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Sachbuch „Brüchige Wahrheit“ : Intellektuelles Gegengift in „postfaktischen“ Zeiten

  • -Aktualisiert am

Ein Meister des Postfaktischen: der amerikanische Präsident Donald Trump Bild: AFP

Zu viele von uns sind gleichgültig gegenüber der Wahrheit: Die französische Philosophin Myriam Revault d’Allonnes denkt über die Gesellschaft in „postfaktischen“ Zeiten nach.

          3 Min.

          Wird mit Fakten heutzutage besonders nachlässig oder lügenhaft umgegangen, wird der Wahrheit weniger denn je die Ehre gegeben? Immer mehr Zeitgenossen scheinen den Eindruck zu gewinnen, es verhalte sich so – oder so ähnlich. Die Wörter „post-truth“ und „postfaktisch“ sind in vieler Munde – und vieldeutig. Was hätte sich mit dem Einschnitt geändert, den die Vorsilbe „post“ nachdrücklich, aber undeutlich markiert? Was ist, was wäre grundstürzend anders als ehedem? Unnötig zu sagen, dass eine Antwort nicht darauf hinauslaufen kann, von einer vergangenen Epoche strahlender Wahrhaftigkeit die neue Ära dunkler Lügenhaftigkeit zu unterscheiden. Gelogen wird, zumal in der Sphäre der Politik, seit je – und bisweilen so sehr, dass sich die sprichwörtlichen Balken biegen.

          Der Sinn für Unterscheidungen schwindet

          Aber auch dieser Gemeinplatz, diese Wahrheit über das landläufige Lügen, bringt, für sich genommen, wenig Erkenntnisgewinn. Auf die aufgeworfene Frage ließe der Gemeinplatz nur eine Antwort dieser Art zu: Eigentlich ist nichts anders, allenfalls alles noch ein wenig schlimmer. Um welche Zäsur könnte es also gehen, wenn von der Zeit des „Postfaktischen“ und der „Post-Wahrheit“ die Rede ist?

          Myriam Revault d’Allonnes lenkt die Aufmerksamkeit antwortsuchender Leser ihres Essays auf eine sich breitmachende Gleichgültigkeit, eine Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit. Ebendiese Indifferenz erachtet sie für ebenso zeittypisch wie besorgniserregend. Wenn der Sinn für die Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch, zwischen Fakten und Fiktionen schwinde, verschwinde allmählich auch eine gemeinsame Welt, in der Menschen mit verschiedensten Ansichten und trotz auseinanderstrebender Meinungen politisch koexistieren.

          Myriam Revault d’Allonnes: „Brüchige Wahrheit“. Zur Auflösung von Gewissheiten in demokratischen Gesellschaften. Aus dem Französischen von Michael Halfbrodt. Hamburger Edition, Hamburg 2019. 128 S., geb., 18,– €.

          Diese bedrohte Welt beschreibt die französische Philosophin, auf Hannah Arendt, Paul Ricœur und Aristoteles zurückgreifend, als eine Welt der Kontingenz. Knapp zusammengefasst: In der Sphäre der menschlichen Angelegenheiten, die mit dem Raum des Politischen, des kollektiv Gestaltbaren, weitgehend deckungsgleich ist, geschieht nichts mit (logischer oder naturgesetzlicher) Notwendigkeit. Alles könnte auch anders gekommen sein, alles kann noch anders werden. Das jedoch bedeutet nicht, dass das, was geschehen ist, nicht geschehen ist. Und auch wenn es bei der Beurteilung dessen, was geschehen ist, Interpretationsspielräume gibt, sind Tatsachen in ihrer Tatsächlichkeit nicht interpretationsabhängig.

          Tatsachen sind keine Meinungen

          Wenn derlei dennoch gesagt wird, wenn Tatsachen – und in großem Maßstab – ignoriert, verdreht oder geleugnet werden, bleibt dies nicht ohne Folgen. Lassen sich Tatsachenbehauptungen nicht mehr durch „Abgleich“ mit der Realität überprüfen, weil es keine von (potentiell) allen geteilte Wirklichkeit mehr zu geben scheint, werden Tatsachenbehauptungen zu bloßen Meinungsäußerungen – und dies selbst dann, wenn sie wahr sind, wenn sie „Tatsachenwahrheiten“ formulieren. Ohne einen Vorrat an unstrittigen Tatsachenwahrheiten aber gäbe es keine Anhaltspunkte, um Meinungsstreitigkeiten beizulegen, Kompromisse zu finden oder eigene Urteile mit Gründen zu korrigieren. Eine Gesellschaft ohne einen solchen Vorrat driftete in einen Meinungskampf aller gegen alle ab – der allein durch Machtungleichgewichte entschieden würde.

          Die Verwandtschaft der Lancierung „alternativer Fakten“ mit Sprachmanipulation und Gehirnwäsche in George Orwells „1984“, insbesondere mit der Propagandatechnik des „Doublethink“ („Doppeldenk“), ist sogleich bemerkt worden – und auch Revault d’Allonnes ruft den dystopischen Roman in Erinnerung. Doch akzentuiert sie, dass in liberal-demokratischen Gesellschaften mit „Kommunikationsmärkten“ das Problem nicht die zentral gesteuerte Indoktrination mit einer totalitären Ideologie sei, sondern der allseitige Relativismus sich absolut setzender Meinungen bei zunehmender Abstumpfung des Wahrheitssinns.

          Greift die Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit um sich, erodiert die Wirklichkeit, in der Menschen miteinander handeln können. In diesem Zerfallsprozess, so lassen sich Andeutungen der Autorin verstehen, ist nicht die Lüge der Hauptfaktor. Zwar kann auch die Lüge als eine Form dieser Gleichgültigkeit begriffen werden, aber wer lügt, muss die Wahrheit kennen oder zumindest glauben, sie zu kennen. Insofern darf die Wahrheit einem Lügenbold – nolens volens – gerade nicht gleichgültig sein. Anders verhält es sich beim Gleichgültigen: Ist es jemandem schlicht schnuppe, ob eine Behauptung zutrifft oder nicht, solange sie – beispielsweise – dazu verhilft, sich durchzuwursteln oder machtbewusst durchzusetzen, dann muss dieser Jemand auch keine wache Beziehung zur Wahrheit unterhalten.

          Was dabei herauskommt, hat der (von Revault d’Allonnes nicht zu Rate gezogene) amerikanische Philosoph Harry G. Frankfurt einst einer knappen, aber umso scharfsinnigeren Analyse unterzogen und mit der vulgärsprachlich geläufigen Vokabel „Bullshit“ bedacht. Dass er es lange Jahre vor dem Auftritt des Begriffsungetüms „Post-Wahrheit“ getan hat, spricht nicht dagegen, die Tendenz zur Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit als Signatur und Bedrohung der heutigen Zeit zu erkennen.

          Myriam Revault d’Allonnes: „Brüchige Wahrheit“. Zur Auflösung von Gewissheiten in demokratischen Gesellschaften. Aus dem Französischen von Michael Halfbrodt. Hamburger Edition, Hamburg 2019. 128 S., geb., 18,– €.

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