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Monika Ankele: „Alltag und Aneignung in Psychiatrien um 1900“ : Gegenwelten in Zwirn, Bettlaken und Papier

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Bild: Verlag

Objekte aus der Anstalt: Ein Katalog und ein Buch geben neue Antworten auf die Frage, warum die Kunst von Außenseitern fasziniert.

          Zwei Preise hat die Historikerin Monika Ankele für ihr Buch über die von Frauen gefertigten Bilder und Objekte aus der berühmten Sammlung Prinzhorn bereits erhalten - zum einen den Käthe-Leichter-Preis des österreichischen Bundesfrauenministeriums, zum anderen einen der Stadt Wien. Und tatsächlich fällt die Veröffentlichung von Ankeles Studie, die aus ihrer Doktorarbeit hervorgegangen ist, in eine Zeit, in der die von der Autorin sorgsam erforschten und besprochenen Gegenstände plötzlich wieder besondere Aufmerksamkeit erhalten: Zu „Outsider Art“ gibt es derzeit zahlreiche Ausstellungen - zuletzt etwa die Schau „Surrealismus und Wahnsinn“ in Heidelberg.

          Hervorgehoben wird damit die Kunst von Laien, die weder eine formale Ausbildung zur Malerei oder Skulptur erhielten und ursprünglich auch nicht für den Kunstmarkt produzierten. Das können malende Beamte sein, wie etwa der Zöllner Henri Rousseau, dessen Bilder die Fondation Beyeler in Basel derzeit zeigt. Unter „Outsider Art“ fallen aber auch die Werke von Frauen, die in der Psychiatrie malten, zeichneten, töpferten, häkelten, strickten oder nähten. Möglicherweise taucht also das eine oder andere Objekt, das Ankele in ihrem Buch kontextualisiert, demnächst in einer Ausstellung auf, Gelegenheiten gebe es genug.

          Blick der Medizingeschichte

          Auf die Frage also, was an der „Outsider“-Kunst so faszinierend ist, muss eine Antwort gefunden werden. Und das Aufregende ist, dass Ankele eine neue Antwort bietet.

          Untersucht wurden Selbstzeugnisse wie Briefe, Texte, Zeichnungen oder textile Arbeiten, die Frauen in Anstalten angefertigt haben und die zwischen 1900 und 1920 in die Lehrsammlung der psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg eingingen, die heutige Sammlung Prinzhorn. Im Jahr 1922 verfasste der Arzt und Kunsthistoriker Hans Prinzhorn sein Buch „Bildnerei der Geisteskranken“, das auf die Kunstgeschichte erheblichen Einfluss ausübte, insbesondere auf die Surrealisten.

          Nun blickt Ankele nicht mit den Augen einer Kunsthistorikerin auf diese Selbstzeugnisse von Frauen. Sie betrachtet die Gegenstände aus medizinhistorischer Sicht, insbesondere in der von Roy Porter begründeten Tradition einer patientenorientierten Medizingeschichte. 1985 veröffentlichte Porter den Aufsatz „The Patient's View. Doing Medical History from Below“. Die Geschichte der Medizin war bis dahin aus Sicht der Ärzte geschrieben worden. Jetzt sollten die Patienten zu Wort kommen.

          Textstakkato auf der Jacke

          Da wäre zum Beispiel die unverheiratete Agnes Richter, die 1895 im Alter von einundfünfzig Jahren in die sächsische Heil- und Pflegeanstalt eingewiesen wurde, eine gelernte Näherin, die ihr Jäckchen mit Textfragmenten bestickte. Als Hausmädchen hatte Richter zuerst in Dresden gedient, war dann für acht Jahre nach Amerika gegangen, kehrte zurück und wurde 1893 zuerst in das „Siechen- und Irrenhaus“ nach Dresden gebracht, da sie, wie ihre Akte vermerkt, „durch Unruhe den Hausfrieden gestört“ habe. „Meine Jacke“, „meine Strümpfe“, „ich“, „ich bin“, „ich heute Fräulein“, heißt es in atemlosem Stakkato auf der Jacke, auf dem Ärmel geht es weiter mit „Anstaltsärzte“. Richter starb 1918 in der Anstalt.

