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Murat Kurnaz : „Sie konnten mit uns machen, was sie wollten“

Hat seine grauenhaften Erlebnisse aufgeschrieben: Murat Kurnaz Bild: dpa

Es ist ein Folterbericht: Der frühere Guantánamo-Häftling aus Bremen beschreibt in seinem Buch „Fünf Jahre meines Lebens“ die dramatischen Umstände im amerikanischen Lager. Was er 2001 in Pakistan wollte, bleibt aber sein Geheimnis.

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          Wenn sie Glück haben, und das haben sie nicht oft, werfen ihnen die Bewacher eine „Emarie“ über den Zaun. „Emarie“ nennen die Gefangenen in Guantánamo das MRP, das meal ready to eat, eine in Plastik verschweißte Einmannration, in der nicht selten Schweinefleisch steckt. Das ist eine der harmlosen Demütigungen, von denen der in Bremen lebende Murat Kurnaz in seinem Buch „Fünf Jahre meines Lebens“ berichtet. Das „Apfelessen“ ist etwas anderes: mit dem Kopf so lange unter Wasser getaucht werden, bis man fast ertrinkt. Oder der „Kühlschrank“: Isolation in einem auf Nulltemperatur gebrachten Blechcontainer ohne Licht und fast ohne Sauerstoff; Schlafentzug, Elektroschocks, Aufhängen an Metallketten, sexuelle Demütigung, Schläge.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Was Murat Kurnaz über seine fünfjährige Haftzeit im afghanischen Kandahar und dann auf Guantánamo beschreibt, gleicht den Auswüchsen, die aus dem amerikanischen Militärgefängnis von Abu Ghraib im Irak bekanntgeworden sind. Es ist ein Dokument systematischer Folter und Barbarei. Man will es nicht fassen, doch gibt es wenig Grund, anzunehmen, dass Kurnaz übertreibt. Zweifelsfrei verifizieren lassen sich seine Angaben freilich auch nicht. Das liegt gleichsam in der Natur der Sache seines Buches. Es handelt von einer Dunkelkammer, in die vollständig Einsicht zu nehmen der internationalen Öffentlichkeit bis heute verwehrt ist. Er handelt von einem Ort, an dem es keine Rechtsstaatlichkeit gibt. „Ich hatte längst verstanden“, schreibt Kurnaz, „worum es in diesem Gefangenenlager ging: Sie konnten mit uns machen, was sie wollten. Ich konnte der Nächste sein.“

          „Ein Jahr in absoluter Dunkelheit“

          Er ist der Nächste, immer wieder wird er zum Verhör geführt, mit den immer gleichen Fragen konfrontiert, gedrängt, zu gestehen, dass er ein Al-Qaida-Terrorist ist oder mit den Taliban kämpfen wollte, oder zu verraten, wo Usama Bin Ladin steckt. Immer wieder wird er in jeder erdenklichen Weise schikaniert, gequält und geschlagen. „Ich denke, ich verbrachte insgesamt über ein Jahr allein in absoluter Dunkelheit, entweder in einem Kühlschrank oder in einem Ofen, bei wenig Nahrung. Einmal drei Monate hintereinander.“

          Sicherheitszaun in Guantánamo

          Kurnaz größte Angst ist, den Ärzten im Lager in die Hände zu fallen; einem widerspenstigen Gefangenen, der einen gebrochenen Finger hatte, werden acht Finger an beiden Händen amputiert. Kurnaz berichtet von Verstümmelungen, ein junger Häftling, der beide Beine verloren hat, wird von den Wachen noch daran gehindert, auf die Latrine zu kriechen, einige werden - so legt Kurnaz es nahe - schließlich sogar von den Wächtern ermordet.

          Von Folter wollen seine Gesprächspartner nichts hören

          Die Episode aus Kurnaz' Gefangenschaft, die bei uns für einen politischen Skandal gesorgt hat, nimmt sich vergleichsweise gering aus: sein Zusammentreffen mit zwei Soldaten der Bundeswehr-Spezialtruppe KSK in Kandahar - „wir sind die deutsche Kraft“ -, die ihn geschlagen haben sollen. Sogar die Zielübung eines weiteren deutschen Soldaten, der seine Laserzielvorrichtung auf die Köpfe der Gefangenen richtet, nimmt man ungerührt zur Kenntnis angesichts des Martyriums, das Kurnaz beschreibt.

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