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Faszination Sportstadion : Steilpässe im Ideengestöber

  • -Aktualisiert am

Wo die Massen der Fans mitlebten, hat die Pandemie vorerst nur noch stellvertretende T-Shirts zurückgelassen: Blick auf die Tribüne beim DFB-Pokalfinale 2020 im Berliner Olympiastadion. Bild: Reuters

Explosionen von Intensität: Hans Ulrich Gumbrecht versucht herauszufinden, warum Stadien und Menschenmassen so faszinierend sind.

          4 Min.

          Santiago de Chile im Mai 2013. Hans Ulrich Gumbrecht sitzt in einer Bar und verfolgt das Champions-League-Finale zwischen Bayern München und Borussia Dortmund. Nach dem Ausgleich des BVB spendiert er Freunden und Unbekannten ein paar Drinks, die er, als Arjen Robben in der neunundachtzigsten Minute das Spiel entscheidet, direkt wieder vom Tisch fegt. Offenbar kein Ausrutscher: Der emeritierte Literaturwissenschaftler aus Stanford bekennt, es stimme ihn so verdrießlich, wenn das Football-Team seiner Universität gegen die Mannschaft aus Berkeley verliert, dass er sich bemühen muss, die Fans des Gegners nicht zu provozieren. Zwischen Reiz und Reaktion fehlt offenbar ein Puffer – und das führt direkt ins Zentrum von Gumbrechts Verständnis eines intensiven Lebens.

          Kai Spanke

          Redakteur im Feuilleton.

          Seit er vor sechzehn Jahren das Bändchen „Diesseits der Hermeneutik“ vorgelegt hat, kreisen seine Überlegungen um den Gegensatz zwischen unmittelbarer Wahrnehmung und Denken. Wer Gänsehaut angesichts einer Landschaft oder eines Texts, eines Fußballspiels oder eines Musikstücks bekommt, wird diese Erfahrung für gewöhnlich nur mit Abstrichen in Worte bringen können. Die Überwältigung ereignet sich vorreflexiv. Sie zu interpretieren mag einer gängigen Auffassung zufolge das Handwerk des Akademikers sein, nicht jedoch des empfindsamen Feingeists. Gumbrecht ist beides: ein Mann des Wortes, der sich gerne mitreißen lässt. Kunst oder Sport sieht er nicht ausreichend gewürdigt, wenn sie auf Sinn ohne Sinnlichkeit reduziert werden. Deswegen pocht er auf Kategorien wie „Präsenz“ und „Materialität“.

          Hans Ulrich Gumbrecht: „Crowds“. Das Stadion als Ritual von Intensität.
          Hans Ulrich Gumbrecht: „Crowds“. Das Stadion als Ritual von Intensität. : Bild: Vittorio Klostermann Verlag

          In „Crowds“ nähert sich Gumbrecht seinem Thema abermals über den Körper: Es schmerze ihn „im wörtlichen Sinn“, an legendären Stadien vorbeizufahren, die er noch nicht kennt – zu groß das Verlangen, einen Blick hineinzuwerfen, zu verlockend der Reiz, sich auf den Rängen wichtige Momente vergangener Spiele zu vergegenwärtigen. Mit solchen Anekdoten, die um persönliche Neigungen kreisen, pirscht sich Gumbrecht an die Ursachen für die Faszination von Stadien und Menschenmassen heran. Dass er dabei oft ins Atmosphärische abrutscht, wird ihm, der in einer Monographie von 2011 die „verdeckte Wirklichkeit der Literatur“ in Stimmungen zu finden glaubte, nicht versehentlich unterlaufen sein. Über die Situation nach einem Fußballspiel im Westfalenstadion heißt es: „Mit einer matten Wärme scheint das Licht noch, statt der Spieler in schöner Bewegung stehen am Rand des Spielfelds drei oder vier Angestellte, die den Rasen reparieren.“

          Masse und Glücksmomente

          Die Zeiten, in denen der Autor mit gründlichen Begriffsgeschichten von sich reden machte, sind lange vorbei. Nun setzt er auf die Intuition: Wenn ich zwischen Zehntausenden feiernden Menschen Wonne empfinde, ist es gewiss lohnend, nach dem Ursprung dieses körperlich erfahrbaren Zustands zu fahnden. So gerät der Alltag zum Stichwortgeber von Forschungsrichtungen.

          Gumbrecht konturiert sein Thema, indem er den Zusammenhang von Intensität – inzwischen so etwas wie ein Ideal des modernen Lebens – und Menschenmeer hervorhebt, denn im Stadion gehören wir mit unseren Körpern zu einer „Masse und werden in ihr Teil eines Verhältnisses zu anderen Körpern, das zunächst gar nichts mit gemeinsamen Interessen, mit Solidarität oder mit Konsensus zu tun hat, sondern eben nur mit Körpern“. In der VIP-Lounge, wo gesnackt und geredet wird, könne sich dieses Erleben nicht einstellen. Es fehle insgesamt an einem Diskurs über Masse und Glücksmomente, was Skeptikern wie Gustave Le Bon, José Ortega y Gasset und Elias Canetti zu verdanken sei.

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