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: Nach Proust gibt es keinen Roman mehr

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Fällt heute in einer Diskussion der Name Roland Barthes, dann meistens im Zusammenhang mit der von ihm lancierten These vom "Tod des Autors". Man könnte geradezu von einer Schrumpfung der Barthes-Rezeption in Deutschland auf dieses eine Schlagwort sprechen. Diese extreme Verkürzung eines hochkomplexen ...

          Fällt heute in einer Diskussion der Name Roland Barthes, dann meistens im Zusammenhang mit der von ihm lancierten These vom "Tod des Autors". Man könnte geradezu von einer Schrumpfung der Barthes-Rezeption in Deutschland auf dieses eine Schlagwort sprechen. Diese extreme Verkürzung eines hochkomplexen und unvergleichlich innovativen Werkes stellt sich als die konsequente Fortsetzung der Probleme heraus, die man in Deutschland mit Roland Barthes von Anfang an hatte. Wenn Ottmar Ette 1998 in seiner "intellektuellen Biografie" des französischen Kritikers, Essayisten und Literaturwissenschaftlers festhält, Deutschland sei auf der Landkarte der internationalen Barthes-Rezeption ein weißer Fleck, so muss man zehn Jahre später sagen, dass sich daran so gut wie nichts geändert hat. Gerade der späte Barthes war in keines der gängigen Diskursmuster mehr einzuordnen. Dieser emphatische Erforscher des Schreibens und des literarischen Begehrens entzog sich zuletzt jeder fachspezifischen Klassifizierung und galt manchen seit seinem in den siebziger Jahren vollzogenen Schwenk weg vom systematischen Strukturalismus gar als zunehmend unwissenschaftlich.

          Barthes, der seit den fünfziger Jahren mit seinen Studien zum Nullpunkt der Schreibweise, den Mythen des Alltags, zu Racine, Michelet und zu den Sprachen der Mode entscheidend dazu beigetragen hatte, der Literaturforschung eine genuin objektivierende Basis zu geben, entdeckte seit den frühen siebziger Jahren das Subjekt neu. Da dieses seine Existenz im Widerstreit mit dem System manifestierte, war die zuvor lange Zeit mit Aplomb behauptete strukturalistische Objektivität nicht mehr aufrechtzuerhalten. Barthes entwickelte aus diesem Kontrast heraus eine Schreibweise, die an essayistischer Radikalität alles in den Schatten stellte, was die internationale Literaturwissenschaft bis dahin hervorgebracht hatte. Mit ihr versenkte er sich in die Frage nach dem Schreiben als dem Urgrund des subjektiven Imaginären und entfaltete ein weites analytisch-assoziatives Feld. Nach Barthes Berufung an die Pariser Elitehochschule Collège de France im Januar 1977, wo er bis zu seinem Tod im Frühjahr 1980 wirkte, verfolgte er diese Fragen auch als akademischer Lehrer.

          Die nun unter dem Titel "Die Vorbereitung des Romans" auf Deutsch erschienenen beiden letzten Vorlesungen, die Barthes zwischen Dezember 1978 und März 1979 sowie zwischen Dezember 1979 und März 1980 im Auditorium Maximum an der Place Marcelin-Bethelot jeweils samstagmorgens hielt, widmen sich diesem, wie es in Nathalie Légers Einleitung heißt, "letzten Kreis der Forschung".

          Der Roman als Durchbruch des Subjekts Die Anspielung auf Dantes Inferno ist kein Zufall. Dante bildet den Subtext, auf dem sich das Unternehmen des Romans abspielt: Nel mezzo del camin di nostra vita - in der Mitte unseres Lebensweges entsteht die Fantasie eines neuen Lebens, einer Vita Nova, und dies, so Barthes, könne für den Schreibenden nur heißen, einer neuen Schreibweise. Es geht um die Phantasie des Schreibens des Subjekts, das an einem relativ späten Zeitpunkt seiner Existenz erkennt, dass es sein Leben noch einmal ändern muss. Schon der Ausgangspunkt also ist hochgradig subjektiv, doch Barthes sagt klipp und klar, dass allein die Subjektivität der Maßstab sein kann, an dem die Frage nach der Literatur tiefgreifend gestellt werden kann: "Lieber die Trugbilder der Subjektivität als der Schwindel der Objektivität. Lieber das Imaginäre des Subjekts als seine Zensur."

          "Roman" ist der Terminus für dieses Phantasma eines Schreibens, das alle Metasprachen, auch diejenigen, die das Subjekt für das eigene Leben entwickelt hat, durchbrechen und hinter sich lassen will. Es liegt nahe, dass die Romanpoetik der deutschen Romantik mit ihrem Postulat einer alle Gattungen in sich aufnehmenden und mitunter wild vermischenden Anarchie der Formen und Motive hier eine vorausweisende Rolle spielt. Aber mehr noch als auf Novalis, Friedrich Schlegel oder Brentano bezieht sich Barthes auf das eigentliche Monument einer zum Roman gewordenen neuen Schreibweise, auf Marcel Prousts "À la recherche du temps perdu". Immer wieder kreisen seine Überlegungen um Prousts Opus, das als die unerreichbare Realisation jenes Begehrens erscheint, dem sich auch der Autor dieser Vorlesungen hingibt und das er zugleich analytisch erforscht. Das Packende an Barthes Diskurs ist, dass er jede programmatisch wissenschaftliche Distanz hinter sich lässt, um konsequent von seinen eigenen Affekten und Wünschen auszugehen. Sein unstillbarer Wille zum Roman, sein eigenes Wunschpotential ist es, das fortan zur Disposition steht, das mit den Blicken des Semiologen, des Tiefenpsychologen und des Kulturhistorikers durchleuchtet und in seinen vielfältigen Facetten kritisch diskutiert wird. Das ständige Oszillieren zwischen der Nähe und der Distanz zu sich selbst ist für Barthes das eigentliche Element der Literatur, ihr Gegenstand, wenn man so will.

