https://www.faz.net/-gr3-7nwyg

Neues Buch „Der NSA Komplex“ : So kann es nicht weitergehen

  • -Aktualisiert am
„Der NSA-Komplex“ - erschien am 31.3.14 im Random House-Verlag.

Und es ist ihm gelungen, ein Set von Dokumenten mitzunehmen, die die internen Auswerter der NSA ganz offen als „die Schlüssel zu unserem Königreich“ bezeichnen. Ohne Snowdens heldenhaften Verrat hätten selbst Profis nicht für möglich gehalten, in welchem Umfang, mit welcher Ruchlosigkeit und welcher kriminellen Energie spioniert wird. Die Autoren machen ohne Sensationslust klar, dass es sich hier um eine planmäßige, mit schier unendlichen Mitteln und großem politischem Willen betriebene Subversion des Rechtsstaats handelt.

Recht und Gesetz existiert nur in einer begrenzten Sphäre

Nahezu die gesamte digitale Kommunikation wird früher oder später zu einem Instrument der amerikanischen Dienste, deren Mission keine Grenzen kennt. Die oft zitierte Terrorabwehr, das Trauma des 11.Septembers 2001, sind nur die massentauglichen Verkaufsargumente, die die Öffentlichkeit ruhigstellen sollen, bis endgültig alles verwanzt, verdrahtet und jedes Quentchen Vertrauen und Vertraulichkeit ausgehöhlt ist.

Wir würden ohne Snowdens Dokumente nicht glauben, dass Recht und Gesetz nur in einer begrenzten Sphäre gelten, die wir bisher für das ganze Universum hielten. Doch darüber und darunter sind ganz andere, ziemlich effektive Kräfte am Werk, und es scheint nicht so, als reichte der Einfluss einer Bundesregierung dorthin. Ohne Furcht und ohne jeden Respekt wurde nicht allein das Telefon der Kanzlerin abgehört.

Im Buch dargestellte Indizien legen auch den Schluss nahe, dass so ziemlich jede wichtige Figur aus Politik und Wirtschaft hierzulande, bis hin zu Mittelständlern der IT- Branche, zu einer ahnungslosen Quelle sammelwütiger Dienste geworden ist. Dabei werden zunächst einzelne Mitarbeiter ins Visier genommen, etwa über manipulierte Homepages beliebter Anbieter wie LinkedIn, dann deren engste Kollegen, schließlich deren Familien, der Freundes- und Bekanntenkreis, bis man so ziemlich alle Kontakte, Kommunikationen und Bewegungen beieinanderhat.

Komplex aus Geheimdiensten, Unternehmen und Politik

Es scheint nicht vorzukommen, dass die NSA und ihre befreundeten Organisationen auch mal ablehnen, irgendetwas auszuforschen. Was gemacht werden kann, wird gemacht. Und das Ziel ist klar: Zugriff auf alle digitalen Endgeräte, jederzeit. In einem wie von Jorge Luis Borges imaginierten allumfassenden Sammelwahn soll eine geheime digitale Parallelwelt errichtet werden, in der alle verfügbaren Informationen im Interesse der jeweiligen Auftraggeber so lange bearbeitet werden können, bis das Gewünschte herauskommt. Das Datensammeln, das wird jedem Leser klar, dient keiner guten Sache, es ist durch kein Gesetz gerechtfertigt, sondern Selbstzweck eines sich selbst autorisierenden, von der eigenen Überlegenheit berauschten Komplexes aus Geheimdiensten, zuarbeitenden Unternehmen und der politischen Führung in den Vereinigten Staaten.

Snowden hat mit seinem persönlichen Mut in idealistischer Absicht die höchsten Orden verdient – wofür haben wir solche Auszeichnungen denn sonst? Ohne seine Aktion würden wir weiter in jenen Illusionen leben, die die Dienste so sorgsam für uns inszenieren, so wie jene treudoofen Nutzer der auf den großen Gipfeln der Politik errichteten Internetcafés, in denen man kostenlos mailen und surfen konnte, während kleine Programme jede Tasteneingabe unmittelbar an die Sammler von der NSA und ihre britischen Kollegen weitergaben. Dieses Buch zerstört solche Illusionen und lässt einem das Blut in den Adern gefrieren. Und es wird klar, dass es so nicht weitergehen kann.

Weitere Themen

Topmeldungen

Mit seinem Elfmetertreffer stößt Timo Werner die Tür für Leipzig zum Viertelfinale weit auf.

Champions League : Werner lässt RB vom Viertelfinale träumen

RB Leipzig ist dem Viertelfinale der Champions League nahe. Das Team von Trainer Julian Nagelsmann spielt bei den Tottenham Hotspur von der ersten Minute an stark auf, gewinnt und verpasst es allein, ein zweites Auswärtstor zu schießen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.