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Essayband von Jürgen Dahl : Autofahrer genießen das Recht des Stärkeren

  • -Aktualisiert am

Nichts geht mehr: Die Gesamtlänge aller Staus, welche sich 2019 auf deutschen Autobahnen bildeten, betrug 1,4 Millionen Kilometer. Bild: dpa

Blick zurück voraus: Über die Folgen des Individualverkehrs wird derzeit genauso eifrig debattiert wie über die Auswirkungen der Plastikproduktion. Neu ist das jedoch nicht, wie drei Essays von Jürgen Dahl zeigen.

          3 Min.

          Noch nie waren in Deutschland so viele Autos angemeldet wie in diesem Jahr. Bei 47,7 Millionen der insgesamt 65,8 Millionen zugelassenen Fahrzeuge handelt es sich um Pkw. Dem ADAC zufolge betrug die Länge der 2019 bei uns gezählten Autobahn-Staus 1,4 Millionen Kilometer. Die Sorge, der Verkehr könnte bald kollabieren, und die Empfehlung, Privatleute mögen in der Stadt in größerer Zahl aufs Rad umsteigen, bilden den Kern einer Debatte, deren Konsequenzen überschaubar bleiben.

          Kai Spanke

          Redakteur im Feuilleton.

          Man ist geneigt zu sagen, nie sei schärfer über die Auswirkungen des Straßenverkehrs diskutiert worden als heute, und das verdankt sich, so eine naheliegende Vermutung, unserem Wissensstand. Tatsächlich jedoch war schon die Generation der Babyboomer bestens im Bilde. Im Jahr 1972, als der Club of Rome den Bericht zu den „Grenzen des Wachstums“ vorstellte, erschien auch Jürgen Dahls Essay „Der Anfang vom Ende des Automobils“. Darin führt der 2001 verstorbene Autor und Journalist aus, welche gesundheitlichen Folgen Abgase haben, er sinniert über die Straßenverkehrsordnung, die dem „Autofahrer das Recht des Stärkeren gibt und für den Fußgänger nur eine Art Wildwechsel übriglässt“, und geht auf den Zusammenhang von Pkw-Herstellung und Prosperität ein: „Dass die Volkswirtschaft von der Autoproduktion abhängig sei, weil jeder Zehnte von dieser Industrie lebt, ist ja in Wahrheit gar kein Argument für ihr Florieren, sondern müsste im Gegenteil der ernste Anlass sein, auf eine Reduzierung zu drängen.“ Es sei gefährlich, wenn das Wohlergehen des Landes auf nur einen Wirtschaftszweig angewiesen ist.

          Jürgen Dahl: „Einrede gegen die Mobilität. Der Anfang vom Ende des Automobils. Einrede gegen Plastic.“
          Jürgen Dahl: „Einrede gegen die Mobilität. Der Anfang vom Ende des Automobils. Einrede gegen Plastic.“ : Bild: Verlag Das kulturelle Gedächtnis

          Dahl widmet sich gerne Problemen, die auf sich selbst zurückführen. So hebt er hervor, ein großer Teil des Individualverkehrs diene dazu, den Auswirkungen ebendieses Verkehrs zu entkommen. Davon zeuge die Beliebtheit von Naherholungstrips: „Überall gebiert die vornehmlich mit Hilfe von Autos unwirtlich gemachte Stadt in dem Maße, wie sie unwirtlicher wird, immer neue Autofahrer.“ Dass Lärm und Auspuffgase jährlich Hunderte Tote fordern, gelte als Kollateralschaden technischer Entwicklung. Die zahllosen Möglichkeiten, den Unbilden des Verkehrs etwas entgegensetzen – von schalldämmenden Fenstern über Filteranlagen bis zu Medikamenten –, sind für Dahl ein verräterisches Symptom. Letztlich schaffe der Fortschritt die Bedingungen, welche „seinem weiteren Fortschreiten den Schein der Notwendigkeit verleihen“.

          Politische Argumente und ästhetische Vorbehalte

          Der Band enthält noch zwei weitere Interventionen Dahls: „Einrede gegen die Mobilität“ und „Einrede gegen Plastic“, beide von 1974. In ihnen demonstriert der Autor abermals sein Talent, mit eleganter Kulturkritik vermeintliche Gewissheiten zu entkräften – ohne als pessimistischer Nörgler zu erscheinen. Bis heute gilt Mobilität als Inbegriff von Freiheit. Das kommt Dahl seltsam vor, denn die Fortbewegung allein macht einen Menschen nicht unabhängig. Ist nicht derjenige wirklich autark, fragt Dahl, der über seine Zeit nach Belieben verfügen kann? Immanuel Kant verweilte sein ganzes Leben an einem Ort. Das sollte ihm gleichwohl kein Mitleid einbringen, denn es sei weit weniger peinigend, im achtzehnten Jahrhundert in Königsberg zu bleiben, als im zwanzigsten Jahrhundert Düsseldorf nicht verlassen zu können.

          Die politische Argumentationsschiene verlässt Dahl im Essay über Plastik, um ästhetische Vorbehalte geltend zu machen. Ein ums andere Mal versucht sich der begeisterte Gärtner und sprachbewusste Sammler von Limericks an Neologismen und eigenwilligen Wendungen – vom „Polymerisationsmysterium“ ist genauso die Rede wie von „makromolekularer Knetmasse“ –, um in rhythmischer Diktion seine These zu umkreisen: Kein anderer Stoff stehe so deutlich für die Ideale der Wegwerfgesellschaft wie Plastik. Er sei charakterlos, wirke anorganisch und habe dem Tastsinn nichts zu bieten. Es handelt sich, kurz gesagt, um ein Material ohne nennenswerte sinnliche Qualitäten. Detailliert analysiert Dahl, warum Kunststoff so verheißungsvoll und zugleich seelenlos ist. Von der Vermüllung der Ozeane konnte er noch nichts wissen, und das von ihm prophezeite Ende der Autos bleibt einstweilen Spekulation. Ein Makel ist das allerdings nicht. Vielmehr lassen die falschen Vermutungen die korrekten Diagnosen umso deutlicher hervortreten.

          Jürgen Dahl: „Einrede gegen die Mobilität. Der Anfang vom Ende des Automobils. Einrede gegen Plastic.“ Mit einem Vorwort von Jürgen Trittin. Verlag Das kulturelle Gedächtnis, Berlin 2020. 112 S., geb., 12,– €.

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