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: Mit nüchterner Trunkenheit

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Kennedy teilt mit dem Leser Enthusiasmus und Desillusionierung aus fast dreißig Jahren als professioneller humanitarian. Er beschreibt und reflektiert sich selbst - und dabei zugleich das Recht, das nach Überzeugung des prominenten Vertreters der weitverzweigten critical legal studies stets neu verfertigt und erfahren werden muß, nie einer Situation vorausliegt. Im Dienst des UN-Flüchtlingshochkommissars und im verzwickten Mehrebenensystem der EU hat Kennedy selbst jene pragmatische Kehre mitvollzogen, die dem Realismus den Vorrang vor dem Idealen einräumt. Mit seinen eigenen erzählt er auch die Geschichten einer Generation: 1998 landet der Wehrdienstverweigerer von 1971 als Besucher auf dem im Persischen Golf stationierten Flugzeugträger U.S.S. Independence - seine harte Landung wird zur Metapher einer neuen Annäherung an militärische Gewaltanwendung.

Die Zyklen der Selbsterneuerung des humanitären Projekts deutet Kennedy als Fluchtbewegungen aus dem Spannungsfeld zwischen Norm und Realität. Ein wirklicher reflexive turn, der auch die Schattenseiten gutgemeinter Initiativen kritischer Analyse unterzieht, stehe noch aus. Staatliche und nichtstaatliche Akteure sprechen die gleiche Sprache humanitärer Terminologien, gebrauchen dabei aber - zuweilen die Positionen wechselnd - zwei Stimmen: Tugend und Pragmatismus, Wahrheit und Macht. NGOs stilisieren sich gern zu machtlosen Anwälten der Wahrheit, stehen aber oft längst auf gleicher Augenhöhe mit den Mächtigen. Kennedy fordert ein entschiedenes Bekenntnis zur Macht, verlangt Entscheidungen, Hard choices auf der Grundlage einer nüchternen Kosten-Nutzen-Analyse, die menschliche Opfer und normative Bedeutungsverluste ebenso einbezieht wie den CNN-Effekt - die Wirkung auf die internationale Öffentlichkeit. Auch die Intervention, die nicht stattfindet, hat ihren Preis.

Einen zu hohen Preis würden die Aktivisten des Humanitären zahlen, folgten sie Kennedys Empfehlung, sich nicht lang mit völkerrechtlichen Strukturen aufzuhalten. Seine Kritik an der Flucht aus politischen Konflikten ins Klein-Klein institutioneller und prozeduraler Verästelungen, in noch eine Sicherheitsratssitzung und noch einen Unterausschuß, mag ihre Berechtigung haben. Die Flucht aus dem Recht in die Dezision aber, in ein diffuses "Politisches", setzt leichtfertig jene in moderatem Ton dahinmäandernde völkerrechtliche Konversation aufs Spiel, welche die von Kennedy forcierte rationale Abwägung erst möglich macht. Kaum beruhigend auch, daß Rechtsgrundsätze der Politik dabei nur als eine Art ermessensleitende Leuchtbojen dienen sollen, ohne Handlungsoptionen zu begrenzen.

Nach all der so subtilen wie schonungslosen Entmythologisierungsarbeit verblüfft es nicht wenig, daß Kennedy im Nebel des Ungewissen seine Hoffnung plötzlich auf etwas setzt, das mit "Gnade" viel zu unzulänglich übersetzt wäre: grace. Was er damit meint, im Kontext des Humanitären? Womöglich etwas, das man in einem ganz anderen zauberhaften Vokabular einmal sobria ebrietas nannte, "nüchterne Trunkenheit". Übersetzt in die Sprache des Internationalen: leidenschaftliche Überzeugung, die Verantwortung nicht scheut.

ALEXANDRA KEMMERER

David Kennedy: "The Dark Sides of Virtue". Reassessing International Humanitarianism. Mit Illustrationen von Doug Mayhew. Princeton University Press, Princeton, Oxford 2004. 368 S., geb., 29, 95 $.

Betsy Röben: "Johann Caspar Bluntschli, Francis Lieber und das moderne Völkerrecht 1861-1881". Studien zur Geschichte des Völkerrechts, Band 4. Nomos Verlag, Baden-Baden 2003. 356 S., br., 68,- [Euro].

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