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: Mit dem Mut der Monade

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Im Winter des Jahres 1963 hielt Luise Albertz, die Oberbürgermeisterin von Oberhausen, den Zeitpunkt für günstig, beim bundesdeutschen Innenminister Hermann Höcherl um eine Subvention nachzusuchen: "So werden Sie Verständnis haben, daß wir mit gutem Grund heute Ihnen wiederum den Antrag vorlegen, ...

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          Im Winter des Jahres 1963 hielt Luise Albertz, die Oberbürgermeisterin von Oberhausen, den Zeitpunkt für günstig, beim bundesdeutschen Innenminister Hermann Höcherl um eine Subvention nachzusuchen: "So werden Sie Verständnis haben, daß wir mit gutem Grund heute Ihnen wiederum den Antrag vorlegen, die Westdeutschen Kurzfilmtage durch einen Zuschuß zu fördern, zumal die nächste Veranstaltung zugleich das Jubiläumsfestival ist. In der Woche vom 3. bis 8. Februar 1964 finden die Westdeutschen Kurzfilmtage zum zehnten Male statt." Der CSU-Politiker Höcherl war jedoch nicht zu erweichen. Er wurde im Gegenteil immer unwirscher und ließ schließlich einen Mitarbeiter die Korrespondenz beenden: "Zum Schluß darf ich bitten, nicht jeden Brief des Bundesinnenministeriums zu veröffentlichen." Das nordrhein-westfälische Festival hat ohne Bundeszuschuß die sechziger Jahre überlebt. Mit der sozialliberalen Koalition kamen dann auch die Förderungen. Unlängst haben die "Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen" ihren fünfzigsten Geburtstag gefeiert.

          In der Festschrift ist der Briefwechsel zwischen Albertz und Höcherl noch einmal nachzulesen, eine Pretiose aus dem Alltag der alten Bundesrepublik. Sie scheinen unendlich weit entfernt, diese Gründerjahre, als Volksbildner wie Hilmar Hoffmann und Eva M. J. Schmied die Idee zu "Kulturfilmtagen" hatten. Der Begriff "Kulturfilm" war eigentlich durch die Nationalsozialisten diskreditiert, hatte aber durch die Volkshochschulbewegung eine Rehabilitierung erfahren. So konnte der Nazi-Propagandist Svend Noldan im ersten Jahr einen Hygienefilm über die "Kleine Laus - ganz groß" zeigen. Im selben Programm lief "Nacht und Nebel" von Alain Resnais, einer der wichtigsten Filme über die Konzentrationslager.

          Mit den Jahren traten andere Konflikte in den Vordergrund. Oberhausen betrieb früh eine eigene "Ostpolitik". Dabei waren manche Kompromisse mit Funktionären aus den kommunistischen Ländern nötig, von denen Wolfgang J. Ruf, Festivalleiter zwischen 1975 und 1985, mit einem gewissen ironischen Behagen berichtet. Als es darauf ankam, nach dem Mauerbau 1961 oder nach den polnischen Streiks von 1980, erwiesen sich die guten informellen Beziehungen als um so wertvoller. Ein sehr interessantes Interview mit dem Filmemacher und Maler Jürgen Böttcher verrät, wie schwer die jeweilige Politik selbst für die unmittelbar Betroffenen im Detail zu lesen war.

          Filmfestivals mußten bis 1989 immer neue "feine Unterschiede" machen. Sie mußten gelegentlich Werke in Kauf nehmen, deren Konformismus bestenfalls langweilig war, um im Paket vielleicht noch eine andere Arbeit zu erwischen, die als subversiv gelten konnte. Oberhausen war aber auch der Ort, an dem die westdeutsche Branche ihre Fraktionierungen ständig verfeinerte. 1962 erschien das berühmte Manifest, das den alten Film für tot erklärte: "Wir glauben an den neuen", verkündeten Alexander Kluge, Edgar Reitz und ihre Mitunterzeichner. Sie wollten vom kurzen zum abendfüllenden Film gelangen - das erwies sich auch wieder als eine Frage der Subventionen. 1968 kritisierte Hellmuth Costard die Filmförderungspolitik auf seine Weise praktisch: Sein Kurzfilm "Besonders wertvoll" ließ einen Penis zu Wort kommen und löste einen Eklat aus. Im selben Jahr, davon berichtet Dietrich Kuhlbrodt, besuchte ein Siebenjähriger aus Oberhausen die Kurzfilmtage: Christoph Schlingensief hatte einen Film namens "Der Fahnenschwenker" dabei, das N-8-Material war nachsynchronisiert mit Platten von James Last und Geräuschen. Zwanzig Minuten sind erhalten, behauptet Kuhlbrodt, dem sich das Phänomen Schlingensief damals nicht unmittelbar erschloß: "Ich habe seine Größe nicht im Blick gehabt."

          Bei Büchern dieser Art ("kurz und klein". 50 Jahre internationale Kurzfilmtage Oberhausen. Herausgegeben von Klaus Behnken. Mit Beiträgen von Alexander Kluge, Uwe Nettelbeck, Dietrich Kuhlbrodt u. a. Verlag Hatje/Cantz, Stuttgart 2004. 240 S., 355 Abb., br., 19,80 [Euro]) ist es, obwohl anstrengend, immer lohnend, die am Seitenrand fortlaufende Chronik zu lesen: nicht der zitierten Festreden, sondern der vielen Namen und Titel wegen, aus denen sich eine Subgeschichte des weltweiten Nachkriegsfilms zusammensetzt. Ohne Oberhausen hätte diese keinen Ort. Einzig dieses Festival hat es geschafft, den kurzen Film ständig neu auf den Begriff zu bringen. In den neunziger Jahren, zuerst unter Angela Haardt und seit 1997 unter der Leitung von Lars Henrik Gass, kamen neuere Formate wie das Musikvideo hinzu. Die Diskurse wurden internationaler, die alte Debatte zwischen einer "ästhetischen" und einer "politischen" Linken kehrt allerdings in interessanten Entstellungen immer wieder. Im Jahr 2000 saßen mit Catherine David und Kodwo Eshun zwei Intellektuelle in der Jury, die auch für die neu geknüpften Verbindungen zu den angrenzenden Feldern der bildenden Kunst und der Popkultur einstanden.

          Vor fünfzig Jahren suchten die Kulturfilmtage nach visuellen Antworten auf die Fragen lesender Bergarbeiter. Heute liegt Oberhausen in einer Medienregion, und das Festival muß herausfinden, was der Kurzfilm überhaupt noch sein kann: eine "Monade des Ausdrucks", wie Alexander Kluge beharrlich glaubt, oder ein Kräuseln im Strom der Medialität?

          BERT REBHANDL

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