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Neue Interpretationen zu Hegel : Das Selbstbewusstsein ist kein Schneckenhaus

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Bild: Verlag

Was soll Hegels berühmte Geschichte von Herr und Knecht uns eigentlich sagen? Robert Pippin und Susan Buck-Morss versuchen des Rätsels Lösung auf recht verschiedenen Wegen.

          Manchmal sehnt man sich nach einer Nussschale. Nach jener sprichwörtlichen Nussschale, von der man sagen dürfte, dass die Weltprobleme in sie hineinpassten. Wunderbar übersichtlich wäre dies. Zwei schmale, spannende, sehr unterschiedliche Bücher sind nun erschienen, deren Autoren heureka! rufen. Sie haben einen Text gefunden, in dem die Probleme der Philosophie - also auch der Welt! - wie in einer Nussschale enthalten sind.

          Ihr Fundstück ist vierzig Seiten lang, heißt „Selbstbewusstsein“ und firmiert als Kapitel in Hegels „Phänomenologie des Geistes“. Es enthält - gewissermaßen als Nussschale in der Nussschale - einen Abschnitt zum Verhältnis von „Herrschaft und Knechtschaft“. Fast hätte man gedacht, zu diesem Hegel-Hit, in dem der „Kampf um Anerkennung“ verhandelt wird, sei alles gesagt. In ihrem Buch „Hegel und Haiti“, einer Mischung aus Detektivgeschichte, Traktat und Pamphlet, behauptet nun Susan Buck-Morss, dass Hegel damit auf die Sklavenaufstände im damaligen Saint-Domingue anspiele und sein „Geistesblitz“ Licht auf das Große Ganze werfe - nämlich auf die „Universalgeschichte“, die „neue Weltwirtschaft“ und den „neuen Humanismus“.

          Zwei ziemlich unterschiedliche Bücher

          Und was macht Robert Pippin? Er erklärt Hegels „Selbstbewusstseins“-Kapitel in seinem weniger exotischen, dafür aber äußerst eleganten Essay zu einem „Wendepunkt“ der Philosophie überhaupt und traut ihm auch eine „außerordentlich machtvolle Wirkung außerhalb der Philosophie“ zu. Hegel kommt jetzt aus Amerika - aus Cornell und Chicago.

          Form und Inhalt dieser zwei Bücher sind ziemlich unterschiedlich. Aber beide zeigen einen Hegel, der das Leben als Streben, Errungenschaft (“achievement“) oder geschichtliches Projekt auffasst. „Nur durch Kampf kann also die Freiheit erworben werden“, liest man bei ihm. Das Selbstbewusstsein entpuppt sich - mit Pippin - als „praktische“ oder - mit Buck-Morss - als „politische“ Angelegenheit.

          Der Knecht kommt aus Indien

          Buck-Morss ist darauf aus, den Hegelschen „Kampf“ gegen den Verdacht zeitloser Spiegelfechterei in Schutz zu nehmen. Sie hält dafür, dass Hegel, als er 1807 den Kampf zwischen Herr und Knecht skizzierte und Letzterem den Sieg zusprach, bei dieser „vielleicht politischsten Stellungnahme seiner Karriere“ ein Fallbeispiel vor Augen stand, auf das er in der Zeitschrift „Minerva“ gestoßen war: der Aufstand in Saint-Domingue. Nach Buck-Morss kommt der Knecht von draußen rein - aus Westindien.

          Der „Enthusiasmus“, mit dem Immanuel Kant auf die Französische Revolution reagierte, spiegelt sich ihr zufolge in Hegels Enthusiasmus über den Sklavenaufstand, den sie „als Moment in der Geschichte der universellen Verwirklichung der Freiheit“ darstellt. Für Hegels staatstragende Revolutionskritik, für seine teilweise abfälligen Bemerkungen über die „Neger“ ist sie nicht blind. Gleichwohl präsentiert Buck-Morss ihn als Vorboten einer Philosophie, die über den europäischen Tellerrand hinausblickt und sich des Themas der Humanität im Zeitalter von Hegemonie und Gewalt annimmt, welches mindestens - wie sie meint - bis „Osama bin Laden und George W. Bush“ reicht.

          Buck-Morss hat für ihre Hegelinterpretation, die in den Vereinigten Staaten seit einiger Zeit kursiert, schon den einen oder anderen Verriss bezogen. Wer wie sie ein Detail unter das Vergrößerungsglas legt, vernachlässigt unweigerlich, was außerhalb des Blickfelds liegt. Vieles, was Hegel schreibt, passt hinten und vorne nicht mit „Haiti“ zusammen. Die aufständischen Sklaven, die dort „Freiheit oder Tod“ skandierten, haben eine andere Agenda als Hegels „Knechte“, die die Freiheit aufgeben, um nur ihr Leben zu retten. Und doch hat die Kombination Hegel und Haiti ihren Reiz und ihre Berechtigung. Es ist bekannt, dass Hegel mit allen von ihm verwendeten historischen und literarischen Versatzstücken recht eigenwillig umging. So ist auch die Bezugnahme auf die haitianischen Sklaven alles andere als eine Solidarisierung - aber um eine Bezugnahme handelt es sich gleichwohl, und das allein ist bemerkenswert.

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