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: Mission unmöglich

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Es ist also ein Glücksfall für den Biographen und eine dramaturgische Notwendigkeit für sein Buch, und eine Tatsache ist es natürlich auch, dass es, zumindest von außen betrachtet, in diesem Leben etwas Dunkles, Düsteres gibt, nicht gerade ein Geheimnis, aber doch einen Lebensaspekt, der ungeheuer mysteriös und undurchsichtig wirkt. Tom Cruise ist Mitglied jener Organisation, die in Amerika als Kirche gilt und in Deutschland vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Für Andrew Morton, dessen literarische Mittel eher beschränkt sind und dessen Leidenschaft fürs Triviale aber groß ist, bedeutet Scientology nichts weniger als die dunkle Seite der Macht. Die Sekte strebe nach der Weltherrschaft, und Tom Cruise, der lange nur ihr Werkzeug und Vehikel gewesen sei, fungiere inzwischen als einer ihrer mächtigsten Führer. Mimi Rogers habe ihn einst verführt und angeworben. David Miscavige, der Chef der Organisation, habe ihn den dicksten aller Fänge genannt und jahrelang programmiert und manipuliert. Und die seelischen Erschütterungen des 11. September hätten endlich Cruise dazu getrieben, dass er Scientology nicht länger als seine Privatsache betrachtete, sondern sich als Propagandist und Missionar zur Verfügung stellte - was man sich bei der Lektüre von Mortons Buch gern so vorstellen möchte wie die allmähliche Verwandlung von Anakin Skywalker in Darth Vader. Würde Mortons Buch demnächst verfilmt, müsste Viggo Mortensen den David Miscavige spielen. Und Tom Cruise natürlich den Tom Cruise.

Es war nicht schlecht fürs Marketing, dass, nahezu gleichzeitig mit Mortons Buch, zwei kurze Clips an die Öffentlichkeit gelangten, interne Videos, in welchen Cruise als Scientologe auftritt. In dem einen sitzt er einem unsichtbaren Interviewer gegenüber und spricht in krummen Sätzen wirres Zeug: dass man als Scientologe schon wisse, was zu tun sei. Dass man Autorität habe und eine bessere Wirklichkeit schaffen werde. Und so weiter. Im zweiten Clip spricht er zu seinen Brüdern und Schwestern im Geiste, und seine Rede läuft auf den Satz "let's clean-up the place!" hinaus, was die "Bild"-Zeitung als Aufforderung zur Säuberung der Welt verstanden hat, obwohl es doch nur heißt: "Lasst uns den Laden aufmischen!" Weder im einen noch im anderen Clip schien der coole, selbstgewisse Cruise auf der Höhe seiner Möglichkeiten zu sein, ganz im Gegenteil; und der "Clean-up"-Clip wirkte gerade auf Cruise' Bewunderer wie ein amateurhaft inszeniertes und extrem schlecht geschriebenes Remake jener atemberaubenden Szenen in dem Film "Magnolia", wo Cruise den halbverrückten und völlig besessenen Guru einer Macho-Sekte namens "Seduce and Destroy" spielt, einen irren, adrenalinsüchtigen Männerrechtler, der sein Publikum anbrüllt: "Respect the cock!" - es war eine geniale Performance, für welche Cruise, völlig zu Recht, mit einer Oscar-Nominierung belohnt wurde.

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