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Neuerscheinungen zu Ostern : Abschied von der Sünderkirche

  • -Aktualisiert am
Philip F. Lawler: „Lost Shepherd“. How Pope Francis Is Misleading His Flock. Gateway Editions, Washington 2018. 256 S., geb., ca. 18.– €.

Douthat bevorzugt in seiner Analyse das virtuelle Szenario: Könnte ein Papst den Katholizismus seiner Vorstellung entsprechend radikal verändern? Zunächst gibt es keine Instanz, die päpstliche Lehramtsaussagen verhindern oder außer Kraft setzen kann, einem Reformerpapst steht also scheinbar nichts im Weg. Was die Macht eines Papstes einschränkt, sind Offenbarung und Lehrtradition. Widerspricht ein Papst dem Konsens seiner Vorgänger, verliert er seine Amtsautorität.

Vor diesem Hintergrund erklärt Douthat, warum Papst Franziskus sich kontroverse Aussagen – wie die Annihilation der Seelen der Verdammten nach dem Tod – für seine Gespräche mit dem dreiundneunzigjährigen Journalisten Eugenio Scalfari aufhebe. Diese Interviews werden nicht mitgeschnitten, sondern von Scalfari aus Notizen nachträglich rekonstruiert. Die Wahl dieser bewusst unzuverlässigen Form der Kommunikation erlaube dem Papst, theologische Positionen zu artikulieren, ohne sie verantworten zu müssen.

Enttäuschung unter Bewunderern

Die Lehre, die aus der Geschichte der Konzilien gezogen werden könne, sei, dass Entwicklungen dort stattfinden, wo es einheitliche Sicht und klare Mehrheit gibt. Mit einer Taktik der Doppeldeutigkeit lasse sich das allerdings schwer erreichen. Die Synoden seien diesbezüglich zum Fiasko für den Papst geworden, weil der Eindruck entstand, er habe, statt Meinungen einzuholen, eine choreographierte Bischofsparade geplant, die den Eindruck vermitteln sollte, sein Reformprogramm habe mehrheitliche Unterstützung.

Marcantonio Colonna: „The Dictator Pope“. The Inside Story oft he Francis Papacy. Kindle Edition, 256 S.,13,99 €.

Als Ausläufer dieser Kontroversen scheint sich auch unter Bewunderern des Papstes Enttäuschung breitzumachen. Philip F. Lawler, der zuvor ein sehr positives Porträt veröffentlicht hatte, wechselt nun mit „Lost Shepherd“ die Seite. Der Papst konzentriere sich ganz auf ein theologisches Programm, das keiner bestellt habe, während die versprochene Kurienreform nicht stattfinde.

Als Schwarzbuch des Pontifikates präsentiert sich Marcantonio Colonnnas „The Dictator Pope“, derzeit als E-Book erhältlich, Ende April auch in einer gebundenen Ausgabe. „The Inside Story of the Francis Papacy“ (so der Untertitel) liefert Zutaten für einen Dan-Brown-Roman, inklusive der Suspension des Autors Henry Sire vom Malteserorden für seine „gemeine Attacke“. Sire, der neben italienischen Presseberichten auch Kuriengeflüster zitiert, behauptet, die Medienperson des Papstes sei eine Illusion. Die Verwirrung und Unsicherheit, die der Papst mit widersprüchlichen Aussagen stifte, seien bewusst eingesetzte Mittel eines letztlich diktatorischen Regimes. Das habe der Papst so im Argentinien Perons gelernt.

„Bis fast ans Ende der Welt“ mussten die Kardinäle gehen, um einen Papst zu finden, scherzte Bergoglio am Tag seiner Wahl. Dass der Ausgangspunkt seines Pontifikates allerdings scheinbar viel näher lag, beschäftigt alle drei Autoren. Bergoglio sei Mitglied einer Gruppe gewesen die sich regelmäßig in St. Gallen traf, als „Resistenz“ zum konservativen Pontifikat Johannes Pauls II. Kardinal Murphy O’Connor behauptet in seiner Autobiographie, Bergoglio sei als Kandidat der Gruppe ins Konklave gegangen. „Sei vorsichtig!“, habe O’Connor noch gewarnt und von Bergoglio die Antwort erhalten: „Ich verstehe.“ Ob das Kardinalskollegium einen St. Gallener wissentlich gewählt hätte, wagt Douthat zu bezweifeln, aber vielleicht musste es so kommen?

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