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Natalja Koroljowa: S. P. Koroljow. Vater : Für die kosmischen Farmen gab es keinen Fünfjahresplan

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Bild: Verlag

Ein Raketenkonstrukteur, ohne den die russische Raumfahrt anders ausgesehen hätte: Sergej Pawlowitsch Koroljow in einem Lebensbild, das seine Tochter schrieb.

          S. P. wurde er ehrfürchtig genannt, die von ihm geschriebenen Artikel in der „Prawda“ waren mit „Prof. K. Sergeew“ unterzeichnet, und in andern Tageszeitungen wurden seine Beiträge als „Gespräche mit dem Chefkonstrukteur“ gedruckt. Gemeint ist der Schöpfer der ersten russischen Interkontinentalraketen und Vater der russischen Raumfahrt, Sergej Pawlowitsch Koroljow.

          Erst zwei Tage nach seinem tragischen Tod am 14. Januar 1966 durfte die „Prawda“ seinen Namen nennen. Tragisch war der Tod deshalb, weil der noch nicht einmal sechzig Jahre alte Raketenkonstrukteur mit harmlosen Polypen im Darm ins Krankenhaus gekommen war und von dem Chirurgen Boris Petrowski, der zu jener Zeit Gesundheitsminister der Sowjetunion war, operiert werden sollte.

          Während der Operation habe Koroljow eine Narkosemaske benötigt, die bei ihm aber nicht fest aufsaß - vor allem, weil ihm in der Zeit der stalinistischen Verfolgungen bei Verhören die Kiefer gebrochen worden waren. Der bei der Gird (“Gruppe zur Erforschung reaktiver Antriebe“) beschäftigte Flugzeug- und Raketenbauer war 1938 von Kollegen als Spion und Verräter denunziert und verhaftet worden, einige Monate seiner Haft hat er im GULag am Oberlauf der Kolyma in Sibirien verbracht.

          Eine ganz neue Sicht

          Dem Leben des von Geheimnissen umgebenen „Chefkonstrukteurs“, dessen immense Bedeutung für die Raketentechnik und Raumfahrt vor einigen Jahren von seinem langjährigen Mitstreiter Boris Tschertok gewürdigt worden ist, hat seine Tochter Natalja Koroljowa eine Autobiographie gewidmet, deren dritter und letzter Band jetzt erschienen ist. Im ersten Band beschreibt Koroljowa ausführlich, wie ihr in der Ukraine geborener Vater sich dem Flugzeugbau zuwendete und schließlich in leitender Position bei der Gird landete. Politik spielt in diesem Band praktisch gar keine Rolle - man hat bei der Lektüre das Gefühl, Koroljow habe damals die Oktoberrevolution und den blutigen Anschluss der Ukraine an Sowjetrussland verpasst.

          Mit dem zweiten Band bringt Koroljowa eine ganz neue Sicht ins Spiel - eine politische Bewertung des Stalinismus, der ihrem Vater zum Verhängnis wurde. Koroljow wurde zu zehn Jahren Haft verurteilt, obwohl die gegen ihn vorgebrachten Anschuldigungen geradezu absurd waren - ein Vorgehen, das sich ins heutige Russland hinübergerettet haben soll. Angeblich hat der Konstrukteur im Jahr 1935 ein Raketenflugzeug zerstört - das es damals aber noch gar nicht gab. Das erste russische Raketenflugzeug, übrigens von ihm selbst gebaut, wurde erst 1938 den Flugtests unterworfen. Die Probeflüge fanden 1940 statt, als Koroljow zwar aus dem GULag zurück, aber immerhin noch einige Jahre in Haft war.

          Seine Familie begleitete ihn

          Einen großen Teil dieser Haft hat er in einem „geschlossenen“ Konstruktionsbüro verbracht, nachdem er wieder und wieder und nach Ewigkeiten sogar mit Erfolg in ausführlichen, in dem Band umfassend dokumentierten Eingaben - auch an Stalin persönlich - auf sein Schicksal aufmerksam gemacht hatte. Zeitgeschichtlich ist die Darstellung ein Dokument, das eindrucksvoller kaum ausfallen könnte. Hätte ihn seine Mutter nicht aufopferungsvoll unterstützt, wäre Koroljow im GULag, über das seine Tochter erstaunlich wenig schreibt, gestorben. Wundersamerweise hat der national fühlende Ingenieur auch während der Haft wie ein Workaholic an der Raketentechnik gearbeitet.

          Im August 1944 wurde Koroljow infolge zahlreicher Eingaben vorzeitig und mit Löschung der Vorstrafen entlassen - und schon gut ein Jahr später in die Sowjetische Besatzungszone nach Deutschland geschickt, wo er als Chefingenieur die Technik der V-2-Raketen - erst im Institut Rabe in Bleicherode (Thüringen) und dann im Institut Nordhausen - studieren und für Moskau aufbereiten sollte. Seine Familie begleitete ihn, und von deren Eindrücken erfährt man in dem Band so einiges, von Koroljows Arbeiten dagegen leider weniger. Im Herbst 1946 - als die Teststarts der V-2-Raketen nach Russland verlegt wurden - wurde Koroljow in einem Vorort von Moskau Chefkonstrukteur für Fernraketen.

          Der Jähzorn wird nicht verheimlicht

          Der dritte Band beschreibt die Zeit der Fernraketen und der Eroberung des Weltraums, in der Koroljow manche seiner Träume verwirklichen konnte, andere immerhin konkretisierte. Dabei kommt die tatsächliche Entwicklung der Raumfahrt allerdings nur am Rande vor. Man erfährt aber - und das lässt Koroljows Geisteswelt lebendig werden, aus der heraus die Raumfahrt in der Sowjetunion entstand -, wie sich der Konstrukteur Gedanken über Gewächshäuser in interplanetaren Raumschiffen machte und über Fragen der „kosmischen Ernten“ oder über „kosmische Farmen“ für Tiere und Geflügel, aber auch - praxisnäher - über die Farb- und Tongebung von Bordgeräten nachdachte. Als Jurij Gagarin als erster Mensch die Erde in einem Raumschiff umkreiste, durfte - auch das sei in diesem Zusammenhang gesagt - in dem Bunker, von dem aus Koroljow mit ihm Kontakt hielt, keine Kamera laufen. Das Geräusch hätte zu sehr gestört. Koroljowa verrät, dass die damals berühmt gewordene Szene, in der ihr Vater seine Befehle an Gagarin erteilte, in seinem Arbeitszimmer nachgedreht worden ist. Und sie betont sein wohl gelegentlich geäußertes Bedauern, dass er selbst sich nicht im Raumschiff befunden hat. Sein Traum, einmal selbst in den Weltraum zu fliegen, sollte sich bis zu seinem Lebensende nicht erfüllen.

          Der zweite Teil des dritten Bandes widmet sich der Beschreibung von Koroljows Charakters und einer Darstellung all der Ehren, die ihm zuteil wurden - Benennungen von Schiffen, Denkmäler, Medaillen. Wobei die positiven Seiten seiner Persönlichkeit - Zielstrebigkeit und Leidenschaftlichkeit -, wie könnte es in der Biographie von einer ihn verehrenden Tochter auch anders sein - überwiegen. Der Jähzorn, für den er mindestens ebenso bekannt war, wird immerhin nicht verheimlicht.

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