https://www.faz.net/-gr3-8mcpm

Ian Kershaws „Höllensturz“ : Schlafwandler gab es überall

  • -Aktualisiert am

Als sie an die Macht kamen, war kein Frieden mehr möglich: Die Führungsriege der NSdAP, 1933. Bild: Picture-Alliance

Die Fassungslosigkeit, aus der alle Europäer lernten: Der englische Historiker Ian Kershaw hat ein exzellentes Buch über den zerrissenen Kontinent zwischen 1914 und 1949 geschrieben.

          Die Geschichte der Länder Europas im zwanzigsten Jahrhundert ist denkbar unterschiedlich verlaufen, und auch die Erfahrungen der Menschen waren von Land zu Land verschieden. Der Kontinent war vor allem durch seine Vielfalt gekennzeichnet und ist es noch. Gibt es unter diesen Voraussetzungen überhaupt so etwas wie eine europäische Geschichte? Kann man als Einheit erzählen, was sich vor allem durch Vielheit auszeichnet? Man kann, Ian Kershaw führt es auf ebenso eindrückliche wie elegante Weise vor.

          Aber auch die Widersprüche und Disparitäten eines solchen Vorhabens treten dabei hervor. Kershaw geht nicht von einer fiktiven Einheit „Europa“ aus, sondern nimmt den Begriff zunächst einmal geographisch und erzählt die Geschichte der einzelnen Länder zwar miteinander verwoben, aber doch für sich. Seine Leitfrage ist einfach und plausibel: Wie kam es dazu, dass sich Europa in den vierziger Jahren beinahe selbst zerstört hat? Und natürlich spielen bei einer solchen Frage manche Länder eine sehr große, andere gar keine Rolle. Kershaws Ausgangspunkt ist die sich herausbildende Konfrontation von Demokratie und Diktaturen als Signum der Epoche, wobei er sehr sorgfältig die Abstufungen von autoritären Regimes und faschistischen Diktaturen darlegt.

          Wenig Raum für die Kolonialpolitik

          Auf dieser Grundlage entfaltet Kershaw ein weites Panorama, sprachlich ebenso zurückhaltend wie präzise. Immer wieder aufs Neue geht er dafür die Reihe der europäischen Länder durch. Dabei wird – oft nur auf einer halben oder ganzen Seite – das Spezifische mit großer Klarheit herausgearbeitet, werden nationale Unterschiede und Gemeinsamkeiten deutlich gemacht. Überraschend wenig Raum widmet er hingegen der Kolonialpolitik der Mächte, so dass die Frage nach der Bedeutung des Kolonialismus für die Entwicklung auf dem Kontinent etwas unbestimmt bleibt.

          Der britische Historiker Ian Kershaw wurde besonders durch seine zweibändige Hitlerbiographie bekannt.

          Die Grundstruktur des Buches ist konventionell. Die Politik steht im Vordergrund, es wird chronologisch erzählt, und nahezu die Hälfte des Buches ist Deutschland gewidmet, dessen Aufstieg, Fall, Wiederaufstieg und abermaligen Sturz Kershaw mit großer Sorgfalt, geradezu mit Anteilnahme schildert. Bei der Frage nach der „Schuld“ am Ersten Weltkrieg stellt er das Bild von den „Schlafwandlern“ in Frage: Er lässt zwar keinen Zweifel daran, dass Deutschland in etwas höherem Maß für den Ausbruch des Krieges verantwortlich zu machen ist als die anderen Großmächte, doch die taten ihrerseits auch nichts, um den Konflikt zu entschärfen, im Gegenteil.

          Der Aufstieg der politischen Rechten

          Dieser Krieg ist für Kershaw der Ausgangspunkt jenes „Höllensturzes“ als den er die Entwicklung Europas in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts versteht. Tatsächlich aber beginnt er das Buch mit einem Kapitel über die beiden Jahrzehnte vor 1914, das er „Das Goldene Zeitalter“ nennt, in dem mit der modernen Industriegesellschaft all jene Widersprüche und politischen Bewegungen entstanden, die das Gesicht der Epoche prägen sollten, vom Aufstieg des Sozialismus und des völkischen Nationalismus bis zu Eugenik und Antisemitismus. Ist dann aber nicht der Erste Weltkrieg nicht doch eher Katalysator als Ausgangspunkt jener Entwicklungen, die dann zur Katastrophe des Zweiten Weltkriegs führten?

          Im Mittelpunkt der Kapitel über die Zwischenkriegszeit steht der sich nach der kurzen Phase der Hegemonie der Linken rasch beschleunigende Aufstieg der politischen Rechten in allen Ländern. Dabei verweist Kershaw immer wieder darauf, dass sich die Demokratie abgesehen von den Neutralen nur in den Siegerländern des Ersten Weltkriegs halten oder durchsetzen konnte, während bei den Kriegsverlierern sich nach kurzer oder längerer Zeit Diktaturen herausbildeten. Die große Ausnahme war Italien, das zu den Siegern gehörte, sich aber schon in den frühen zwanziger Jahren in die Arme Mussolinis warf. Doch Italien war ein Land der gefühlten Niederlage, weil es im Krieg nur geringe Teile seiner territorialen Erweiterungsziele hatte durchsetzen können.

          Mit Hitler waren die Aussichten auf Frieden dahin

          Der Aufstieg Hitlers in Deutschland war gewiss nicht alternativlos, das wird sehr deutlich. Nachdem die Republik die unzähligen Unruhen, Rebellionen, die Putsche von rechts und die Aufstände von links überstanden hatte, schließlich auch noch die Ruhr-Besetzung und die verheerende Inflation, wurde Weimar erst durch die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise zur Strecke gebracht. Mit Hitlers Machtübernahme aber waren die Aussichten auf eine friedliche Zukunft des Kontinents dahin, zu eindeutig setzte der Diktator auf die Revanche für die Niederlage 1918 und auf die Errichtung eines Kolonialraums im Osten.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.