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Neuerscheinungen : Die krummen Finger des Götterlieblings

  • -Aktualisiert am

Die Königin der Nacht in einer Salzburger Inszenierung von 2002 Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Angesichts der Überfülle an Publikationen aus Jahrhunderten fällt es immer schwerer, Neues zu entdecken. Selbst die Ortung des historisch angeblich Abgesicherten scheint schwierig. Ein Blick in die Neuerscheinungen zum Mozart-Jahr.

          8 Min.

          Mit tsunamihafter Wucht baut sich das Mozartjahr 2006 auf, wenn im Januar der 250. Geburtstag des Künstlers begangen wird. Zumal in Österreich, vor allem in Salzburg und Wien, rotiert die "Heilig-heilig"-Walze, gilt es doch, einen Nationalheros zu feiern, der dies, zumindest im kulturchauvinistischen Sinn, nicht einmal war.

          Zum Hyperkult gehört das Beschwören überzeitlicher Werte. Dem entspricht die Nemesis alles Kanonischen. Schon das Bonmot des Komponisten Mauricio Kagel: "Es mögen nicht alle Musiker an Gott glauben, an Bach glauben sie alle" trifft in dieser Massivität nicht zu. Vorbehalten kann man häufig begegnen, wenn auch hinter vorgehaltener Hand. Ebenso hat es Mozart-Skeptiker, ja -Verächter gegeben. So monierte 1826 der Schweizer Musikschriftsteller Nägeli Mozarts "Styllosigkeit", den Wechsel der Genres und Idiome auf engem Raum. Für das neunzehnte Jahrhundert, das den "Götterliebling" als "zweiten Raffael" feierte, war das ein Tort. Analog zu Scheibes Bach-Kritik hat aber Nägeli in seinem Tadel Richtiges diagnostiziert: Gerade in der Diskontinuität, im Stilmix liegen Qualitäten Mozarts, n icht nur der Opern. Die pries Wagner, doch störten ihn die Relikte der Konvention. Mahler wurde als Dirigent der Opern gefeiert, gleichwohl meinte er, für ihn seien Mozarts Sonatenhauptsätze meist mit der Exposition zu Ende: Die Durchführung bringe nicht viel, die Reprisen seien regelmäßig, Coden selten.

          Bei dem Musikästhetiker August Halm war für Mozart zwischen Bachs Fugenautonomie und Beethovens Sonatendynamik kaum Platz. Erstaunt stellt man fest, daß Komponisten wie Boulez, Nono, Xenakis, Nicolaus A. Huber, Mathias Spahlinger und der kompositorisch argumentierende Pianist Glenn Gould auf Mozart indifferent bis ablehnend reagierten. Stockhausen allerdings hat 1961 in seinem Text über Mozarts "Kadenzrhythmik" versucht, mit dem Instrumentarium serieller Musik Strukturgeheimnisse zu klären. Aber selbst hochqualifizierte Opernexperten, ja Sängerinnen bekennen, mit Mozart wenig anfangen zu können. So einhellig ist die Akklamation also nicht. Mozart ist auch ein "Fall". Entsprechend spannend könnte die Auseinandersetzung sein, der Ausgang offen, bis hin zu Einwänden.

          Davon kann bei der Flut von Neuveröffentlichungen kaum die Rede sein, die Hagiographik dominiert. Angesichts der Überfülle an Publikationen seit bald zweihundert Jahren fällt es immer schwerer, Neues zu entdecken. Selbst die Ortung des historisch angeblich Abgesicherten scheint Schwierigkeiten zu bereiten, sogar im Falle eines Lexikons im Rahmen des sechsbändigen Mozart-Handbuchs des Laaber-Verlags. Mozart von A bis Z - das verheißt eine Vollständigkeit, die utopisch ist. Es fehlt die ordnende Hand, ein aktuell akzentuiertes Konzept, zumal ein österreichischer, dazu eher konservativer Aspekt dominiert. So sollte man von einem 2005 erscheinenden Lexikon erwarten, daß die Salzburger Festspiel-Mozartaktivitäten der Ära Mortier und Ruzicka erwähnt werden. Doch der Überblick schließt mit den sechziger Jahren. Dafür wird das artige Salzburger Marionettentheater ausgiebig gewürdigt. Wie wichtig Carl Philipp Emanuel Bachs "Empfindsamkeit" und Johann Christian Bachs "singendes Allegro" für Mozart waren, wird hinter dürrer Lexikalik nicht deutlich. Gut ist, daß Kurt Weill behandelt wird, auch wenn der erste Satz ein Monster ist: "In der Abkehr vom Wagnerschen Musikdrama liegt die wesentlichste Bedeutung Mozarts für Kurt Weill." Kurios ist die Auswahl der Dirigenten. Der Salzburger Karajan wird ausführlich vorgeführt, außerdem der nicht gerade als Mozartianer prominente Knappertsbusch. Furtwängler, Klemperer, Kleiber fehlen. Harnoncourts Uralt-Platte der Hornkonzerte wird erwähnt, nicht die Zürcher Operntaten. Natürlich gibt es auch vorzügliche Artikel, so zur literarischen Rezeption, aber Auswahl und Qualität sind arg schwankend. Es fehlt ein Namenregister, bei einem Handbuch ein Handicap.

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