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: Mit nüchterner Trunkenheit

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"Die Mängel und die Schwäche des Völkerrechts sind in diesem Kriege in erschreckendem Maße offenbar geworden", schreibt der Heidelberger Professor dem Kollegen nach New York. Oft habe sich sogar bei Offizieren und selbst in hohen Kreisen der politischen Elite eine grauenhafte Unkenntnis des Völkerrechts gezeigt.Den ...

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          "Die Mängel und die Schwäche des Völkerrechts sind in diesem Kriege in erschreckendem Maße offenbar geworden", schreibt der Heidelberger Professor dem Kollegen nach New York. Oft habe sich sogar bei Offizieren und selbst in hohen Kreisen der politischen Elite eine grauenhafte Unkenntnis des Völkerrechts gezeigt.

          Den Adressaten, der der öffentlichen Meinung stets die Schlüsselfunktion bei der Verrechtlichung des Internationalen zuschrieb, hätte dieses Resümee des gut ein Jahr zurückliegenden Krieges vielleicht enttäuscht. Doch als Johann Caspar Bluntschli seine Nachricht an Francis Lieber abschickt, folgt die globale Kommunikation noch den Gesetzen der Ungleichzeitigkeit. Der am 1. Oktober 1872 aufgegebene Brief erreicht seinen Adressaten nicht mehr; am nächsten Tag erliegt Lieber in seiner New Yorker Wohnung einem Herzinfarkt.

          Bluntschli, Professor für Staatswissenschaft in Heidelberg, stellte den nie angekommenen Brief der zweiten Auflage seines "Modernen Völkerrechts" als Vorwort voran. Und setzte damit den Schlußpunkt einer intensiven transatlantischen Korrespondenz: Seit 1865 hatten sich der Schweizer Bluntschli und der in Berlin geborene Lieber, der an der Columbia University Verfassungsgeschichte und politische Philosophie lehrte, regelmäßig über Bücher, Ereignisse und Ideen, über Recht, Politik und Theologie geschrieben. Daß sie damit zugleich zur Ausformulierung wesentlicher Prinzipien des modernen Völkerrechts beitrugen, zeigt Betsy Baker Röben in ihrer Kieler Dissertation. Anhand der 42 erhaltenen, im Anhang edierten und kommentierten Briefe erschließt die in Harvard lehrende Autorin vielfältige Linien gegenseitiger Beeinflussung im Denken der beiden Völkerrechtler.

          So regte etwa der Lieber Code, die 1863 als "General Orders No. 100" im Auftrag Lincolns bekanntgemachten Feldinstruktionen für die Armee der Nordstaaten, Bluntschli zum Weiterdenken an. In seinem 1866 erschienenen "Modernen Kriegsrecht" griff er die von Lieber formulierten Rechtsgrundsätze auf, die über die Haager Landkriegsordnung zum grundlegenden Dokument des humanitären Völkerrechts wurden.

          Der Briefwechsel war Teil eines Netzwerks liberaler amerikanischer und europäischer Völkerrechtler, das durch die von Lieber vorangetriebene Gründung des Institut de Droit International 1873 feste Konturen gewann. Die Akademie sollte, wie Bluntschli formulierte, "dem gemeinsamen Rechtsbewußtsein der civilisirten Welt zum Wissenschaftlichen Organe dienen". An den unaufhaltsamen Fortschritt der humanitären Idee glaubten beide unbeirrbar. So wechselt auch der Ton des letzten Heidelberger Briefs schnell ins Optimistische: Sicher wären auch im Deutsch-Französischen Krieg viele Mißgriffe unterblieben, wenn die Kenntnisse des Völkerrechts allgemeiner verbreitet wären, schreibt Bluntschli. Sorgfältiger als bisher müsse daher das Kriegsrecht schon in den Schulen gelehrt werden.

          David Kennedy, als Manley O. Hudson Professor an der Harvard Law School ein heutiger Lehrer des Internationalen Rechts, nimmt das schon von Bluntschli und Lieber gepflegte idealistische Narrativ von der unaufhaltsamen Weiterentwicklung des humanitären Projekts kritisch unter die Lupe und beleuchtet seine dunklen Seiten. "Entzauberung" ist das immer wiederkehrende Schlüsselwort seines klugen, aufrichtigen und provokativen Buches, in dem er autobiographische Skizzen in spannende Völkerrechtstheorie verwandelt.

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