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Monika Wienforts Geschichte der Ehe : Von Liebesheiraten ist abzuraten

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So heiratet man heute: Fünfzehn Liebespaare aus dem Reich der Mitte geben sich vor der Kulisse des Schlosses Neuschwanstein das Versprechen ewiger Treue. Bild: picture alliance / dpa

Wer sagt denn, dass der Bund fürs Leben etwas mit Zuneigung zu tun haben muss? In ihrer „Geschichte der Ehe seit der Romantik“ untersucht Monika Wienfort eine traditionsreiche Daseinsform.

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          Das Literaturverzeichnis von Monika Wienforts „Geschichte der Ehe seit der Romantik“ weist unter den neunzig Autoren, die sich mit dem Thema befasst haben, einundfünfzig Frauen auf, und von diesen Büchern der Frauen erschien wiederum etwa die Hälfte in den Jahren nach der Jahrtausendwende. Mit der Ehe, dieser sozialen Einrichtung auf stabilem rechtlichem Grund, scheinen gegenwärtig Frauen ein Kapitel ihrer sozialen Geschichte und ihres privaten Lebens aufzuarbeiten.

          Während im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts die rechtlichen Bestimmungen über das eheliche Verhältnis immer präziser, während Name, Wohnsitz, Mitgift festgelegt und Erbschaftsfragen geklärt wurden, avancierte - ein Widerspruch zu den Gesetzen, die die Ehe regelten - die Liebe zum einzigen ehrenwerten Motiv dieser Verbindung. Die neue emotionale Forderung trat der rechtlichen Organisation der Ehe häufig feindselig gegenüber, gelegentlich gar durchkreuzte sie diese. Unter den patriarchalischen Bedingungen des neunzehnten Jahrhunderts bedeutete deshalb die Liebe für die Frauen eine erste Möglichkeit zu freier Entscheidung, und so verwundert es nicht, wenn das Verhältnis von Liebe und Ehe heute zu einem ihrer bevorzugten wissenschaftlichen Themen geworden ist.

          Monika Wienfort konstatiert am Ende ihrer Geschichte der Ehe, dass sich diese „in einem Prozess der Individualisierung zu einer reinen Liebesfrage entwickelt“ habe, „in der es um die Dichotomie von Freiheitsgewinn und Abhängigkeit geht“. Die Liebe habe in der Epoche seit der Romantik an Bedeutung gewonnen, weil geliebt zu sein eine „persönliche Anerkennung“ bedeute und ein „positives Selbstwertgefühl“ verschaffe; die Ehe sei „als eine Möglichkeit, das Geliebtwerden sozial zu dokumentieren“, erkannt worden und bleibe daher bis heute eine wichtige Institution.

          Kaleidoskop aus Sachlichkeit und Lebensfülle

          Zwischen der Darstellung der Ehe als Rechtsverhältnis und der als Liebesglück schwanken denn auch die Themen des Buches, das an Gründlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt. Gründlich werden die rechtlichen Bestimmungen durchgenommen, ihre Variationen in den sozialen Schichten, wie etwa Vertragsabkommen unter Bürgern oder Bauern oder in unterschiedlichen Ländern und Landschaften - Wienfort etwa unterscheidet zwischen einem „nordwesteuropäischen Heiratsmuster“ und einem „alpinen“.

          Gründlich aber werden im historischen Wandel auch alle ästhetischen Erscheinungen, die die Ehe umrahmen, und alle emotionalen Folgen, die mit ihr zu tun haben, beschrieben. Neben den Rechtsfragen, bei denen Monika Wienfort gerne verweilt, stehen deshalb kleine geschichtliche Abrisse über das Heiratsalter, den Polterabend, die Hochzeitsnacht, über Hochzeitsgeschenke, die Hochzeitsreise, die Schwiegermutter, die Witwe, ihre Trauerkleidung, über Heiratsannoncen und die Angst vor dem Heiratsschwindler.

          Bei dieser Fülle von Details gerät der Leser oft genug ins Staunen über manch besondere historische Modulation im Rahmen dessen, was er im Groben schon wusste: Neu könnte ihm etwa sein, dass es die Heiratsannonce bereits im siebzehnten Jahrhundert gab oder dass sich, aus den Niederlanden kommend, das Wissen über „gewisse Präservativ-Bedeckungen“, wie es damals umständlich hieß, über das Rheinland, diese ehemals ökonomisch florierende Region, in Deutschland ausbreitete. Gesetz und Sitte werden nebeneinander abgehandelt und machen aus dem Buch ein Kaleidoskop aus strenger Sachlichkeit und bunter Lebensfülle.

          Nachschlagewerk zur Geschichte der Ehe

          Diesen Charakter kündigen Titel und Untertitel an: Der Titel „Verliebt, verlobt, verheiratet“ verspricht dem Leser eine amüsante Lektüre über ein ernstzunehmendes Lebensmodell, der Untertitel verweist auf die sachliche Kompetenz der Autorin. Diese allerdings tritt nur allzu deutlich in den Vordergrund, sowohl im Faktenwissen wie im trockenen Ton der Darbietung auch bei den sittlichen und privaten Momenten des ehelichen Lebens. Wienfort schließt, um dem Sachverhalt eine individuelle Anschaulichkeit zu verleihen, jeden Epochenabschnitt durch die Kurzbiographie eines Ehepaares ab. 

          Aber auch diese Biographien von Caroline und Wilhelm von Humboldt, Clara und Robert Schumann, dem „Thronfolgerpaar“ Victoria und Friedrich von Preußen, Katia und Thomas Mann, Freya und Helmuth von Moltke sind im sachlichen Stil eines faktentreuen Historikers verfasst; sie sind eher historische Protokolle und bereiten dem Leser nicht jenes Vergnügen, das der muntere Titel des Buches verspricht. Wienfort kompiliert die ihr vorausgehende Forschung fleißig und gewissenhaft. Die Methode der Vermischung von Sachfragen, Rechtsgeschichte und Alltagsverhalten bezieht sie von den französischen „Annalisten“, die in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die Geschichtsschreibung durch eine Soziologie des Alltagslebens erweiterten und bereicherten; einer ihrer Gewährsleute dürfte Jack Goody mit seinen Abhandlungen über die Familie aus den siebziger und achtziger Jahren sein.

          Allerdings hat Wienfort nicht die erzählerische Begabung der Annales-Autoren und nicht die Fähigkeit, das Material rhythmisch zu organisieren, Wichtiges von weniger Wichtigem zu scheiden. Mit monotonem Gleichmut bietet sie alles an, was wissenswert sein könnte. So mag das Buch, das durch Stichworte in viele Unterkapitel gegliedert ist, eher für ein Nachschlagewerk zur Geschichte der Ehe als Rechts- und Lebensmodell gelten denn als bildende Lektüre für die mit ihrer Vergangenheit befasste weibliche Leserschaft.

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