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Künstliche Intelligenz : Wie kommt die Maschine zur Welt?

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Der zweite, rein technische Ansatz verfolgt die Realisierung einer Künstlichen Intelligenz auf Grundlage selbstlernender Algorithmen, wie sie bereits heute zum Einsatz kommen. Der Trick besteht darin, dass zwei Prozesse ineinandergreifen. Erstens entwickelt das Programm auf Grundlage großer Datensätze ein Modell der Welt, das Aussagen über die Wahrscheinlichkeit zukünftiger Ereignisse erlaubt. Zweitens experimentiert das Programm vor dem Hintergrund dieser Prognosen mit verschiedenen Strategien, um eigenständig herauszufinden, auf welche Art sich das Ergebnis entsprechend einer extern festgelegten Belohnungsfunktion maximieren lässt. Das Programm lernt also selbständig dazu. Doch während wir Menschen über ein weitreichendes intuitives Wissen verfügen und unvorhergesehene Ereignisse daher oft leicht in Zusammenhänge stellen können, ist es schwierig, einer Maschine ein umfassendes Modell der Welt zu vermitteln. Dass sich menschliche Körper anders verhalten als leblose Gegenstände, ist für eine Maschine keineswegs offensichtlich.

Eine beispiellose Zäsur

Mit einer konkreten Prognose, wann wir eine allgemeine KI auf menschlichem Niveau erschaffen, hält sich Shanahan wohlweislich zurück. Doch er ist überzeugt, dass es uns irgendwann gelingen wird – und ob es nun fünfzig oder dreihundert Jahre dauert, spielt in seinen Augen eigentlich keine große Rolle. In einigen Punkten ist Shanahan wohl zu optimistisch: Seine Überlegungen zur Emulation des menschlichen Gehirns etwa setzen voraus, dass wir die zentralen biochemischen Mechanismen des Gehirns bereits erfasst haben. Und dennoch ist davon auszugehen, dass es in der Neurowissenschaft, vor allem aber in der KI-Forschung, in den kommenden Jahrzehnten bedeutende Fortschritte geben wird.

Die Entwicklung einer allgemeinen Intelligenz auf menschlichem Niveau erscheint vielen Experten heute auf lange Sicht zumindest möglich. Da sie eine beispiellose Zäsur bedeuten würde, ist es sinnvoll, über diese Möglichkeit frühzeitig nachzudenken. Auf absehbare Zeit jedoch dürften näherliegende Fragen dominieren. Wie sollten wir zum Beispiel mit Programmen umgehen, die zwar keine allgemeine Intelligenz besitzen, aber immer genauere Prognosen zum menschlichen Verhalten treffen? Shanahan prognostiziert die Entwicklung einer künstlichen „Umgebungsintelligenz“, die verschiedene Körper wie Autos und Staubsauger gleichzeitig bewohnen und uns als eine Art persönlicher Assistent auf Schritt und Tritt begleiten wird. Die Frage aber, wie wir eine solche Intelligenz regulieren sollten, tritt im Text in den Hintergrund.

Ein Defizit ist, dass das Buch die zahlreichen philosophischen Fragen – etwa zur personalen Identität und dem moralischen Status Künstlicher Intelligenzen – nur recht oberflächlich abhandelt. Und in der Diskussion der schwer absehbaren Folgen der Entwicklung einer allgemeinen KI auf übermenschlichem Niveau referiert Shanahan vor allem Bostroms Überlegungen. Trotz dieser Schwächen: Jenen, die sich mit dem Thema bisher wenig auseinandergesetzt haben, gibt Shanahan eine aufschlussreiche und zugängliche Einführung an die Hand.

Murray Shanahan: „Die technologische Singularität“. Aus dem Englischen von Nadine Miller. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2021. Aus dem Englischen von Nadine Miller. 253 S., geb., 20,– €.

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