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Mohsen Mostafavi (Hg.): Ecological Urbanism : Wie wollen wir wohnen?

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Bild: Verlag

Lernen von Kalkutta: Unter der Überschrift „Ecological Urbanism“ sammelt ein voluminöser wichtiger Band aus Amerika internationale Vorschläge zum umweltverträglichen Städtebau.

          Henry David Thoreau, der Schutzpatron der amerikanischen Naturfreunde, liebte das Leben in der Wildnis. Doch unvergessen ist sein Missgeschick, als er 1884 ein Lagerfeuer in den Wäldern von Concord entzündete und dabei versehentlich mehr als eine Million Quadratmeter Wald abfackelte. Damit hatte der Eremit der Natur mehr Schaden zugefügt als jeder Bewohner des dichtbebauten Boston nahebei. Die Lehre aus dieser Panne ist für den Harvard-Ökonomen und Stadtforscher Edward Glaeser ganz schlicht: Wer der Umwelt Gutes tun will, sollte sich besser von ihr fernhalten; auch wenn der Betondschungel heutiger Städte ganz und gar nicht grün aussieht, hält Glaeser ihn trotzdem für umweltfreundlicher, weil er weniger Land verbraucht. Sein Fazit: „Wenn Amerika grüner werden soll, dann müssen wir mehr in Boston oder San Francisco bauen und weniger in Houston oder Oklahoma.“

          Dieses ökologisch korrekte Ideal dichter städtischer Packungen in klimatisch günstigen Lagen hatte schon der Römer Vitruv vor zweitausend Jahren entworfen. Doch seit der Transportmittelrevolution und Stadtauflösung im zwanzigsten Jahrhundert haben solche Wunschbilder ausgedient. Umso erstaunlicher ist es, wenn ein weltbekannter Bau-Brutalo wie der holländische Architekt Rem Koolhaas neuerdings Vitruvs Anleitung zum gesunden Städtebau zitiert. Inmitten der kenntnisreichen, aber extrem disparaten Essays und Projekte, die 134 Wissenschaftler, Architekten und Planer im Riesenwälzer „Ecological Urbanism“ der angesehenen Harvard-Architekturschule zusammentragen, wirkt Koolhaas' Eröffnungsaufsatz wie eine Bombe. Bislang war Koolhaas der apokalyptische Reiter des globalen Urbanismus, der gern schlechte Nachrichten vom Untergang traditioneller Bauordnungen und Städte überbrachte, um seinem Berufsstand die romantischen Flausen auszutreiben. Anstelle von Knusperhäuschen oder historischen Stadtveduten empfahl er Riesentürme und Großcontainer als einzig realitätstaugliche Antwort auf die Explosionsdynamik heutiger Großstädte.

          Das neue Mantra aufgeklärter Architekten

          Neuerdings jedoch geißelt der Holländer die Irrtümer der Baumoderne und hat deren jüngste Wahngebilde in einer Fotocollage versammelt: eine Wüstenlandschaft mit sämtlichen Markenzeichen-Architekturen der aktuellen Immobilienblase von Dubai bis Peking - und in der Mitte prangt der spektakuläre Wolkenbügel, den Koolhaas kürzlich für das chinesische Staatsfernsehen errichtete. Sein Appell: „Diese ikonischen Gebäude mögen jedes für sich plausibel sein, aber zusammen ergeben sie eine Landschaft der totalen Selbstauslöschung - damit ist jetzt Schluss.“ Stattdessen geht er noch hinter Vitruv zurück und plädiert mit ungekannter kapitalismuskritischer Verve für eine Wiederentdeckung informeller, anonymer Bautechniken aus tropischen Regionen und Dritte-Welt-Städten, die mit Klima, Wasser und Boden vernünftig umgegangen seien, bevor sie der Sündenfall der Apparate-Architektur ereilte.

          Das ist das neue Mantra aufgeklärter Architekten: Lernen von Mumbai und Kalkutta. Zwar sind solche Riesenstädte weit entfernt von den Komfortstandards westlicher Metropolen, doch sie kultivieren eine seit langem erfolgreiche Praxis des flächen- und ressourcensparenden Zusammenlebens, die belastbarer erscheint als die kurze Blüte der raum-, material- und energieaufwendigen Stadtorganisation der Moderne.

          So schwärmt auch der amerikanische Avantgarde-Theoretiker Sanford Kwinter, der bislang vorzugsweise nichteuklidische Geometrien für biomorphe Baumonster entwickelte, von der sozialökonomisch hochentwickelten Selbstorganisation des Dharavi-Slums von Mumbai. Von der gesamtstädtischen Essensversorgung bis zum Abfallrecycling arbeite dieses Viertel wie die Eingeweide der Stadt, ohne die Mumbai nicht leben könne. „Megacities“, so Kwinter, „bieten ökologisch extrem effiziente Lösungen, die aber noch große politische Unterstützung brauchen, um auch nachhaltig zu werden.“ Der italienische Alt-Avangardist Andrea Branzi sieht die Stadt der Zukunft gar als „high-tech favela“.

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