          Da wäre auch der Fall von Hedwig Willms, einer gelernten Schneiderin, die in der Anstalt Berlin zu Buch ausgerechnet ein Service aus Baumwollfäden knüpfte und häkelte, bevor sie sich zu Tode hungerte und im August 1915 starb. Oder da wäre Marie Lieb, die in ihrer Zelle in der psychiatrischen Universitätsirrenklinik in Heidelberg ihr Bettzeug zerriss und zu Mustern auf dem Boden auslegte. Bis auf die Fotografien ihres Zellenbodens aus dem Jahr 1894 ist über sie nichts weiter überliefert.

          Enthemmte Kreativität?

          Richter, Willms und Lieb stehen stellvertretend für eine Vielzahl von Patienten, die aus Zeitungen, Akten, Klopapier, Garnen, Bettlaken, Matratzenfüllungen, aber auch Blut und Kot Bilder, Puppen oder Objekte schufen. In der Kunstgeschichte wurden solche Werke lange als eine Form von gesteigerter Kreativität idealisiert, die angeblich im Wahnsinn freier fließe und nicht durch die Vernunft gehemmt werde. Diese Verbrämung beschreibt der Literaturwissenschaftler Peter Bürger dementsprechend kritisch in dem lesenswerten Katalog „Surrealismus und Wahnsinn“. Vor allem André Breton, Autor des 1924 erschienenen „Manifests des Surrealismus“, stilisierte die Geisteskranken zu einer Art Vorbild - allerdings, wie Bürger detailreich nachweist, nur auf dem Papier. Die surrealistischen Künstler beharrten auf dem Unterschied zu den nur wortreich umworbenen Irren, eine Distanz, „die sich in der von ihnen eingenommenen Beobachterposition wie in dem von ihnen beanspruchten Deutungsmonopol niederschlägt“.

          Kampf gegen den Klinikalltag

          Aus diesem Dilemma weist Ankele den Weg. Sie beschreibt die Objekte und auch Bilder aus der Prinzhorn Sammlung als den Versuch von Patienten, sich ihr entmündigtes Lebens wieder zurückzuholen. Malend, stickend, nähend, kämpften sie gegen den ritualisierten Klinikalltag an, der Individuen zu Fällen macht und Personen zu Krankheitsbildern. Sie waren aus einer Welt herausgeholt worden, in der es schöngedeckte Tische gab, Teppiche oder Bilder an der Wand. Sie wurden in eine Welt gebracht, die aus Ärzten in Kitteln und Anstaltsräumen bestand.

          Und es ist wohl dieser Hintergrund, der die Werke für uns heute so berührend macht: Ein ausgebildeter Künstler wie Damien Hirst mag sich der Ölmalerei zuwenden, weil er das für eine kluge Strategie im Kunstmarkt hält. Laien wie Richter, Willms und Lieb aber schufen ihre Objekte, weil sie eine Botschaft hatten. Weil sie eine Gegenwelt brauchten. Ihr Ernst ist bei aller Not auch ein Versprechen.

          Objekte aus der Anstalt: Ein Katalog und ein Buch geben neue Antworten auf die Frage, warum die Kunst von Außenseitern fasziniert.

          Ankele blickt „nicht mit den Augen einer Kunsthistorikerin“ auf die Selbstzeugnisse psychisch kranker Frauen, so unsere Rezensentin Julia Voss. Vielmehr bietet sie eine aufregende neue Perspektive, da sie die Gegenstände aus medizinhistorischer Sicht betrachtet: „Sie beschreibt die Objekte und auch Bilder aus der Prinzhorn Sammlung als den Versuch von Patienten, sich ihr entmündigtes Lebens wieder zurückzuholen. Malend, stickend, nähend, kämpften sie gegen den ritualisierten Klinikalltag an, der Individuen zu Fällen macht und Personen zu Krankheitsbildern.“

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