buch von Aufstieg und Fall des Kunsthändlers Siegfried Kath.

          Gab es im Sozialismus Millionäre? Ja, doch wohl keiner wurde so schnell so reich, aber auch so schnell wieder arm wie der DDR-Antiquitätenhändler Siegfried Kath. Sein rasanter Aufstieg im wahrsten Sinne des Wortes vom Tellerwäscher zum Millionär war nur durch die deutsche Teilung möglich, genauso wie sein urplötzlicher Fall. Der Historiker Christopher Nehring legt nun erstmals eine umfassende Biographie dieses schillernden Geschäftsmannes vor, der mutmaßlich die Grundlage legte für das spätere Kunst- und Antiquitätenimperium des Stasi-Obersten Alexander Schalck-Golodkowski, der durch Ausverkauf des DDR-Eigentums Devisen für Ost-Berlin herbeischaffte.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          An all das war nicht zu denken, als Siegfried Kath, der aus Pommern stammte und auf der Flucht mit Mutter und Geschwistern in Niedersachsen gelandet war, 1961 unmittelbar nach dem Mauerbau ohne Visum in die DDR reiste. Ob Kath tatsächlich so ahnungslos war, wie er sich gab, lässt sich heute nicht mehr klären, auf jeden Fall ließ ihn der SED-Staat nicht mehr zurück in den Westen. Kath, gelernter Bergmann, nahm daraufhin sein Glück in die Hand und begann zu kellnern. In der chronisch missgelaunten DDR-Gastronomie hatte der galante und zuvorkommende Mann schnell Erfolg und erarbeitete sich ein erstes Vermögen, mit dem er bald in Dresden ein eigenes Café eröffnete.

          Durch Zufall zur Karriere

          Durch einen Zufall kam Kath dort mit Antiquitäten in Kontakt und bemerkte schnell, dass viele solcher Schätze noch in Kellern und auf Dachböden in der DDR schlummerten und sich gut weiterverkaufen ließen. Kath war, was Nehring als typisches Merkmal gut herausarbeitet, sofort elektrisiert. Er gab das Café auf und fuhr mit seiner Frau über Land, kaufte Möbel, Glas, Porzellan und Zinn an und verkaufte alles mit ordentlichen Gewinnspannen weiter. Schnell erwarb das Paar ein Auto, bald darauf ein eigenes Haus.

          Kath, der auf angenehmes Leben Wert legte und dafür die Arbeit nicht scheute, schien seine Passion gefunden zu haben. Er wolle eine gesicherte Existenz und sich alle Konsumansprüche erfüllen, erklärte er später in einem Vernehmungsprotokoll der Stasi. „Mir war es völlig gleichgültig, ob ich mir diese Existenz in einem sozialistischen oder kapitalistischen Staat aufbauen konnte.“

          Der Stasi in Pirna in der Sächsischen Schweiz, wo er ein Ladengeschäft übernommen hatte, kam solcherlei Gebaren sofort verdächtig vor: „In seinem Verhalten kann man ihn als Typ des Geschäftsmannes der westlichen Welt bezeichnen. In seinem Gebaren sind eindeutig Züge des Managertums zu erkennen (...) er ist überheblich und prahlsüchtig (...) darüber hinaus neigt er (...) dazu, schwatzhaft zu sein und in geschäftlichen und privaten Dingen der normalen Entwicklung weit voraus zu denken und dabei den Boden unter den Füßen zu verlieren“, notierten die Schnüffler 1969.

          Im Westen arbeitslos

          Auch in Ost-Berlin war man inzwischen auf den umtriebigen „Manager“ aufmerksam geworden; bald vertickte der Staatliche Kunsthandel gegen Devisen sowie eine gute Provision für Kath die Ware im Westen. Und weil die Geschäfte prächtig liefen, rief das binnen kürzester Zeit das Ministerium für Außenwirtschaft mit Schalck-Golodkowskis Abteilung „Kommerzielle Koordinierung“ (KoKo) auf den Plan, die Kath ein verführerisches Angebot machte: Im Gegensatz zum Staatlichen Kunsthandel, der dem Kulturministerium unterstand und immer erst zahlte, wenn die Ware im Westen verkauft war, bot die KoKo ihm Vorkasse sowie eine steuerfreie Umsatzprovision an. Kath kehrte aus Berlin mit einer Tasche voller Bargeld für Ankäufe zurück und stürzte sich in die Arbeit.

          Für das Jahr 1972 hatte ihm die KoKo 800.000 Mark zur Verfügung gestellt, für 1973 sogar drei Millionen. Kath heuerte für jeden DDR-Bezirk Einkäufer an, mietete Lager und gründete in Pirna eine eigene Exportabteilung. Die Quellen schienen unerschöpflich, er kaufte Standuhren, Porzellanpuppen und sogar Kutschen an; bereitwillig „befreiten“ sich die Leute von all diesen „Staubfängern“, die im Westen reißenden Absatz fanden. Schon bald fuhr Kath mit einem Audi 100 durchs Land, seine Frau mit einem knallroten Fiat Sport, was selbstredend nicht unbemerkt blieb. Als sich das Paar eine alte Mühle im Osterzgebirge ausbaute und mit ihren Beziehungen auch an Material und sogar Handwerker gelangte, wuchs der Neid vor allem in und um Pirna.

          Kath bemerkte das zwar, doch war er völlig ahnungslos, was sich in Berlin gegen ihn zusammenbraute. Bisher hatten die KoKo-Leute stets ihre schützende Hand über ihren Goldesel gehalten, doch im Frühjahr 1974 ließen sie ihn abrupt fallen: Kath wurde verhaftet, angeblich wegen „Betrugs am sozialistischen Eigentum“, und nach anderthalb Jahren Untersuchungshaft ohne Urteil, aber unter Verzicht auf sein gesamtes Vermögen in die Bundesrepublik abgeschoben. Den Deal hatte, wie oft in solchen Fällen, Rechtsanwalt Wolfgang Vogel eingefädelt. Kath, in der DDR eben noch Millionär mit Firma, Anwesen und Autos, saß nun allein im Westen und lebte von Arbeitslosenhilfe.

          Mit vierzig am Ende

          Nehring rekonstruiert aus Akten und Gesprächen, insbesondere mit Kaths Frau Annelies, detailliert die Intrige, die mit der Abschiebung nicht vorbei war. Denn bereits wenige Monate danach war Kath wieder in Ost-Berlin, bekam von den gleichen Leuten, die ihn fallengelassen hatten, eine Anschubfinanzierung für einen Neustart als exklusiver Antiquitäten-Partner der DDR im Westen. Dass Kath überhaupt darauf einging, wunderte nach der Wiedervereinigung nicht nur den Untersuchungsausschuss des Bundestages. Aus den hochfliegenden Plänen wurde nichts, Kath konnte im Westen nie wieder an seinen Erfolg anknüpfen; er war mit Anfang vierzig ein gebrochener Mann.

          Für die Stasi jedoch war der Fall die Blaupause für Devisenbeschaffung durch Antiquitäten, mit denen sie fortan selbst handelte. Nach Kath überzog die DDR rund hundertfünfzig weitere Antiquitätenhändler und Sammler mit Unterschlagungs- und Steuerstrafverfahren, um sie zu enteignen und ihren Besitz dann gegen harte Währung zu verkaufen.

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