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Frauenstimmen aus dem GULag : Schlafen mit offenen Augen

Er war ein Rettungsanker für Frauen im GULag: Boris Pasternak (1890 bis 1960), hier mit seiner Geliebten Olga Iwinskaja und deren Tochter Irina Jemeljanowa. Den Lagererfahrungen der beiden widmet Monika Zgustova ein eigenes Kapitel. Bild: Ullstein

Höllische Schule des Überlebens: Monika Zgustova sprach mit Frauen, die als politische Häftlinge in sowjetische Straflager kamen. Fast alle bezeugen, Bücher, Poesie und Schönheit hätten sie gerettet.

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          Der „andere Holocaust“ ist das sowjetische GULag-System unter Stalin oftmals genannt worden, weil es zugleich als Vernichtungsmaschine fungierte, in der Millionen Menschen durch Hunger, Kälte, Erschöpfung, Misshandlung in den Tod getrieben wurden. Da die Insassen wie auch die Überlebenden in der Mehrzahl Männer waren, ist auch die Geschichte dieser Erfahrung – wenn man von Jewgenia Ginsburg und ihren Lebenserinnerungen „Gratwanderung“ absieht – vor allem von männlichen Ex-Häftlingen erzählt worden. Daher hat die in Barcelona lebende Schriftstellerin Monika Zgustova nach der Jahrtausendwende gezielt Frauen mit einer Lagerbiographie interviewt.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Zgustova, die aus Prag stammt, nach dem Prager Frühling mit ihrer Familie nach Amerika floh und in Barcelona russische und tschechische Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts ins Spanische übersetzt, sammelte die letzten Zeitzeuginnenberichte einer abtretenden Generation. Ihr Buch „Dressed for a Dance in the Snow“, das nach der spanischen Erstausgabe jetzt bei Other Press in englischer Übersetzung herausgekommen ist, enthält mit seinem Untertitel „Women’s Voices from the Gulag“ auch eine Hommage an die große Sammlerin sowjetischer und postsowjetischer Frauenstimmen, die Weißrussin Swetlana Alexijewitsch. Doch während Alexijewitsch vor allem solche aus der Mitte der Gesellschaft zu Worte kommen ließ, dokumentiert Zgustova die Lebenserinnerungen von überwiegend jüdischen Vertreterinnen der Bildungselite.

          Mit der Geige nach Sibirien

          Ihre zumeist hochbetagten Heldinnen definieren sich oft auch durch ihr Liebesschicksal, was die Autorin durch mythische Beinamen unterstreicht. Da ist etwa die Historikerin Sajara Wessjolaja, Beiname „Lots Frau“. Die Tochter des 1939 erschossenen Schriftstellers Artjom Wessjoly war 1949 von der Dissertationsfeier ihrer wenig später ebenfalls abgeurteilten Schwester weg verhaftet worden.

          Monika Zgustova: „Dressed for a Dance in the Snow“. Women’s Voices from the Gulag.
          Monika Zgustova: „Dressed for a Dance in the Snow“. Women’s Voices from the Gulag. : Bild: Other Press

          Die 21 Jahre junge Frau wurde in Seidenbluse, Rock und Pumps geradewegs ins Geheimdiensthauptquartier an der Lubjanka verfrachtet und Monate später in der gleichen – ihrer einzigen – Kleidung in ein sibirisches Dorf. Sie erlebt Hunger und Erniedrigung, muss bei Eis und Schnee Erde umgraben. Sie trifft aber auch den Geiger und Künstler Nikolai Biletow, der Mendelssohn spielt und ihr damit Kraft gibt. Eine romantische Verbindung deutet sich an, doch sie wird verlegt und muss, um sich nicht strafbar zu machen, allein die sechzig Kilometer zur Bahnstation laufen. Wie Lots Frau habe sie sich nach Biletow umgedreht, sagt Wessjolaja. Zwar erstarrte sie nicht, doch das Bild dieses Mannes habe sie ein Leben lang im Herzen getragen.

          Das Leben in Freiheit erscheint seicht

          Die alten Frauen, denen die Autorin zumeist in Moskau – und in einigen Fällen in der Emigration in Paris beziehungsweise London – begegnet, sind, auch infolge langer Mangelernährung im GULag, körperlich hinfällig. Die Misshandlungen, die sie erlitten, schildern sie dennoch ohne Bitterkeit, bezeichnen die Lagererfahrung sogar als Schule für die wirklich wichtigen Dinge im Leben, die sie rückblickend nicht missen möchten.

