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: Nach Proust gibt es keinen Roman mehr

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Was Roland Barthes seinen Hörern in seinen letzten Vorlesungen vor seinem Tod im März 1980 geboten hat, sprengt die Grenzen all dessen, was gegenwärtig als Literaturwissenschaft gehandelt wird. Das kann man ganz ohne Provokation feststellen, und es erscheint umso erstaunlicher, dass man es dreißig Jahre nach dem Entstehen dieser Texte sagen muss. Barthes nimmt seine Leser mit auf eine radikale Expedition ins Innere des Schreibens, in seine Problemzonen, an die Wurzeln des literarischen Entwurfs, des Willens zum Werk und zur Form, eine Forschung, die vom Subjekt ausgeht und mit den Mitteln des Subjekts vorgeht, die mithin aus Notwendigkeit auf einen methodischen Grund des Argumentierens zu verzichten hat und zugleich den Pluralismus der Blickpunkte in sprunghaften Intuitionen entfaltet. Damit aber wird jene Bewegung erzeugt, von der der Text selbst handelt. Das über das Schreiben hinaustreibende Schreiben erkundet ein Gelände der Intensitäten und der Überfülle an Energien, aber auch eine Schule der Verantwortung und der Selbstbefragung: "Woran glaube ich? Das Schreibenwollen stellt sie jäh und brutal vor diese Frage; und diese Brutalität ist eine Prüfung, die Sie bestehen müssen!"

Nach Proust hat es Jahr für Jahr viele Romane gegeben. Aber hat es den Roman noch einmal gegeben? Barthes tendiert dazu, diese Frage zu verneinen, und zwar nicht aus einer rückwärts gewandten Verehrung des Großmeisters, sondern in der Gewissheit, dass mit der Recherche die große Phantasie des Romans ihr finales Monument gefunden habe. Und doch ist es diese offenbar unversiegbare Kraft des Willens zum Roman, die die Schreibenden antreibt und das intersubjektiv Imaginäre des Schreibens auch heute noch ausmacht. Barthes zeigt darüber hinaus, wie dieses Imaginäre auf andere Medien überspringt und wie es sie mit Begehren auflädt. Die Kapitel zum Kontext von Haiku und Fotografie bilden dazu ein ebenso faszinierendes Beispiel wie das abschließend dem Buch angefügte Fragment "Proust und die Photographie". Obgleich es sich prima vista um ein literaturwissenschaftliches Buch handelt, zögert man nicht, "Die Vorbereitung des Romans" ein literarisches Ereignis zu nennen. Es ist auf der Grenzlinie zwischen theoretischer Analyse und künstlerischem Entwurf angesiedelt und stellt darin eine ganz eigene Form des literarischen Textes dar. Dass diese Innovation im Gewand der alten Tante Vorlesung in Erscheinung tritt, hat dabei eine fast schon skurrile Note. Nach zwei Jahrzehnten der Handbücher und des Neopositivismus könnte aber gerade dies der Literaturwissenschaft von heute neues Leben einhauchen.

- Roland Barthes: "Die Vorbereitung des Romans". Vorlesung am Collège de France 1978 bis 1979 und 1979 bis 1980. Herausgegeben von Éric Marty. Aus dem Französischen übersetzt von Horst Brühmann. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008. 569 S., br., 18,- [Euro].

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