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Monique Lévi-Strauss : Durch das Deutschland der Kriegsjahre

Monique Lévi-Strauss auf einer Aufnahme aus dem Jahr 1990 Bild: Getty

Wie man mit wenigen Zügen genau vergegenwärtigter Szenen einen lebendigen Eindruck erzeugt: Monique Lévi-Strauss, Witwe des weltberühmten Ethnologen, erinnert sich an die außergewöhnliche Geschichte ihrer Jugendjahre.

          3 Min.

          Ein Abendessen in Paris im September 1949. Gastgeber sind ein Psychiater und seine Lebensgefährtin: Jacques Lacan und Sylvia Bataille. Unter den Gästen sind neben dem Maler Balthus ein ­Ethnologe, der nach Jahren der Emigration in New York dabei ist, im französischen Wis­senschaftsbetrieb wieder Fuß zu fassen, und eine junge Frau von dreiundzwanzig Jahren, die aufgrund ihrer Familiengeschichte Französisch genauso wie Englisch und Deutsch spricht. Lacan hatte von den Sprachkenntnissen dieser Monique Roman schon für Übersetzungen Gebrauch gemacht, der Ethnologe, Claude Lévi-Strauss, wird es auch tun – und sie werden darüber ein Paar.

          Helmut Mayer
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Von diesem Abendessen vor über siebzig Jahren berichtet Monique Lévi-Strauss auf der letzten Seite ihres schmalen Buchs. Die Begegnung mit ihrem späteren Ehemann, der es zu Weltruhm bringen sollte, ist sein Schlusspunkt. Wer etwas über ihr Leben danach erfahren möchte, müsste zu Emmanuelle Loyers vorzüglicher Biographie von Claude Lévi-Strauss greifen, in der ein wenig von den häuslichen Routinen einer langen Ehe erzählt wird.

          Wiener Verknüpfungen mit Sigmund Freud

          Monique Lévi-Strauss, Jahrgang 1926, hat diesen Rückblick auf ihre Kind­heit und Jugend spät verfasst, für ihre Enkel, wie sie schreibt, um eine Lücke in der familiären Erinnerung zu schließen. Auch um eine biographische Besonderheit zu erklären, die auf den ersten Blick kaum glaublich ist: dass sie, Tochter einer jüdischen Mutter und ei­nes belgischen Vaters, zwischen ihrem dreizehnten und neunzehnten Lebensjahr, von 1939 bis 1945, im national­sozialistischen Deutschland gelebt hatte. In der Höhle des Löwen also, wie die näherliegende Übersetzung des französischen „dans la gueule du loup“ lautet (die von der Übersetzerin übrigens auch einmal gewählt wird, wenn diese Wendung im Text auftaucht).

          Monique Lévi-Strauss: „Im Rachen des Wolfes“.
          Monique Lévi-Strauss: „Im Rachen des Wolfes“. : Bild: WBG

          Die Erinnerungen setzen ein mit den Lebenswegen der Eltern. Der Vater, aus recht beengten Verhältnissen stammend, fälscht 1914 sein Alter, um zur Ar­mee zu gehen, überlebt den Krieg, nutzt die Soldaten eingeräumte Möglichkeit des Studiums und ist 1923 für ein Jahr in Harvard. Dort begegnet er seiner zukünftigen Frau, aus Paris zum Studium nach Amerika gekommen und Tochter einer Familie des laizistischen Wiener Judentums, in deren unmittel­barer Verwandtschaft viele Wege zu Sigmund Freud und der Psychoanalyse führen – ihr Onkel mütterlicherseits ist Oscar Rie, einer der ältesten Freunde Freuds, dessen Töchter, eine von ihnen selbst Psychoanalytikerin, wiederum pro­­minente Analytiker ehelichen.

          Umzug nach Deutschland

          Ihre Kindheit verbringt Monique Roman in Paris, wo Großvater Rie sein Perlmutt-Importgeschäft leitet. Die el­terliche Wohnung liegt im sechzehnten Arrondissement, Dienstboten gehören zum gediegenen bürgerlichen Haushalt, erst recht im Anwesen der regelmäßig besuchten Großeltern in Saint-Cloud. Mitte der Dreißigerjahre leistet sich die Familie einen kleinen Landsitz im Berry. Mehrere Sprachen gut zu sprechen, in der mütterlichen Familie ohnehin selbstverständlich, ist ein vom Vater gesetztes Lernziel. Neben Englisch auch Deutsch, und deshalb ist die Zwölfjährige zum ersten Mal 1938 bei einer deutschen Familie einquartiert, muss Knall auf Fall in der noch fremden Sprache den Unterricht im Gymnasium bewältigen.

          Dass seine Tochter in den Tagen vor dem Münchner Abkommen, das den Krieg dann doch noch einmal aufschiebt, nur mit knapper Not ausreisen kann, be­eindruckt den Vater nicht sonderlich. Er setzt durch, dass ihn die Familie nach Deutschland begleitet, wo er eine Stelle als beratender Ingenieur in einer Eisenhütte angenommen hat. Ende März 1939, einige Tage nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in die Tschechoslowakei, beginnt deshalb eine lange Reise durch das Deutschland der Kriegsjahre. Zuerst noch, wie vom Vater vorgesehen, in Wesel am Rhein, aber nach des­sen Verhaftung und Entlassung als feindlicher Ausländer im Frühjahr 1940 an wechselnden Orten unter immer prekäreren Verhältnissen.

          Paris – Boston – Paris

          Im Februar 1944 macht Monique Roman ihr Abitur in Prüm bei Gerolstein, beginnt noch ein Medizinstudium in Bonn, das sie im Sommer für ein Praktikum nach Weimar bringt, wo sie die Opfer eines Luftangriffs auf das Kon­zentrationslager Buchenwald erstversorgt. Und dann, nach Brandbomben auf Bonn, erlebt sie die Befreiung durch amerikanische Truppen in einem hessischen Dorf am Rhein. Ihre Sprachkenntnisse und die amerikanische Staatsbürgerschaft ihrer Mutter ebnen nun die Wege. Nach einigen Wochen als Dolmetscherin in einem Lager für Displaced Persons in Mainz geht es im Mai 1945 zurück nach Paris. Ein knappes Jahr später wird sie gemeinsam mit ihrer Mutter in die Vereinigten Staaten repa­triiert, wo sie in Boston studiert, um dann aber doch endgültig nach Frankreich zurückzukehren.

          Der Parcours, von dem Monique Lévi-Strauss erzählt, ist ungewöhnlich genug. Aber was dieses Buch so einnehmend macht, ist die schnörkellos bündige, ganz nah an den Erinnerungen bleibende Weise, in der sie es tut. Ob die Tanten in Saint-Cloud, ein Skiurlaub alten Stils im gerade noch selbständigen Österreich, die Lehrer am deutschen Gymnasium, das Leben unter Nahrungsmittelnot und Fliegeralarmen oder das Auftreten der amerikanischen Offiziere im Mainzer Lager – immer reichen wenige Züge ge­nau erinnerter Szenen, um dem Leser einen lebendigen Eindruck zu geben.

          Man versteht durchaus , dass der Historiker Étienne François in seinem Nachwort diesen Erinnerungen hohes Lob spendet. Und es ist sehr erfreulich, dass sie, im Original bereits vor sieben Jahren erschienen, doch noch in einer deutschen Ausgabe erscheinen.

          Monique Lévi-Strauss: „Im Rachen des Wolfes“. Meine Jugend in  Nazideutschland. Aus dem Französischen von Annette Jucknat. WBG/Theiss Verlag, Darmstadt 2021. 126 S., geb., 20,– €.

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