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Navid Kermanis neues Buch : Wie soll man über etwas reden, für das es keine Worte gibt?

Navid Kermani in seinem Arbeitszimmer in Köln am 6. November 2019 Bild: dpa

In seinem neuen Buch schildert Navid Kermani die allabendlichen Gespräche mit seiner Tochter. Es geht darum, was für ihn als gläubigen Muslim Gott bedeutet.

          3 Min.

          Wie spricht man über etwas, das sich der Sprache entzieht? Navid Kermani hat jetzt ein Buch darüber geschrieben, was Gott für ihn als gläubigen Muslim bedeutet, und nichts wiederholt er darin öfter, als dass sich Gott gar nicht in Worte fassen lasse. Die meisten Bücher, die mit Religion zu tun haben, versuchen aus diesem Widerspruch herauszukommen, indem sie sich mit anderen Büchern beschäftigen, also mit Ideen, Gebräuchen, Werten, historischen Entwicklungen. Das wollte Kermani nicht. Für ihn wäre das so, schreibt er gleich zu Beginn, als würde man die Kleidung eines Menschen beschreiben, nicht aber den Menschen selbst.

          Mark Siemons
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Stattdessen ist sein Buch als Gespräch mit der zwölfjährigen Tochter angelegt, um ein Versprechen zu erfüllen, das er seinem Vater kurz vor dessen Tod gegeben hatte: die Enkelin „den Islam zu lehren, wenn er nicht mehr da ist, unseren Islam, den Islam, mit dem ich aufgewachsen bin, den Islam, den auch er als Kind in Isfahan erlebt hatte, den Islam unserer Vorfahren“. Während die Tochter in der Schule ist, schreibt ihr Schriftsteller-Vater nun also jeden Tag nieder, was er ihr abends von seinem Glauben erzählen will, und am nächsten Tag nimmt er ihre zahlreichen Einwendungen auf, wenn er zu einem neuen Kapitel übergeht. Das ist nicht nur ein erzählerischer Kniff, um das strenge Thema zugänglicher zu machen. Diese Form gehört unmittelbar zum Inhalt, so wie Kermani ihn versteht, zum Paradox eines Redens über etwas Unsagbares.

          So wie du einen Apfel riechst

          Streng genommen, sagt Kermani seiner Tochter, glaubte Opa gar nicht an Gott. „Er sah Gott, er begriff Gott, also wirklich, wie du etwas mit den Händen ergreifst, er roch Gott, so wie du einen Apfel siehst, be-greifst, riechst.“ Wie soll man eine solche Erfahrung anders weitergeben können als innerhalb der Familie, die Opa kennt mit allen seinen Eigenheiten? Kermani schafft es in diesem Buch, dass wir Leser Teil dieser Familie werden und Opa kennenlernen, noch bevor wir mit dem vertraut werden, was er gesehen hat.

          Solch ein jahrhundertealte Überlieferungen fortsetzendes Gespräch zwischen den Generationen über gemeinsame menschliche Erfahrungen ist nun allerdings keineswegs allgemein üblich; längst sind eher Gespräche über abstrakte Prinzipien, über Regeln und Werte, an seine Stelle getreten. Doch in der Familie Navid Kermanis, dessen Eltern 1959 aus dem Iran nach Deutschland kamen, scheint diese Art Tradierung wenigstens als Erinnerung, als Möglichkeit präsent geblieben zu sein. Das Besondere seines Buchs ist nun, dass die familiäre Überlieferung da zusammengeht mit der Vertrautheit mit anderen Überlieferungen, die er als deutscher Bürger besitzt, und überhaupt mit allen möglichen Kenntnissen und Skrupeln, die ein Zeitgenosse nur haben kann.

          Navid Kermani: „Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt näher kommen. Fragen nach Gott“. Hanser Verlag, 240 Seiten, 22 Euro.
          Navid Kermani: „Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt näher kommen. Fragen nach Gott“. Hanser Verlag, 240 Seiten, 22 Euro. : Bild: Hanser Verlag

          So kommt er zu dem erst einmal verblüffenden Schluss: „Ja, ich bin Muslim, weil ich in einem muslimischen Haus geboren bin. Aber ich wurde Muslim, weil Gott auch in jedem anderen Haus zu finden ist.“ Er singt ein Loblied auf die Verschiedenheit der einzelnen Traditionen (ein „Resultat von Schwarmintelligenz“, die die göttliche Wahrheit in den menschlichen Alltag einbettet) und hält zugleich fest, dass die ihnen zugrunde liegende Erfahrung erstaunlich ähnlich ist. Es ist das Staunen der Mystiker und Dichter aller Religionen, die sich bei allem, was ihnen im Leben begegnete, „von Unendlichkeit umgeben“ sahen.

          Der Platzanweiser hat alles gesagt

          Dem entspricht auch der etwas rätselhafte Titel des Buchs. Er stammt aus einer Begebenheit im elften Jahrhundert, als der berühmte islamische Mystiker Scheich Abu Said nach Tus kam und der Platzanweiser angesichts der übervollen Moschee rief: „Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt näher kommen.“ Daraufhin soll der Scheich sofort wieder abgereist sein, mit der Erklärung: „Alles, was ich sagen wollte und sämtliche Propheten gesagt haben, hat der Platzanweiser bereits gesagt.“ Kermani seinerseits bezeichnet als bestmögliche Wirkung seines Buchs, dass christliche, jüdische oder buddhistische Leser sich auf ihre eigene Tradition besinnen, in der sie den Kern dessen, was er darstellt und mit zahlreichen Zitaten aus dem Koran unterlegt, wiederfinden könnten.

          Mit Schwärmerei oder Beliebigkeit ist das nicht zu verwechseln. Das Buch ist selbst ein Beispiel für die Genauigkeit, Neugier und Geduld, die Kermani von Gläubigen erwartet. Es bleibt nicht bei der Poesie stehen, auch wenn Schönheit für diesen Autor ein ernst zu nehmendes Argument ist; den skeptischen Fragen, welche die Geschichte der Religionen und insbesondere der Islamismus aufwerfen, weicht es nicht aus. Aber er beharrt auch darauf, dass die heiligen Schriften ihrerseits die entscheidenden Fragen stellen würden.

          Und die Tochter? Ihre Kritik und ihre Vorbehalte gegenüber dem poetischen Überschwang des Vaters bekommt man nur indirekt mit. Am Ende heißt es, sie sei nicht überzeugt: „Wer oder was Gott überhaupt ist“, habe sie immer noch nicht verstanden. Dem Vater bleibt nur, auf ihre eigenen Erfahrungen zu hoffen. Nicht weniger als seine Erklärungen gehören die Zweifel der Tochter zu der Wirklichkeit, die dieses kluge, gedankenreiche und warmherzige Buch beschreibt.

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