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Mortons Tom-Cruise-Biographie : Leben aus einem Guss

Cruise-Biograph Andrew Morton Bild: REUTERS

Ein Thriller in anthropologischer Absicht: Andrew Morton hängt den Schauspieler Tom Cruise als Mobile im Kosmos von Scientology auf und fragt sich, wann dieser noch er selbst ist.

          Andrew Morton steht im Ruf, ein leidenschaftlicher Rechercheur zu sein. Stets geht es ihm darum, die Person hinter der öffentlich dargestellten Persona so greifbar zu machen, dass der Leser einen Menschen mit Haut und Haar kennenlernt. Die Probe auf sein Können gab er in Büchern über Lady Di und Monica Lewinsky ab, schillernde Stoffe, die er, im Wesentlichen faktentreu, recht sicher in den Griff bekam. Morton hat es immer wieder verstanden, die treffende biographische Frage herauszuschälen, um die herum sich der Stoff dann „wie von selbst“ gruppiert.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Dieses Gespür für die treffende biographische Frage beweist Morton nun auch bei seinem neuen Buch über den Schauspieler Tom Cruise. Die Frage, die das ganze Buch durchzieht, ihm Halt und Spannkraft gibt auch über manche Längen hinweg, diese Frage lautet: Wo ist Tom Cruise in seinem Leben er selbst, und wo ist er nur der verlängerte Arm von Scientology? In welchem Umfang kann und will er beides überhaupt auseinanderhalten?

          Eine totale Organisation

          Auf dem Spiel steht der Eigenstand eines Lebenslaufs. Dieser Eigenstand ist nicht nur, wie man es erwarten sollte, partiell bedroht (durch die tausend alltäglichen Unfreiheiten, in denen wir alle stecken). Nein, die Bedrohung des Eigenstands, die Morton ins Visier nimmt, ist keine partielle, sondern eine totale. Der Autor legt nahe, dass die hochmobile Existenz von Cruise wie ein Mobile im Kosmos von Scientology aufgehängt ist. Man kann sich auf den begründeten Standpunkt stellen, beim besten Willen kein Interesse für die Biographie eines Tom Cruise aufbringen zu können. Aber unter dem Gesichtspunkt, den Morton gewählt hat, klingt das dann doch geradezu ignorant. Morton trifft einen Punkt, der den Tom-Cruise-Stoff erst zu einem Stoff macht. Morton hat nicht „das Buch zum Star“ geschrieben. Er hat ein Buch über eine totale Organisation geschrieben - am Beispiel ihres prominentesten Mitglieds. Das hebt dieses Buch aus der Fülle mehr oder weniger gut gemacher Promi-Biographien heraus. Das macht es zu einem Thriller in anthropologischer Absicht.

          Morton geht es darum, zu zeigen, wie die private und berufliche Existenz nach und nach derart mit der totalen Organisation verschmilzt, dass die metaphorische Rede vom „Leben aus einem Guss“ etwas Beklemmend-Buchstäbliches bekommt. Man mache einmal den Versuch, das Morton-Buch wie eine Krankenakte aus der Zeit der anthropologisch, streng an der Phänomenologie Husserls orientierten Psychiatrie zu lesen. Man wird diese Akte nicht eher aus den Händen legen, bis man sie zu Ende gelesen hat. Denn wenn es stimmt, dass sich die menschliche Natur recht eigentlich erst in ihren Bedrohungen und Ausfällen erschließt, dann ist Andrew Morton mit seinem Buch über Cruise und Scientology eine faszinierende Studie zur conditio humana gelungen.

          Sind wir mitverblendet?

          Der totale Durchgriff auf die private und berufliche Existenz seiner Mitglieder ist in der Programmatik totaler Organisationen verankert. Wer seinen „Glauben“ „ernst“ nimmt, wird diesen Durchgriff gerade nicht als Außensteuerung und Fremdbestimmung beschreiben, sondern im Gegenteil als selbstgewollte Idealform gelungenen Lebens. Das stellt Morton ausdrücklich in Rechnung, wenn er im Blick auf Tom Cruise den Verblendungszusammenhang darlegt. Folgt aus dem persönlichen Verblendungszusammenhang auch ein gesellschaftlicher? Sind wir gleich mitverblendet, wenn wir in Cruise-Filme gehen? Entschieden warnt Morton davor, über der Rezeption eines paranoiden Phänomens selbst paranoid zu werden.

          Welche persönlichen Dispositionen müssen vorliegen, damit sich jemand einer Organisation verschreibt, die ihre Mitglieder erklärtermaßen mit Haut und Haaren will? Laut Morton schloss sich Cruise 1986 Scientology an, also kurz bevor er mit Dustin Hoffman den Film „Rain Man“ auf den Weg brachte. Hoffman wird mit der Bemerkung zitiert: „Ich glaube, er brauchte dringend eine Familie, ob es nun meine Familie war oder die der Crew.“ Oder, so ergänzt Morton, die „Instant-Familie“ von Scientology. Auch wenn manches bei Morton Spekulation bleibt (nicht jede Ehekrise etwa verdankt sich notwendigerweise der penetranten Dauerpräsenz von Scientology-Aufpassern), manches in Klatsch und Tratsch versickert, so gelingt es dem Autor doch, anhand von Indizien ein insgesamt stimmiges Bild über die Rolle von Tom Cruise im wahlweise sanft oder brachial agierenden System Scientology zu zeichnen.

          Eine Fehlbesetzung?

          Morton selbst fragt: Was hat die Öffentlichkeit überhaupt mit den religiösen Überzeugungen eines Hollywood-Stars zu schaffen (denn auf ihrer religiösen Natur beharrt Scientology gegen alle, die diese Organisation obskurantistisch und kriminell nennen)? Er beantwortet sie mit dem menschenrechtsverletzenden Charakter von Scientology (den er vielfältig zu dokumentieren sucht) sowie mit der Tatsache, dass in dem Strategieplan dieser Organisation Tom Cruise als ihr prominentester Lockvogel auftritt. In den Worten Mortons: „Er (Tom Cruise) ist heute de facto und informell die Nummer zwei der Organisation, eingebunden in alle Aspekte der Planung und Strategie.“ Die gesamte Marketingstrategie von Scientology und ihrer Tarnadressen orientiere sich an Tom Cruise als ihrem wichtigsten Werbeträger. Religion hin oder her: Diesen Mann, so Morton, wird man sich doch wohl etwas genauer anschauen dürfen.

          Seine zentrale Position innerhalb von Scientology (ob nun als Nummer zwei, drei oder vier) wird, versteht man Morton recht, von Cruise selbst auch gar nicht bestritten. Es ist nun aber so: Je weniger er sie bestreitet, desto schlechter für seine Sympathiewerte. Ein Befund, der die Rede vom Trojanischen Pferd, das aus den Filmen von Cruise herausgaloppiere, doch nachhaltig irritiert. Sollte sich Tom Cruise ausgerechnet in der Rolle, die Scientology ihm zugedacht hat, als Fehlbesetzung erweisen?

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