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Neue Bücher zu München 1972 : Das überschattete Großereignis

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Nach dem Terroranschlag hängt die olympische Fahne 1972 auf Halbmast Bild: dpa

München 1972: Die eigentlich so fröhlichen Olympischen Spiele wurden von einem Attentat erschüttert. Trotzdem gaben sie dem Land Selbstvertrauen - zwei Bücher befassen sich mit dem Thema.

          Zwei gleichlautende Titel, die aus dem üblichen Schnellschussrahmen herausfallen. Zwei Titel, die nichts mit der olympischen Aktualität zu tun haben, sondern mit Geschehnissen, die vierzig Jahre zurückliegen. Zwei Titel, die sich aus englischer und amerikanischer Sicht mit „München 1972“ beschäftigen. Die Zeitgeschichtler Kay Schiller (Durham) und Christopher Young (Cambridge) haben den - in diesem Fall als Vorteil zu bewertenden - Vorzug, keine Zeitzeugen zu sein. Das kommt ihrer wohltuenden und nüchternen Beobachtung zugute. Dazu gesellen sich die unbefangene Betrachtungsweise des Außenstehenden und die Neugier des Historikers.

          Die Autoren begründen die Zielsetzung ihrer Studie so: „Die Ausrichtung oder erfolgreiche Teilnahme an einer solchen Großveranstaltung vermag bei den meisten Menschen des jeweiligen Gastgeberlandes ein Gefühl des Stolzes oder der Zugehörigkeit zu wecken. Solche Ereignisse erzeugen komplexe Erfahrungsmuster: Die Erinnerung daran ist zunächst intensiv und verblasst schließlich nach und nach, aber ungeachtet dessen können Ereignisse wie diese bedeutende Impulse geben für einen wachsenden, wenngleich unbeständigen Patriotismus. Neben den Olympischen Spielen 1972 hatte auch der Überraschungssieg bei der Fußballweltmeisterschaft 1954 einen ähnlich positiven Identifikationseffekt.“

          Pflichtlektüre für interessierte Nachwuchshistoriker

          Schiller und Young stützten sich auf mehr als fünfzehnhundert Quellen in Fußnoten, deren Studium sicherlich einen erheblichen Teil der zurückliegenden vierzig Jahre in Anspruch nahmen. Der eher bescheidene Untertitel - „Olympische Spiele im Zeichen des modernen Deutschland“ - hängt sich keineswegs allein an den Überfall der Gruppe „Schwarzer September“, sondern beginnt die Geschichte lange vorher zum Beginn des „Dritten Reiches“ und der Rolle, die viele Protagonisten dabei spielten. Das galt nicht nur für jene aus dem Inland, sondern auch beispielsweise für Avery Brundage, den amerikanischen IOC-Präsidenten, dessen Einfluss weit über den Atlantik reichte.

          Kay Schiller, Christopher Young: „München 1972“

          Viel mehr Lob lässt sich kaum spenden: Das Fehlen jeglicher Polemik macht den Band zur Pflichtlektüre für interessierte Nachwuchshistoriker. Denn Schiller und Young halten sich auch dort zurück, wo es schwerfällt - wo der Zusammenhang von Sport und Politik geleugnet wird. Und sei es nur bei Harmlosigkeiten wie bei der Vorbereitung von Athleten aus Bundeswehr und Grenzschutz.

          Die Nachkriegszeit und die Entwicklung bis zu den Olympischen Spielen 1972 nehmen einen erheblichen Teil des Buches ein. Willi Daume als DSB- und NOK-Präsident und entscheidender Visionär des bundesdeutschen Sports sowie manche Ratgeber weckten damals Stirnrunzeln. Dass der als Berater fungierende Funktionär Guido von Mengden mit seiner nationalsozialistischen Vergangenheit vorkommt, ist ein Beweis für sorgfältige Recherche. Dass die Spiele der zwanzigsten Olympiade überhaupt nach München kamen, verdankt sich einem Parforceritt von Daume und dem damaligen Münchner Oberbürgermeister Hans Jochen Vogel.

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