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: Neue islamische Theologie

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Ist der Islam offen für verschiedene Auslegungen seiner Tradition? Angesichts der aktuellen Konfliktlage ist das eine Schlüsselfrage. Wir stehen vor unterschiedlichen Religiositäten: Für die Muslime ist die bildliche Darstellung ihres Propheten tabu, während in der christlichen Kunst mit dem Ende des Ikonoklasmus alle Bilderverbote gefallen sind.

          Ist der Islam offen für verschiedene Auslegungen seiner Tradition? Angesichts der aktuellen Konfliktlage ist das eine Schlüsselfrage. Wir stehen vor unterschiedlichen Religiositäten: Für die Muslime ist die bildliche Darstellung ihres Propheten tabu, während in der christlichen Kunst mit dem Ende des Ikonoklasmus alle Bilderverbote gefallen sind. Zudem ist für die Muslime der Koran das in Buchstaben gegossene, das unmittelbare und damit auch unabwandelbare Wort Gottes. Im Christentum hingegen ist Gottes Wort Fleisch geworden, aufgeschrieben von Menschen. Dem Christentum ist die historisch-kritische Bibelexegese damit fast in die theologische Wiege gelegt worden. Der Islam scheint jedoch an einmal formulierte Überlieferungen gekettet zu sein, ohne Chance zur Weiterentwicklung.

          In den Bildern eines Mobs, der Flaggen verbrennt und dänische Botschaften anzündet, mag dieser erste Befund seine Bestätigung finden. Vorbei geht er indessen an der Wirklichkeit der vielfältigen theologischen Auseinandersetzungen mit dem heiligen Buch der Muslime. Unbestritten ist, daß sich nach wie vor die meisten muslimischen Theologen eher mit der Tradition als mit der Theologie beschäftigen, daß sie eher Kopisten der Vergangenheit sind als kreative Denker. Daß ihnen auch die Formen der Ästhetik wichtiger sind als das Nachdenken über den Inhalt. Der liberale muslimische Denker Fazlur Rahman (1919 bis 1988) hatte beklagt, wie diese Traditionalisierung den Reichtum der koranischen Theologie verkümmern lasse und daß man sich damit die Chance vergebe, Anknüpfungspunkte an die Moderne zu finden.

          Allen Bildern der haßerfüllten Prediger und der grimmig dreinblickenden Bärtigen zum Trotz: Auch in die islamische Welt ist Bewegung geraten. Von einem wichtigen neuen Ansatz der Koranexegese berichtet eine Studie des deutschen Jesuiten Felix Körber, der seit vielen Jahren in Ankara lebt. Mit seiner Arbeit füllt er eine Lücke: Erstmals liegt nun eine Arbeit vor über die jüngere Koranforschung in der Türkei, und erstmals zeigt er, wie deutsche Philosophie, insbesondere Gadamers Hermeneutik, Eingang gefunden hat in die Methoden jüngerer türkischer Islamtheologen. Über die Schulter schaute Körner vier von ihnen: Mehmet Pacaci und Adil Ciftci, Ömer Özsöy und Ilhami Güler.

          Mehmet Pacaci wurde 1959 in der türkischen Provinzstadt Bolu geboren. Seine Studien führten ihn nach Saudi-Arabien und nach Manchester, geforscht hat er zudem in Rom und in Bamberg. Heute lehrt er an der Theologischen Fakultät der Universität Ankara. Als einer der ersten islamischen Theologen liest er auch die heiligen Bücher der Juden und der Christen - und das in deren Originalsprachen.

          Sein Ausgangspunkt ist die Erkenntnis, daß die Prinzipien des Koran universelle Gültigkeit besitzen, daß der Koran aber in einem historischen Kontext offenbart worden ist und auf konkrete historische Situationen Bezug nimmt. "Einen Text zu verstehen bedeutet daher, ihn in jedem Moment neu zu verstehen", schreibt Pacaci einmal. Nie könnten Menschen ein vollständiges Verständnis entwickeln. Der Exeget sei stets von seiner Zeit geprägt. Daher müsse sich auch die Umsetzung der Prinzipien des Korans in dem Maße ändern, wie sich die historischen Situationen veränderten, lehrt Pacaci.

