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Nancy Cunards Buch „Negro“ : Auf der Straße ist das wahre Leben

Während der Arbeit an ihrem Buch: Nancy Cunard 1932 im Grampian Hotel in Harlem, New York Bild: Getty

Erkundungen afrikanischer Kultur: Nancy Cunards exzentrische Anthologie „Negro“ aus dem Jahr 1934 liegt nun erstmals auf Deutsch in einer Auswahl vor.

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          Wenn ein Buch heute „Negro“ heißt, ist zu vermuten, es handelt sich um ein altes. Um eine Neuauflage oder Neuübersetzung. Tatsächlich ist „Negro“ von Nancy Cunard ein altes Buch, es datiert aus dem Jahr 1934 und erschien im englischen Original unter diesem Titel in einer Auflage von tausend Exemplaren. Die Zahl der Leser damals ist unbekannt, es sollen nicht viele gewesen sein. Neunhundert Seiten umfasste das Werk, ein Wackerstein von einem Buch im XL-Format, das dennoch nur ein Torso des eigentlich geplanten geblieben war. Teuer war es auch, und es enthielt, was damals viele Menschen, die sich ein solches Objekt hätten leisten können, nicht besonders interessierte: Erkundungen der Kultur Afrikas und der Afroamerikaner, der Schwarzen in den Vereinigten Staaten oder anderswo in der Diaspora. Ein Großteil der unverkauften Exemplare wurde in London im Bombenhagel der Deutschen zerstört.

          Verena Lueken
          Freie Autorin im Feuilleton.

          Beiträger waren mehr oder weniger berühmte Künstler und Intellektuelle, die Nancy Cunard um Mitarbeit gebeten hatte (und nicht immer bezahlte), Musiker, Schriftstellerinnen, Anthropologen, Soziologen, auch ein Boxer ist darunter, meist schwarze, aber auch einige weiße, unter ihnen das Surrealistenkollektiv um André Breton, das unter der Überschrift „Tödliche Menschenfreundlichkeit“ mittat. Und natürlich steuerte auch die Herausgeberin ein paar Texte bei, die sich in gewisser Weise hier ihr eigenes „Afrika“ (in Amerika und in Europa) entwarf. Für sie übertrug damals Samuel Beckett insgesamt neunzehn Texte aus dem Französischen ins Englische, und diese Artikel („Beckett in Black and Red“) hat Alan Friedman vor gut zwanzig Jahren als eigenständige Sammlung bei der University of Kentucky Press herausgegeben.

          Gewalt und romantisches Schwärmen

          Im Jahr 1970 war bereits eine auf dreißig Texte gekürzte Fassung der gesamten Anthologie erschienen, und nun, weitere fünfzig Jahre später, liegt endlich auch eine deutsche Ausgabe vor. Ein Fotoessay von Olaf Unverzart in der Mitte des Buchs ist eine Zugabe, die das sammlerische Unternehmen von Nancy Cunard in die Gegenwart weitertreibt – mit Aufnahmen schwarzen Lebens in Kuba, Äthiopien, Ruanda und anderen Ländern neben den Vereinigten Staaten. „Later will be fine“ ist der Titel, und das könnte auch über vielen der Texte stehen.

          Karl Bruckmaier (Hrsg.): „Nancy Cunards Negro“.
          Karl Bruckmaier (Hrsg.): „Nancy Cunards Negro“. : Bild: Kursbuch Verlag

          Der deutsche Herausgeber und Mitübersetzer Karl Bruckmaier betont, man müsse gar nicht das ganze Buch lesen, sondern könne auch einfach darin blättern und hier und da hineinlesen und schauen, ob man hängenbleibt. Vermutlich ist das tatsächlich die beste Art, sich diesem Buch zu nähern. Denn die editorische Absicht, sollte sie sich in der Ordnung und Komposition der Texte zueinander erfüllen, ließe sich sowieso nur im originalen Maxiformat nachvollziehen, nicht in der gekürzten Ausgabe, in der nicht nur unter den Texten eine Auswahl getroffen wurde, sondern die Texte auch in sich oft noch gekürzt wurden. Dennoch bleibt der Charakter einer exzentrischen Anthologie erhalten, einer stilistisch wie inhaltlich in hohem Maße durchmischten Sammlung von Erzählungen, Meinungen, Gedichten und Gesängen, historischen Abrissen, gesellschaftlichen Beobachtungen, Geschichten von erfahrener Gewalt und auch romantischen Schwärmens.

          Verbreiteter Rassismus

          Berühmt wurde das Buch vermutlich wegen der Beiträger, unter denen sich sehr bekannte Stimmen, etwa W.E.B. du Bois, Langston Hughes und Zora Neale Hurston, finden. Und weil Nancy Cunard eine so extravagante Persönlichkeit war, eine schöne, reiche englische Erbin, die in auffälliger Kleidung mit einem schwarzen Liebhaber durch Paris und London zog und sich für Afrika und alles Afrikanische begeisterte und oft in den Klatschspalten erschien. Dabei wusste sie, „dass die amerikanischen Schwarzen durch die Bank an Afrika komplett desinteressiert sind, sei es an der Vergangenheit oder der Zukunft dieses Kontinents“.

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