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: Mit rauhen Händen und zersplitterten Fingernägeln

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Wenn bedeutende Journalisten einmal Muße finden - aus welchen Gründen auch immer -, kann es passieren, daß sie sich nicht mehr mit dem Vorletzten begnügen. Pünktlich zu Mariä Himmelfahrt 2004 erschien in Frankreich der kontrovers diskutierte Bestseller über Maria, der jetzt auch in deutscher Übersetzung vorliegt.Sein ...

          3 Min.

          Wenn bedeutende Journalisten einmal Muße finden - aus welchen Gründen auch immer -, kann es passieren, daß sie sich nicht mehr mit dem Vorletzten begnügen. Pünktlich zu Mariä Himmelfahrt 2004 erschien in Frankreich der kontrovers diskutierte Bestseller über Maria, der jetzt auch in deutscher Übersetzung vorliegt.

          Sein Autor, Jacques Duquesne, ist einer der Großen in seinem Metier. Beispielsweise war er für die führende katholische Tageszeitung "La Croix" tätig, derzeit leitet er den Aufsichtsrat von "L'Express". "Maria" ist nicht sein erster theologischer Seitensprung, Jesus und Gott waren auch schon dran. Und mit "Opa, was ist Gott?" hat er vor einigen Jahren versucht, ehrlich und sympathisch auf Glaubensfragen der Kinder zu antworten, die im Grunde auch die Fragen einer noch so gelehrten Theologie sind.

          Auch in "Maria" geht es Duquesne nicht um den Skandal, nicht darum, Glaube und Kirche und Theologie insgesamt zu desavouieren. Sensationelle Enthüllungen sucht man vergebens. Der Autor bekennt, weiterhin Katholik zu sein. Aber das sagen ja viele. Daß das Buch im Nachbarland dennoch auf so viel Interesse stieß, mag zeigen, welche tiefen katholischen Wurzeln die laisierte Republik nach wie vor hat - und wie wenig die Arbeit von Bibelwissenschaftlern und Kirchengeschichtlern sich einem breiteren Publikum vermittelt.

          Hält man sich an die frühen Quellen, ist von Maria wenig zu erzählen. Paulus, der älteste überlieferte christliche Autor, erwähnt die Mutter Jesu nur mit einem Wort (Galater 4,4). In den vier Evangelien wird sie dann öfter und auch namentlich erwähnt; insbesondere in der "Weihnachtsgeschichte" bei Lukas (das älteste Evangelium nach Markus weiß von der Geburt Jesu nichts zu erzählen) spielt sie eine etwas größere Rolle. Von diesem Vorspiel zur Jesus-Geschichte geht die weitere Entwicklung der Marienverehrung aus: Der Engelsgruß (Ave Maria), das demütige Gebet der Maria (Magnificat) und - natürlich - die Jungfrauengeburt haben seitdem die christliche Theologie und Liturgie der Konfessionen beschäftigt, bis hin zu den auch von vielen Katholiken als problematisch empfundenen marianischen Dogmen des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts: die Unbefleckte Empfängnis (1854) und die leibliche Aufnahme in den Himmel (1950). Auch diese Lehren, von denen in der Bibel nichts steht, fielen freilich nicht von Himmel, sondern haben eine lange Vorgeschichte im theologischen Denken. Schon seit dem vierten Jahrhundert gilt Maria als "Gottesgebärerin"; im zwölften Jahrhundert kann Peter von Celle sogar eine "Quaternität" von Vater, Sohn, heiligem Geist und Maria erwarten. Daß Maria "beim Werk des Erlösers in ganz einzigartiger Weise mitgewirkt" habe, bekennt vergleichsweise vorsichtig das Zweite Vatikanum.

          Diese Entwicklung bis hin zu feministischen Inanspruchnahmen Marias zeichnet Duquesne in groben Zügen und mit saftigen Details und Zitaten nach. Seine Rückgriffe auf die Fachliteratur (meist französisch, meist katholisch) weisen eine erstaunlich hohe Trefferquote in Sachen Seriosität auf, was in Darstellungen dieses Zuschnitts nicht die Regel ist. Freilich, die protestantische Sicht auf das Thema (ja, auch die gibt es!) oder ein ernsthafter religionswissenschaftlicher Zugang werden kaum berücksichtigt. Gerade letzteres hätte aber zu wirklicher Aufklärung beitragen können.

          Duquesne will das alte Spiel spielen: Der historische Mensch statt der theologischen Ikone. Das muß nicht nur deshalb scheitern, weil die Quellen zu spärlich fließen, sondern auch weil sie selbst diese Unterscheidung nicht vornehmen. Und so springt die historische Phantasie in die Bresche: "Das alles tut Maria, Tag für Tag. Mit von der Arbeit rissigen, rauhen Händen und zersplitterten Fingernägeln. Maria, wie man sie sich nie vorstellt." Auch das ist ein Glaubensbekenntnis.

          Erheblich gespart hat man offenbar beim Lektorat und bei der Übersetzung. Das "Protoevangelium des Jakobus" (gemeint ist das apokryphe Protevangelium des Jakobus, in dem sich viel Legendarisches über Maria findet) oder die "Jerusalemer Bibelschule" (keine bible school für Einfältige, sondern die ehrwürdige École biblique) mögen noch hingehen. Man staunt über den "Brand Roms im Jahr 66", den Zebedäus-Sohn Jakobus, der angeblich "auf Anweisung Caligulas" hingerichtet wurde, oder das Thomasevangelium, "das weitgehend den Texten von Matthäus, Lukas und Johannes ähnelt". Schon mal gelesen?

          Machte einen die Mißachtung elementarer publizistischer Standards nicht traurig, müßte man lachen über Athanasius, "einen weiteren Pater aus Alexandria" (gemeint ist der Kirchenvater - père), den "deutschen Bibelexegeten Jürgen Moltmann" (bei allem Respekt, das ist er nicht) oder den "berühmten englischen katholischen Theologen Paul Newman". War das nicht der Partner der B.B. in "Viva Maria!"? Man ahnt, daß Duquesnes im ganzen informatives Buch nicht nur unter mariolologischen Aspekten Kontroversen auslöste. Denn in einem grundlegenderen Sinn stimmt hier vieles hinten und vorne nicht.

          HERMUT LÖHR.

          Jacques Duquesne: "Maria". Die Mutter Jesu. Aus dem Französischen von Christiane Seiler. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2005. 268 S., geb., 19,90 [Euro].

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