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„Jodelmania“ : Holleri du dödel di, diri diri dudel dö

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Wenn der Jodel mit Country und Folk zusammengeht: Sänger und Songwriter Wylie Galt Gustafson vor amerikanischer Naturkulisse Bild: Kunstmann Verlag

Das Jodeldiplom, das einst Loriot erfand, gibt es nun wirklich: Christoph Wagner folgt dem Weg des alpenländischen Gesangs in die weite Welt und zeigt die modernen und neuen Facetten des Gesangs.

          In der Schweiz sei das Jodeln, meint die Vokalistin Erika Stucky, einerseits ein Klischee, gehöre andererseits aber auch zu Geschichte und Brauchtum des Landes. Heute schäme man sich nicht mehr für alte Traditionen, das Jodeln habe sogar wieder an Popularität gewonnen. Durch einen neuen kreativen Umgang sei es zudem „reichhaltiger und vielfältiger“ geworden, es gebe „einen innovativen Umgang mit dem Jodel“.

          Reichhaltig und vielfältig sind auch die Erkenntnisse, die Christoph Wagner in seinem Buch „Jodelmania“ ausbreitet. Um es gleich vorneweg zu sagen: Wagner hat kein Plädoyer für das Jodeln geschrieben, keinen Abgesang auf früher geübtes Brauchtum oder ein kulturkritisches Dossier zu der Frage vorgelegt, ob die „Volksmusik“ im Aussterben begriffen sei. Ganz im Gegenteil, er zeigt an vielen Beispielen auf, dass Folklore und Folklorismus, Brauchtum und Ökonomisierung stets zwei Seiten einer Medaille darstellen.

          Insofern beteiligt sich der Autor an einer differenzierten und reflektierten Auseinandersetzung mit dem Thema „Volksmusik“ – etwa wenn er den alpenländischen Gesang als erstes Genre populärer Musik bezeichnet, das bereits in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts in eine urban geprägte Unterhaltungskultur eingebettet war. Umherziehende, „kommerziell“ agierende Sängergruppen traten in „Tracht“ auf, gaben in den Städten Konzerte, während Verlage die Lieder durch den Druck vermarkteten, nicht selten geschmückt mit einer Abbildung der Interpreten in ihren alpenländischen Bühnenkostümen.

          Christoph Wagner: „Jodelmania“. Von den Alpen nach Amerika und darüber hinaus.
Kunstmann Verlag, München 2019. 320 S., Abb., geb., 22,– €.

          Wagner zeigt, wie dieses Interesse am Jodeln mit der romantischen Zuwendung zur Natur, zum einfachen Volk und seinen Liedern, Märchen und Sagen verknüpft war. Freilich handelte es sich dabei stets um kulturelle Konstrukte – beziehungsweise um Projektionen: Die Städter wollten sich selbstverständlich nicht den Mühen des Landlebens unterziehen, sondern genossen das Ländliche und Älplerische aus der ästhetischen Distanz, als Leser eines Buches, als Besucherin eines Konzerts oder bereits als Touristen. Die Wildheit der Alpen fungierte dabei als Kontrapunkt zur Sekurität und Langeweile des Alltags, das einfache Volkslied als Widerpart gegen die beginnende Modernisierung und Industrialisierung der Welt.

          Das alpenländische Lied wurde, so Wagner, bald Mode. Lieder, Klavierstücke, Tänze „à la Tyrolienne“ erfreuten diejenigen, die sich diese kleinen Fluchten aus dem Alltag leisten konnten. Verschiedene Interpreten wie etwa die Familie Rainer, die bereits im Oktober 1824 zu ihrer ersten Konzertreise aufbrach, erlangten internationale Berühmtheit. Zugleich ermutigte der Erfolg auch andere Gruppen, sich auf diesem Markt der „volkstümlichen Musik“ – um es mit der heute üblichen Genre-Bezeichnung auszudrücken – umzutun. Um „Authentizität“ ging es damals genauso wenig wie heute: Gesungen und musiziert wurde das, was dem Publikum gefiel.

          Die Alpenmode blieb nicht auf Europa beschränkt, die Jodellieder erreichten England, Skandinavien und Russland. Schließlich verbreitete sich das „Yodeling“ in den Vereingten Staaten, wobei Einwanderer aus den Alpenländern für die Verbreitung dieser Musikform eine ebenso wichtige Rolle spielten wie die international reisenden Künstlergruppen. Wagner macht darauf aufmerksam, dass das Jodeln in Amerika – wie schon zuvor in Europa – Teil der städtischen Unterhaltungsbranche war. Allerdings erhielt es in den Vereinigten Staaten eine neue Funktion, weil der Jodel für die Immigranten als Erinnerungsanker und Identitätssignal diente.

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