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: Nach Proust gibt es keinen Roman mehr

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"Roman" ist der Terminus für dieses Phantasma eines Schreibens, das alle Metasprachen, auch diejenigen, die das Subjekt für das eigene Leben entwickelt hat, durchbrechen und hinter sich lassen will. Es liegt nahe, dass die Romanpoetik der deutschen Romantik mit ihrem Postulat einer alle Gattungen in sich aufnehmenden und mitunter wild vermischenden Anarchie der Formen und Motive hier eine vorausweisende Rolle spielt. Aber mehr noch als auf Novalis, Friedrich Schlegel oder Brentano bezieht sich Barthes auf das eigentliche Monument einer zum Roman gewordenen neuen Schreibweise, auf Marcel Prousts "À la recherche du temps perdu". Immer wieder kreisen seine Überlegungen um Prousts Opus, das als die unerreichbare Realisation jenes Begehrens erscheint, dem sich auch der Autor dieser Vorlesungen hingibt und das er zugleich analytisch erforscht. Das Packende an Barthes Diskurs ist, dass er jede programmatisch wissenschaftliche Distanz hinter sich lässt, um konsequent von seinen eigenen Affekten und Wünschen auszugehen. Sein unstillbarer Wille zum Roman, sein eigenes Wunschpotential ist es, das fortan zur Disposition steht, das mit den Blicken des Semiologen, des Tiefenpsychologen und des Kulturhistorikers durchleuchtet und in seinen vielfältigen Facetten kritisch diskutiert wird. Das ständige Oszillieren zwischen der Nähe und der Distanz zu sich selbst ist für Barthes das eigentliche Element der Literatur, ihr Gegenstand, wenn man so will.

In diesem Fokus scheinen noch einmal die Themen und Motive auf, die Barthes Werk seit 1970 bestimmt und die seinen Mythos begründet haben, die autobiografischen Blitzlichter und Bruchstücke, Lust und Unlust am Text, die Erregung des Schreibenwollens und die Lähmungen des Nicht-Schreiben-Könnens, die Epiphanien der Ereignisse und der Bilder, das Verhältnis von Begebenheit und Notiz. Dabei erweist sich das Begehren zu schreiben als Ausdruck auch anderer Arten des Begehrens, die tief im Imaginären des Subjekts wurzeln und die es nicht einzusehen vermag. Der Wunsch zu schreiben ist demnach die Manifestation einer potentiellen Vielfalt von Wünschen, die im Unbewussten wirken und steht ebendeshalb für die multiperspektivische Verfassung des Subjekts schlechthin.

Im Schreibwunsch die Glaubensfrage In diesem Punkt überschreitet Barthes Denken die Umgrenzungen eines rein literarischen Interesses und dehnt sich auf das Imaginäre der Kultur überhaupt aus. Es zeigt sich erneut, dass der Autor eines Textes nicht einfach die Autorität darstellt, die ihre Intentionen niederlegt. Vielmehr ist das Subjekt, um das es geht, eine schweifende, vielgestaltige Wunschmaschine, die im Willen zu schreiben ihren zentralen Bezugspunkt finden. Der Roman wiederum erscheint "nicht als eine bestimmte literarische Form, sondern als eine Form des Schreibens, die imstande ist, das Schreiben selbst zu transzendieren".

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