          Körner zeichnet nach, wie Pacaci eine Synthese aus dem Denken Gadamers und Fazlur Rahmans entwickelt. Wie Gadamer sieht er den Exegeten in einem Koordinatensystem von Raum und Zeit, mit Fazlur Rahman entdeckt Pacaci die allgemeinen Prinzipien, die dem Koran zugrunde liegen.

          Körner zeichnet das Vorgehen Pacacis etwa an der Auslegung der Sure 112 nach, die in der Übersetzung von Friedrich Rückert heißt: "Sprich, Gott ist Einer/Ein ewig reiner/Hat nicht gezeugt und ihn gezeugt hat keiner/und nicht ihm gleich ist einer." In seiner Exegese entwickelt Pacaci den Gedanken, daß der Koran in der Tradition der Propheten vor Muhammad stehe, und bei den Zeitgenossen Muhammads habe der Koran das Wissen der biblischen Theologie vorausgesetzt. Pacaci führt daher die zentralen arabischen Begriffe der Sure - etwa "ahad" und "samad" - auf die Theologie der vorislamischen semitischen Religion zurück. Nicht die Bibel habe aber den Koran beeinflußt, sondern die gemeinsame semitische Tradition, sagt Pacaci.

          Die Kontextualisierung einer Koransure in die Welt des siebten Jahrhunderts ist nur eines von vielen Beispielen, mit denen Körner die neuen Ansätze der jungen Theologen illustriert. Gemeinsam ist den vier vorgestellten Theologen, daß sie an der Theologischen Fakultät der Universität Ankara forschen und lehren. Sie wurde 1948 gegründet, und sie gilt als die Mutterfakultät aller theologischen Hochschulen der Türkei. Die Dekane der anderen 23 theologischen Fakultäten des Landes sind nahezu ausnahmslos Absolventen aus Ankara, auch nimmt ihr Einfluß auf die staatliche Religionsbehörde "Diyanet Isleri Baskanligi" zu. Denn deren neuer Präsident, der Reformtheologe Bardakoglu, stellt zunehmend die Anpassung des Islam an die Moderne in den Mittelpunkt der Arbeit des Diyanet.

          Damit wendet sich das Diyanet von seinem nationalistischen Auftrag ab. Denn als die Gründer der Republik 1923 die höchste religiöse Instanz, das Amt des Scheich ül-Islam, auflösten, gründeten sie als Religionsbehörde das Diyanet. Der neue türkische Staat mußte sich erst seine Nation schaffen, und das Diyanet hatte als Repräsentant des sunnitischen Islam dazu seinen Anteil zu leisten. Erst in den jüngsten Jahren ist der offizielle türkische Islam weniger politisch geworden und dafür intellektueller. Ein entscheidender Anteil gebührt der Ankaraner Schule.

          Indem sie die Fakultät nicht nach der "Scharia" benannten, sondern wie im Westen üblich nach der "Theologie" (ilahiyat), und indem sie die Fakultät nicht einer religiösen Behörde unterstellten, sondern dem Erziehungsministerium, sandten ihre Gründer das Signal aus, daß sie eine moderne Fakultät haben wollen. Ihre Professoren sollten nicht tradieren, sondern selbständig denken.

          Eine erste Generation "islamischer Modernisten" um Hüseyin Atay und Mehmed Said Hatiboglu war im Westen noch weitgehend unbeachtet geblieben. Körners Studie stellt ihre Nachfolger nun erstmals in einer kritischen Studie vor. Sie bilden das, was die Türkei bereits die "Ankaraner Schule" nennt. Aus der Studie lernt der Leser nicht zuletzt, daß die Bandbreite der islamischen Theologie doch größer ist, als es die Fixierung auf haßpredigende Extremisten erwarten läßt.

          RAINER HERMANN.

          Felix Körner: "Revisionist Koran Hermeneutics in Contemporary Turkish University Theology". Rethinking Islam. Ergon-Verlag, Würzburg 2005. 230 S., br., 29,- [Euro].

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