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Nathan Wolfe: „Virus“ : Und nun die Virenvorhersage

Bild: verlag

Kann man Pandemien prognostizieren und eindämmen, bevor sie größeres Unheil anrichten? Der Virologe Nathan Wolfe kämpft dafür.

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          Dieses Buch könnte nicht aktueller sein. In diesen Wochen ist ein Forschungsmoratorium in Kraft, das nicht wenige Gesundheitsforscher, aber fatalerweise kaum einen Gesundheitspolitiker von Rang, in Atem hält: Es geht um Laborexperimente mit den vielleicht gefährlichsten Viren, die wir uns heute vorstellen können - um genveränderte Vogelgrippeviren, deren naturgegebene Tödlichkeit für den Menschen zu Forschungszwecken mit einer künstlich erzeugten leichten Übertragbarkeit kombiniert wurde. Eine potentiell vernichtende Biowaffe, keine Frage. Wie damit umgehen und wie mit den Informationen aus den Hochsicherheitslabors verfahren, wenn, wie Nathan Wolfe in seinem Buch plausibel darlegt, „in nicht allzu ferner Zukunft die kleine Gruppe von Leuten, die Do-it-yourself-Biologie betreibt, zur Norm wird“?

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Die Virologen dieser Welt, das steht fest, sind hochgradig alarmiert und verunsichert. Und keineswegs nur wegen Bioterrorgefahren und des Risikos von „Bioerror“ - dem unbeabsichtigten, aber, wie Wolfe zeigt, nicht völlig unwahrscheinlichen Verschleppen von Erregern aus den Labors. Die Virusforscher sind vielmehr alarmiert, weil die Seuchengefahr in den vergangenen Jahrzehnten generell zugenommen hat. Und nach Überzeugung Wolfes auch weiter zunehmen wird, weil der Mensch künstliche Lebensbedingungen für sich und viele Tiere geschaffen hat - zuvörderst seine extreme Mobilität, die eine schnelle Ausbreitung neu auftretender natürlicher Erreger immer wahrscheinlicher macht.

          Einige Aussagen sollte man niedriger hängen

          Muss man Wolfe glauben? Man kann es. Man sollte ihm vielleicht sogar besser glauben, auch wenn das, was er in diesem Buch aufgeschrieben hat, vielen schon bekannt ist und den von den großen Stilisten der amerikanischen Sachbuchliteratur verwöhnten Lesern vergleichsweise holzschnittartig formuliert daherkommen dürfte. Nathan Wolfe jedenfalls ist ein Insider: In den neunziger Jahren war er von der Primatenforschung zur Mikrobiologie gekommen, später an der University of California als Virologe beschäftigt, und vor vier Jahren hat er neben seinen Vorlesungen an der Stanford-Universität die unabhängige Organisation „Global Viral Forcasting“ gegründet.

          Als Infektiologe war Wolfe schon fast überall auf dem Planeten, er ist ein Kenner der jüngeren und älteren Seuchengeschichte, aber er ist eben auch ein junger engagierter Wissenschaftler mit eigenen Interessen - die mit seiner Organisation zusammenhängen, die dauernd Forschungsmittel für ihre Arbeit zu akquirieren hat. Insofern tut man gut daran, einige zuspitzende Aussagen niedriger zu hängen, etwa wenn er den ehemaligen Präsidenten der Royal Society, Sir Martin Rees - einen Astrophysiker -, zitiert: „Bis 2020 wird ein Fall von Bioerror oder Bioterror eine Million Menschen getötet haben.“

          Das Ziel: Vorhersage und Prävention

          Mit solchen Dramatisierungen, wird mancher sagen, erreicht man das genaue Gegenteil des Gewünschten. Und man wird sich dabei auf einen ganz speziellen Fall berufen: Die jüngste Pandemie nämlich, die vor drei Jahren von der Weltgesundheitsorganisation zum Höhepunkt der Ausbreitung des H1N1-Schweinegrippevirus ausgerufen wurde. Wolfe zeigt überzeugend, weshalb man solche Bedrohungen, auch wenn die globale Katastrophe ausblieb, nicht leichtfertig herunterspielen sollte: Zwischen April 2009 und August 2010 sind 18 000 Menschen an der H1N1-Seuche gestorben - in einem gleichen Zeitraum acht Jahre vorher waren bei Terroranschlägen 8000 Menschen ums Leben gekommen.

          Natürlich sind das schiefe und zuspitzende, aus politischer Sicht sogar unzulässige Vergleiche. Dennoch wäre es falsch, dem Autor Provokationen und Sensationslüsternheit zu unterstellen. Wolfe gibt sich durchaus glaubwürdig als entschlossener Forscher und Seuchenmanager, der sich ein festes Ziel gesetzt hat: den Aufbau eines globalen Systems zur Vorhersage und zur Prävention von Seuchen. Das ist, wenn es funktioniert, ein mehr als preiswürdiges Lebensziel.

          Epidemien könnten früher erkannt werden

          Es könnte Abermillionen Menschenleben retten. Die Frage, ob es funktionieren kann, beantwortet er in den letzten Kapiteln: Es kann - vielleicht nicht lückenlos, weil es nämlich wie alle Gesundheitsprävention zeitlebens von Unterfinanzierung bedroht sein dürfte. Aber die Idee ist bestechend: Das System besteht aus einer Kombination von „Wachposten“ in Hochrisikopopulationen - afrikanischen Jägern zum Beispiel - und der neuen digitalen Epidemiologie, die mit Mobiltelefonen agiert, samt Seuchen-Prognosesystemen wie den von Google eingerichteten Online-Sucherkennungsalgorithmen.

          Dass man damit Epidemien früher erkennen kann als mit den gängigen Erfassungssystemen der Gesundheitsbehörden, ist schon belegt worden. Wolfe will nun damit ein globales Frühwarnsystem aufbauen. Viele Details dazu kann man in dem relativ schmalen Buch nicht erwarten. An der einen oder anderen Stelle schwächt das die Verständlichkeit und die Überzeugungskraft des Konzepts.

          Doch Wolfe hat es eben vorgezogen, aus den Schilderungen seiner eigenen Erfahrungen im Labor und im Feld eine Logik des Handelns abzuleiten. Für ihn geht es ums Überleben. Um das Überleben der Menschheit, die die Gefahren einer Pandemie allzu gerne verdrängt. Konsequent versucht er, seine Leser, aber besonders die Verantwortlichen in den Gesundheitsverwaltungen, mit medizinischen Argumenten zu überzeugen. Dass er dabei auch die Angst als einen unserer zentralen Instinkte nicht unberührt lässt, liegt in der Natur des Themas. Und seiner eigenen Interessen.

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