          In diesem Fokus scheinen noch einmal die Themen und Motive auf, die Barthes Werk seit 1970 bestimmt und die seinen Mythos begründet haben, die autobiografischen Blitzlichter und Bruchstücke, Lust und Unlust am Text, die Erregung des Schreibenwollens und die Lähmungen des Nicht-Schreiben-Könnens, die Epiphanien der Ereignisse und der Bilder, das Verhältnis von Begebenheit und Notiz. Dabei erweist sich das Begehren zu schreiben als Ausdruck auch anderer Arten des Begehrens, die tief im Imaginären des Subjekts wurzeln und die es nicht einzusehen vermag. Der Wunsch zu schreiben ist demnach die Manifestation einer potentiellen Vielfalt von Wünschen, die im Unbewussten wirken und steht ebendeshalb für die multiperspektivische Verfassung des Subjekts schlechthin.

          Im Schreibwunsch die Glaubensfrage In diesem Punkt überschreitet Barthes Denken die Umgrenzungen eines rein literarischen Interesses und dehnt sich auf das Imaginäre der Kultur überhaupt aus. Es zeigt sich erneut, dass der Autor eines Textes nicht einfach die Autorität darstellt, die ihre Intentionen niederlegt. Vielmehr ist das Subjekt, um das es geht, eine schweifende, vielgestaltige Wunschmaschine, die im Willen zu schreiben ihren zentralen Bezugspunkt finden. Der Roman wiederum erscheint "nicht als eine bestimmte literarische Form, sondern als eine Form des Schreibens, die imstande ist, das Schreiben selbst zu transzendieren".

          Was Roland Barthes seinen Hörern in seinen letzten Vorlesungen vor seinem Tod im März 1980 geboten hat, sprengt die Grenzen all dessen, was gegenwärtig als Literaturwissenschaft gehandelt wird. Das kann man ganz ohne Provokation feststellen, und es erscheint umso erstaunlicher, dass man es dreißig Jahre nach dem Entstehen dieser Texte sagen muss. Barthes nimmt seine Leser mit auf eine radikale Expedition ins Innere des Schreibens, in seine Problemzonen, an die Wurzeln des literarischen Entwurfs, des Willens zum Werk und zur Form, eine Forschung, die vom Subjekt ausgeht und mit den Mitteln des Subjekts vorgeht, die mithin aus Notwendigkeit auf einen methodischen Grund des Argumentierens zu verzichten hat und zugleich den Pluralismus der Blickpunkte in sprunghaften Intuitionen entfaltet. Damit aber wird jene Bewegung erzeugt, von der der Text selbst handelt. Das über das Schreiben hinaustreibende Schreiben erkundet ein Gelände der Intensitäten und der Überfülle an Energien, aber auch eine Schule der Verantwortung und der Selbstbefragung: "Woran glaube ich? Das Schreibenwollen stellt sie jäh und brutal vor diese Frage; und diese Brutalität ist eine Prüfung, die Sie bestehen müssen!"

          Nach Proust hat es Jahr für Jahr viele Romane gegeben. Aber hat es den Roman noch einmal gegeben? Barthes tendiert dazu, diese Frage zu verneinen, und zwar nicht aus einer rückwärts gewandten Verehrung des Großmeisters, sondern in der Gewissheit, dass mit der Recherche die große Phantasie des Romans ihr finales Monument gefunden habe. Und doch ist es diese offenbar unversiegbare Kraft des Willens zum Roman, die die Schreibenden antreibt und das intersubjektiv Imaginäre des Schreibens auch heute noch ausmacht. Barthes zeigt darüber hinaus, wie dieses Imaginäre auf andere Medien überspringt und wie es sie mit Begehren auflädt. Die Kapitel zum Kontext von Haiku und Fotografie bilden dazu ein ebenso faszinierendes Beispiel wie das abschließend dem Buch angefügte Fragment "Proust und die Photographie". Obgleich es sich prima vista um ein literaturwissenschaftliches Buch handelt, zögert man nicht, "Die Vorbereitung des Romans" ein literarisches Ereignis zu nennen. Es ist auf der Grenzlinie zwischen theoretischer Analyse und künstlerischem Entwurf angesiedelt und stellt darin eine ganz eigene Form des literarischen Textes dar. Dass diese Innovation im Gewand der alten Tante Vorlesung in Erscheinung tritt, hat dabei eine fast schon skurrile Note. Nach zwei Jahrzehnten der Handbücher und des Neopositivismus könnte aber gerade dies der Literaturwissenschaft von heute neues Leben einhauchen.

          - Roland Barthes: "Die Vorbereitung des Romans". Vorlesung am Collège de France 1978 bis 1979 und 1979 bis 1980. Herausgegeben von Éric Marty. Aus dem Französischen übersetzt von Horst Brühmann. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008. 569 S., br., 18,- [Euro].

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