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: NEUE REISEBÜCHER

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Für die Tasche. "Eine Kulturgeschichte" nennt Peter Sager sein Doppelporträt der englischen Universitätsstädte Oxford und Cambridge. Das will nicht so recht passen, denn sein überaus detailliertes, fein geschriebenes, oft witziges Buch über "Oxbridge" ist auf weiten Strecken eher der klassische Kunst-Reiseführer für die gebildeten Stände als ein historischer Abriß.

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          Für die Tasche. "Eine Kulturgeschichte" nennt Peter Sager sein Doppelporträt der englischen Universitätsstädte Oxford und Cambridge. Das will nicht so recht passen, denn sein überaus detailliertes, fein geschriebenes, oft witziges Buch über "Oxbridge" ist auf weiten Strecken eher der klassische Kunst-Reiseführer für die gebildeten Stände als ein historischer Abriß. Sager nimmt uns freundlich an die Hand und spaziert durch die weltberühmten Colleges wie All Souls, Trinity oder Balliol, zeigt auf Plätze, Gärten, Inschriften und unterhält mit einer Fülle von Anekdoten aus dem Leben der konkurrierenden Zwillinge.

          Deren effortless superiority beschwört der Autor, ein ausgewiesener Kenner Englands, auf jeder Seite herauf, nimmt sie zum Kronzeugen für den Ruhm Oxfords und Cambridges. Er gibt sich dem Mythos der "mühelosen Überlegenheit" aber zu fraglos hin. Natürlich, wer wünschte sich nicht einen Abschluß von Oxbridge, wer bewunderte nicht die klugen Köpfe, die beide Orte hervorbrachten, und wäre gern geistreich wie Wilde, revolutionär wie Watson und Crick oder flamboyant wie Sir Acton. In England ist aber längst eine Debatte darüber entbrannt, wie Eliten entstehen und sich neu rekrutieren, was sie verantworten und was sie kosten. Solche Überlegungen stellt diese "Kulturgeschichte" leider nur zwischen den Zeilen an. Nun schreibt Sager keinen "Lonely Planet Oxbridge" - ein Glück; wie grotesk wäre das. Stark aber ist sein Buch vor allem dann, wenn es die Außenseiter beschreibt, wie beispielsweise Virginia Woolf: "Sie liebte Cambridge - und sie haßte es als Inbegriff der Männerwelt."

          Die ausgeschlossene Virginia hat dort nie studiert, aber die Männer von Bloomsbury taten es, durften es. Der höchsteigene, hermetische Kosmos dieser beiden Städte, die über sechshundert Jahre hinweg die einzigen Universitäten Englands stellten, schließt Sager einem auf, soweit das für Fremde, für Touristen eben geht, etwa über die Literatur. Oxford, schreibt der Autor, sei "für Leser, nicht für Touristen gemacht". Sagers Buch ist auch in diesem Sinne ein Nachschlagewerk, hin zu den meisterlichen Oxbridge-Romanen wie Evelyn Waughs "Wiedersehen mit Brideshead" oder Max Beerbohms "Zuleika Dobson", aber ebenso zu Stephen Frys homoerotischen College-Lustspielen. Auch die Artisten von Monty Python's Flying Circus haben übrigens hier wie dort studiert, berichtet Sager. Der verstiegene Humor eines John Cleese rekonstruiert und dekonstruiert den Mythos der old boys und ihrer Welt wohl spielerischer und sinnlicher, als es ein gelehrter Band wie dieser könnte.

          tob.

          Peter Sager: Oxford & Cambridge. Eine Kulturgeschichte, Verlag Schöffling & Co., 438 Seiten, 34,90 Euro.

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