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Ian Kershaws „Höllensturz“ : Schlafwandler gab es überall

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Angesichts der gewaltigen Aufrüstung des Nazi-Reiches bot die Rheinland-Besetzung 1935 die letzte Gelegenheit, um Hitler in den Arm zu fallen. Aber eine gefährliche Krise, womöglich einen Krieg riskieren, wenn die Deutschen in Deutschland einmarschierten? „Appeasement“ war der Versuch der Beschwichtigung, der friedlichen Beilegung der Konflikte, betont Kershaw, auch Ausdruck des schlechten Gewissens gegenüber Deutschland wegen der harschen Bedingungen von Versailles. Das führte zum Münchner Abkommen, das Kershaw als Kapitulation des Westens beschreibt, aber auch als Wendepunkt. Danach ging es nur noch um Zeitgewinn, um nachzurüsten.

Die schwierige Durchsetzung pluralistischer Werte

Den Krieg schildert Kershaw in allen Facetten, verweist immer wieder auf die Dynamik der Gewalt, die das nationalsozialistische Deutschland in Gang setzte und deren furchtbarster Ausdruck der Mord an den Juden war. Kershaw lässt keinen Zweifel daran, wie breit die Unterstützung Hitlers in der deutschen Bevölkerung war, auch während des Krieges, wenngleich er sich von vereinfachenden Erklärungsmustern wie der Vorstellung von einer homogenen „Volksgemeinschaft“ absetzt.

Diese in ihrer Genauigkeit und Vielfalt außerordentlich beeindruckenden Passagen machen den Hauptteil des Buches aus. Ihnen schließt sich ein Kapitel an, in dem „Kontinuitäten langfristiger sozioökonomischer Wertesysteme, auch kulturelle Entwicklungslinien“ skizziert werden, die im Verlaufe der Erzählung nicht berücksichtigt worden waren. Hier kommt vieles zusammen: Bevölkerungsentwicklung, Kriegswirtschaft, Ausbau der Sozialversicherungssysteme, die Stellung der Frauen, die Rolle der Kirchen und der Intellektuellen, schließlich die populäre Unterhaltung. Das ist im Einzelnen ebenso interessant wie bedeutsam, aber es wirkt zuweilen doch etwas ungeordnet. Man hätte sich gewünscht, die kulturellen oder wirtschaftlichen Entwicklungen wären direkt mit den politischen in Bezug gesetzt worden.

Deutschlands Drang zur Revanche

Kershaw beendet den ersten Teil seiner auf zwei Bände berichteten Darstellung nicht mit dem Jahr 1945, sondern mit einem Kapitel über die Nachkriegsjahre bis 1949. Eingehend beschreibt er die verschieden ausfallende Abrechnung mit Nazismus und Kollaboration in den europäischen Ländern. Die schwierige Durchsetzung pluralistischer, demokratischer Verhältnisse im Westen und die Errichtung neuer Tyrannei unter sowjetischer Besatzung stehen am Ende dieser Darstellung.

Wie kam es dazu, dass sich Europa in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts beinahe selbst zerstört hätte? Der Aufstieg des radikalen Nationalismus und des Kommunismus stalinistischer Prägung im Kontext des Ersten Weltkriegs steht bei Kershaw im Mittelpunkt. Die Tatsache, dass sich die liberale Demokratie in den Verliererländern des Ersten Weltkriegs nicht hatte durchsetzen können, dass insbesondere in Deutschland der Drang zur Revanche so breite Unterstützung und in Hitler schließlich die Person fand, die diesen Drang in ein massenmörderisches Programm einzigartiger Radikalität umsetzte: Darin, so zeigt uns Kershaw in eindrücklicher Weise, liegt die wesentliche Ursache für den „Höllensturz“.

Das Ausmaß der Vernichtung

Gibt es nun eine europäische Geschichte? Nein, wenn man darunter eine homogenisierende, die extrem unterschiedlichen Entwicklungen einebnende Sichtweise verstünde. Ja, wenn man wie Kershaw die gemeinsamen ebenso wie die unterschiedlichen Erfahrungen der Europäer deutlich herausstellt, die spezifischen Wege einzelner, gerade kleinerer Länder berücksichtigt und etwas von der Fassungslosigkeit mitteilt, die nahezu alle Europäer ergriff, als sie das Ausmaß des Schreckens und der Vernichtung auf ihrem Kontinent erkannten.

Hier lag, das ist die Quintessenz dieses Buches, der Ausgangspunkt für die dann in weiten Teilen des Kontinents viel bessere zweite Hälfte des Jahrhunderts. Wenngleich wir gegenwärtig beobachten können, wie der Nachhall dieses Schreckens, der Europa auf einen besseren Weg brachte, sich zu verflüchtigen beginnt.

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