          So auch eine weitere Historikerin, Susanna Petschuro, die sich um 1950 von Schulfreunden für den Kampf um die echte Revolution und gegen Stalin begeistern ließ. Petschuro, die als siebzehnjähriges Mädchen mit Zöpfen im Lubjanka-Keller landete, bekam wegen angeblich geplanter Sprengstoffattentate sechs Jahre Lager. Mit Dankbarkeit berichtet sie von ihren Mitgefangenen, die sie lehrten, trotz Misshandlungen zu überleben, etwa mit offenen Augen zu schlafen, aber auch aus Fischgräten Nähnadeln zu machen. Petschuro gesteht, dass ihr nach ihrer Entlassung das Moskauer Leben banal und seicht vorgekommen sei. Für Zgustova ist sie eine „Penelope in Ketten“, weil sie ihren Jugendfreund, auch nachdem er erschossen wurde, als ihr „Licht“ empfand, dessen Ideen sie weiterzuführen versuchte.

          Lyrik gegen den Wahnsinn

          Zgustovas Heldinnen betonen, es sei die Schönheit gewesen – der sibirischen Natur, vor allem aber der schönen Literatur –, dank derer sie überlebt hätten. Das sagt auch die Computertechnologin Elena Korybut-Daszkiewicz, die in Russland als Elena Markowa bekannt- wurde. Korybut-Daszkiewicz hatte während des Zweiten Weltkriegs in Stalino, dem heutigen Donezk, unter deutscher Okkupation als Krankenschwester gearbeitet und war deswegen nach der Befreiung als „Vaterlandsverräterin“ in die Kohlebergwerke im arktischen Workuta geschickt worden. Wie viele erzählt sie von Gefangenen, die an Erschöpfung starben oder wegen kleiner Vergehen nackt im Freien festgebunden und so dem Tod durch Kälte oder Mücken ausgesetzt wurden. Wie viele erinnert sie sich aber auch mit Wärme an einen mitgefangenen Schamanen, der ihr lange Entbehrungen, aber auch berufliche Erfolge voraussagte – was dann auch eintraf. Das Wichtigste für die Gefangenen jedoch seien Bücher gewesen, die, so Korybut-Daszkiewicz, Schönheit, Freiheit und Zivilisation in die Barbarei brachten.

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          Zgustova traf historische Figuren. In Paris besuchte sie die dorthin ausgereiste Dichterin und Dissidentin Natalja Gorbanewskaja, die 1968 in Moskau gegen den sowjetischen Einmarsch in Prag demonstrierte und deswegen in die Zwangspsychiatrie gesperrt wurde, wo man ihr Medikamente verabreichte, die Gedächtnisschwund verursachten. Nur das Bewusstsein, das Richtige getan zu haben, und das Verfassen von Lyrik hätten sie, so Gorbanewskaja, damals vor dem Wahnsinn bewahrt.

          Verwickelte Tragödien

          Innerhalb der Lebensberichte tun sich immer wieder weitere Schicksale und Geschichten auf. Petschuro etwa zeichnet ein empathisches Porträt der Opernsängerin Lina Prokofjewa, der ersten Frau von Sergej Prokofjew, die mit ihr einsaß. Trotz der schweren Arbeit, die ihre Stimme ruinierte, habe die kleine, zarte Prokofjewa stets die Kraft gefunden, sich für das Nordlicht zu begeistern oder spät abends mit einer mitinhaftierten Ballerina zu trainieren. Die Autorin Kommunella Markman, die als junge Frau davon träumte, den NKWD-Chef Lawrenti Beria zu verführen und zu töten, legt Zgustova obendrein die Geschichte von Ariadna Zwetajewa, der Tochter von Marina Zwetajewa, ans Herz, die ihre Haftgenossin war. Zgustova zitiert die Briefe, die Ariadna aus dem Lager an Boris Pasternak schrieb, aus Markmans Besitz und führt kundig durch die miteinander verwickelten Tragödien der zwei Dichtergrößen und ihrer Angehörigen.

          Einfühlsam und detailliert hält Zgustova ihre Begegnungen mit den Frauen fest, von denen die meisten diese Publikation nicht mehr erlebten. Eine Fotogalerie zeigt die Hauptfiguren einst und jetzt. Editorische Flüchtigkeitsfehler wie der falsche Gedichttitel von Zwetajewas „Heimweh“ oder die Behauptung, im Juli 1941 habe die Kriegserklärung Deutschlands an Sowjetrussland noch bevorgestanden, verzeiht man leicht. Schade ist jedoch, dass die zahlreichen, teils illustren, für den Nichtexperten aber auch exotischen Biographien, die das Buch berührt, nicht in einem Anhang oder in Anmerkungen dokumentiert werden.

          Monika Zgustova: „Dressed for a Dance in the Snow“. Women’s Voices from the Gulag. Other Press, New York 2020. 277 S., Abb., geb., 23,– €.

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