https://www.faz.net/-gr3-1693i

Neue Sachbücher : Eine Erziehung im Untergrund

Daniel Cordier bei den Feierlichkeiten zum 18. Juni vor zwei Jahren in Suresnes bei Paris, wo die deutschen Besatzer 1941 als Vergeltung für den Anschlag auf einen deutschen Offizier siebzig Franzosen ermordeten. Bild: AFP

Rückblick auf dunkle Zeiten und das unbesiegte Frankreich: Daniel Cordiers Erinnerungen an die Jahre 1940 bis 1943 verknüpfen Biographie und Geschichte der Résistance.

          4 Min.

          Mit gepresstem Herzen sage ich Ihnen heute, dass wir den Kampf einstellen müssen. Ich habe mich diese Nacht an den Gegner gewandt mit der Frage, ob er bereit sei, mit uns - unter Soldaten - Wege zu suchen, nach der Schlacht und in Ehren den Feindseligkeiten ein Ende zu setzen." Diese Worte richtete Marschall Pétain, eben erst zum Regierungschef bestellt, am 17. Juni 1940 an die Franzosen: Frankreich stand vor der Kapitulation und eine von den deutschen Besatzern gegängelte und willfährige Regierung an ihrem Beginn. Eingerichtet in dem kleinen Kurort Vichy, wohin die höheren Regierungsstellen vor den heranrückenden deutschen Armeen geflüchtet waren.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          In einem Städtchen im Süden hört ein Neunzehnjähriger gemeinsam mit seinen Eltern die Rede im Radio. Und eine Welt bricht für ihn zusammen: Der Held des Ersten Weltkriegs, der erwartete Retter Frankreichs hatte versagt. Was waren nun Beschwörungsformeln wert, die sein Idol Charles Maurras nicht müde geworden war zu wiederholen - von nationaler Ehre, von Frankreichs nur im Waffengang zu rettender Glorie. In einem Waffengang, den der alte Marschall führen sollte, für den der vollmundige Rhetoriker der Action française eingetreten war.

          Von Maurras zu de Gaulle

          Und der junge Bewunderer von Maurras, vom Elternhaus her royalistisch imprägniert, auf das von Gott zum Vorbild aller Nationen erwählte Frankreich eingeschworen, samt antisemitischen Untertönen und antidemokratischen Überzeugungen ohnehin, sieht nur einen Weg vor sich: mit der Waffe in der Hand gegen die Deutschen zu kämpfen. Der Aufbruch ist überstürzt, Nordafrika zuerst das Ziel, doch dann nimmt das Schiff Kurs auf England - und es folgen zwei Jahre militärischer Ausbildung auf britischem Boden, zum Soldaten des "Freien Frankreich" unter der Führung von General Charles de Gaulle.

          Zwei Jahre aber auch, in denen dieser junge Daniel Cordier von seinen rechten Überzeugungen losgerüttelt wird. Aus einem eingefleischten "Camelot du Roi" wird ein Bewunderer des Generals, dem nach und nach aufgeht, dass auch andere politische Einstellungen zur patriotischen Verpflichtung führen können - und Juden davon nicht ausgenommen sind. Daniel Cordier, heute fast neunzig Jahre alt, versteht es in seinem Rückblick wunderbar, dieses Zerfallen übernommener Überzeugungen unter dem Eindruck neuer Erfahrungen darzustellen. Er versetzt sich in sein junges Ich, um den Leser ganz nah an Ereignissen, Begegnungen und Gesprächen zwischen den Sommern der Jahre 1940 und 1943 teilhaben zu lassen. Aber seine eigene Geschichte bildet für ihn doch nur den Hintergrund, um einen anderen auftreten und im täglichen Umgang sichtbar werden zu lassen.

          Der Sekretär von Jean Moulin

          Diesem Mann begegnet Cordier im Juli 1942 in Lyon, nachdem er sich zur Arbeit im französischen Untergrund gemeldet hat. Rex ist sein Codename, seinen richtigen Namen, Jean Moulin, wird Cordier erst nach der Befreiung Frankreichs erfahren. Er kennt auch nicht die Vorgeschichte dieses jüngsten aller französischen Präfekten, der sich deutschen Pressionen widersetzt und einen Selbstmordversuch überlebt hatte, von Vichy suspendiert worden und zum Repräsentanten de Gaulles im französischen Untergrund geworden war.

          Weitere Themen

          „Auf dass diese Lektion nicht vergessen wird“ Video-Seite öffnen

          Schriftsteller Waltern Kirn : „Auf dass diese Lektion nicht vergessen wird“

          Walter Kirn wurde mit seinem Roman „Up in the Air“ (2001), der mit George Clooney verfilmt wurde, als Schriftsteller bekannt. Der Amerikaner kommentiert die amerikanische Gegenwart vor allem auf Twitter, zeitweilig auch als Kolumnist bei „Harper’s“. Zuletzt erschien sein Buch „Blut will reden“ im C. H. Beck Verlag.

          Topmeldungen

          Mittlerweile hat Nils Jonathan Lenssen aus Berlin die Situation akzeptiert: „Das Hauptding ist der Abschluss und was erreicht zu haben“, sagt er.

          Abitur zu Zeiten des Virus : Der Corona-Jahrgang

          Sie haben von einer besonderen Zeit geträumt, Partys und Reisen vorbereitet. Jetzt aber müssen auch sie zu Hause bleiben. Unsere Autorin hat sich bei Abiturienten umgehört, wie Träume platzten und neue Pläne entstehen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.