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Bücher zu Friedrich Nietzsche : Ich widerspreche, wie nie widersprochen worden ist

  • -Aktualisiert am

Nietzsche auf dem Krankenlager, Ölskizze von Hans Olde, 1899 Bild: Picture-Alliance

Zwei neue Bücher über Nietzsche: Sue Prideaux macht den Philosophen filmreif, Heinrich Meier präsentiert ihn als Neuerfinder einer Lebensform.

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          Nietzsche ist ein Denker der Extreme. Entsprechend haben weltanschauliche und politische Extremisten von ganz links bis ganz rechts ihn vor den eigenen Karren zu spannen versucht. Doch dieser Autor hat sich der ideologischen Inanspruchnahme immer wieder entzogen und als experimenteller Denker erwiesen, der sich widerspenstig gegen solche Inanspruchnahmen zeigt.

          Das Interesse an Nietzsche hält unvermindert an. Die beiden hier anzuzeigenden Bücher stehen für die Bandbreite, in der sich die Beschäftigung mit Nietzsche heutzutage bewegt. Und doch gibt es auch Gemeinsamkeiten zwischen dem Werk des Münchner Philosophen Heinrich Meier, der Nietzsches letztes Jahr vor dem Zusammenbruch behandelt, und demjenigen der britisch-norwegischen Schriftstellerin Sue Prideaux, die Nietzsches Leben von der Wiege bis zur Bahre und darüber hinaus, bis zu Hitlers Besuchen bei Nietzsches Schwester im Weimarer Nietzsche-Archiv, schildert: Meier und Prideaux lassen beide Nietzsche selbst ausgiebig zu Wort kommen. Ihr Umgang mit der Sekundärliteratur ist vergleichbar, nämlich sehr zurückhaltend, um nicht zu sagen: geringschätzend – beim einen aus voller Kenntnis, bei der anderen aus weitgehender Unkenntnis. Mit Prideaux und Meier stehen sich eine Nacherzählerin, die Nietzsche „filmreif“ machen will, und ein Autor, der Nietzsches philosophische Lebensform ergründen will, gegenüber.

          Sue Prideaux: „Ich bin Dynamit“. Das Leben des Friedrich Nietzsche.

          Prideaux’ Biographie ist flott geschrieben und zeigt viel Gespür für Landschaft, Stimmung, Setting, auch für Dramaturgie. Leider ist das schon alles, was sich zugunsten dieses Buches sagen lässt. Denn zunächst einmal strotzt es vor sachlichen Fehlern, die in der Übersetzung noch erheblich vermehrt worden sind und die kein Lektorat hätte durchgehen lassen dürfen: Nein, Naumburg liegt nicht im Thüringer Wald. Nein, es gibt im Luthertum keine „Priesterweihe“ und bei Nietzsche kein „Apollonisches“. Nein, der von Nietzsche attackierte David Friedrich Strauß war weder ein „rationaler Christ“ noch ein „Kantscher Philosoph“. Nein, Nietzsches Schulaufsatz über Hölderlin war keine Originalleistung eines Genialisch-Frühreifen über einen damals völlig unbekannten Dichter, sondern das Plagiat aus einer Hölderlin-Anthologie, die 1861 schon weit verbreitet war. Aber das weiß die Forschung ja auch erst seit einem Vierteljahrhundert, während sie schon immer wusste, dass Nietzsche keineswegs, wie behauptet, der jüngste jemals nach Basel berufene Professor war und dass er dort auch nicht 3000 Franken im Monat, sondern im Jahr verdiente.

          Wie ein offenes Buch

          Natürlich muss eine für eine breite Leserschaft gedachte Biographie keine eigenständige Forschungsleistung sein, aber man darf schon erwarten, dass Minimalstandards historischer Quellenkritik der Verfasserin geläufig sind. Die „Kritische Gesamtausgabe“ wird zwar brav bibliographiert, indes dort nicht verwendet, wo es nottäte – ansonsten würden die Briefe an Nietzsche nicht aus obskuren Fundorten zitiert; auch die Elaborate von Nietzsches Schwester würden nicht kommentarlos so herangezogen, als wären sie unumstößliche Tatsachenberichte.

          Prideaux erweckt den Eindruck, das Innenleben ihres Helden liege wie ein offenes Buch vor ihr. So greift sie Nietzsches bedenkenswertes Wort „Begriffsbeben“ auf, nur um daraus das bei Nietzsche nicht belegte Wort „Seelenbeben“ („earthquakes of the soul“) zu schnitzen und in Zitat-Anführungszeichen zu stellen: Von „Seelenbeben“ sei Nietzsche heimgesucht worden, als zwei Freunde ihrer eigenen Wege gingen. Nur leider geben die Quellen eine solche Diagnose nicht her. Aber wen kümmert’s, wenn man Nietzsches Leben auf diese Weise „filmreif“ machen kann?

          Heinrich Meier: „Nietzsches Vermächtnis“. ,Ecce homo‘ und ,Der Antichrist‘. Zwei Bücher über Natur und Politik.

          Kein Anliegen könnte Meier ferner liegen, obschon er die im Titel von Prideaux’ Biographie aufgerufene Selbsteinschätzung Nietzsches durchaus teilt, nämlich „Dynamit“ zu sein. Meiers Buch, dem eine vorbereitende Studie zum „Zarathustra“ vorangegangen ist, nimmt Nietzsches letztes Schaffensjahr 1888 in den Blick, das bei Prideaux nur „Dämmerung in Turin“ heißt, aber nach Meier die eigentliche philosophische Quintessenz zutage fördert: Die „Umwerthung aller Werthe“, die Nietzsche mit dem „Antichrist“ verwirklicht zu haben hoffte. Nach Nietzsches eigenem Bekunden sollte seine Autogenealogie „Ecce homo“ die Leser zum „Antichrist“ hinführen. Entsprechend versteht Meier diese beiden Werke als Zwillingsschriften und widmet sein Buch ihrer überaus präzisen Analyse.

          Nietzsche bleibt frei

          Schritt für Schritt folgt Meier Nietzsches letzten Denkwegen, auf denen sich der Philosoph trotz aller scheinbaren Schrillheit des Tones jederzeit als Herr seiner Entscheidungen erweist. Meier hat einen untrüglichen Blick für die Architektur von Nietzsches umwertendem Philosophieren und die Struktur seiner Werke und arbeitet minutiös die Strategien heraus, mit denen Nietzsche seine Leser umgarnt. Er sieht strengste Ordnung und Systematizität in diesen Texten walten, die ein flüchtiger Leser für disparat halten könnte. Weitgehend ausgeklammert bleibt Nietzsches vieldiskutierter später Nachlass, weil Meier die endgültige Gestalt umtreibt, die Nietzsche seiner Philosophie geben wollte und gegeben hat. Damit rückt das Prozessuale und das Vielstimmige mitunter etwas zu sehr in den Hintergrund.

          Meier verzichtet darauf, Nietzsche auf philosophische Dogmatik, auf Lehren wie den „Willen zur Macht“ festzulegen. Sein Nietzsche bleibt frei: Er erweist sich als Neuerfinder einer philosophischen Lebensform. Diese Lebensform ist bei aller Radikalität für Meier durchaus anschlussfähig. Sein Buch zeigt, dass uns Nietzsches Umwertung aller Werte noch sehr wohl etwas angeht.

          Sue Prideaux: „Ich bin Dynamit“. Das Leben des Friedrich Nietzsche. Aus dem Englischen von Thomas Pfeiffer und Hans-Peter Remmler. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2020. 560 S., geb., 26,– €.

          Heinrich Meier: „Nietzsches Vermächtnis“. ,Ecce homo‘ und ,Der Antichrist‘. Zwei Bücher über Natur und Politik. C.H. Beck Verlag, München 2019. 351 S., geb., 28,– €.

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