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Miriam Gebhardt: Alice im Niemandsland : Das Alphatier treibt Geschichtsklitterung

Bild: Verlag

Alice Schwarzer wird sich darüber nicht freuen: Miriam Gebhardt beschreibt eindrucksvoll, wie die Frauenbewegung die Frauen verloren hat.

          4 Min.

          Alice Schwarzer sind die Frauen abhandengekommen, und es sieht nicht danach aus, als würde sich daran bald etwas ändern. Miriam Gebhardt glaubt sogar, dass Alice Schwarzer auf dem besten Weg sei, ihr Kapital endgültig zu verspielen. Hätten wir noch eine zweite, dritte oder vierte Alice Schwarzer, wäre dies nicht weiter besorgniserregend, aber die haben wir nicht - und deshalb ist es fatal.

          Melanie Mühl
          Redakteurin im Feuilleton.

          Miriam Gebhardt ist fünfzig Jahre alt, Historikerin, Privatdozentin an der Universität Konstanz, und sie hat ein Buch geschrieben, in dem sie die Geschichte der Frauenbewegung sehr genau beleuchtet und zeigt, welche Rolle die übermächtige Alice Schwarzer darin spielte und nach wie vor spielt. Das Buch heißt „Alice im Niemandsland. Wie die deutsche Frauenbewegung die Frauen verlor“. Alice Schwarzer ist seit je eine beliebte Zielscheibe, an der sich einige abgearbeitet haben, ob das in jüngster Vergangenheit Kristina Schröder mit ihren zickigen Anfeindungen gewesen ist oder vor einigen Jahren Bascha Mika. Alice Schwarzer, das muss man leider sagen, macht es ihren Gegnern oft ziemlich leicht.

          „Die deutsche Frauenbewegung ist ohne Alice Schwarzer groß geworden“

          Doch Miriam Gebhardt passt nicht in diese Reihe. Ihr Buch ist keine kalkulierte Abrechnung. Miriam Gebhardt tritt nicht gegen Alice Schwarzer an, sie fordert sie nicht zum Duell heraus. Das ist ihr in Zeiten, da auf dem Buchmarkt die wichtigste Währung Krawall ist, um überhaupt die Wahrnehmungsschwelle zu überschreiten, hoch anzurechnen. Miriam Gebhardt vertraut dem sachlichen Blick der Historikerin, die sich den Lauf der Geschichte vornimmt - und der bietet reichlich brisanten Stoff. Empörungsspielraum bleibt neben den Fakten genügend. Es ist diese Mischung, die dem Buch Wucht verleiht.

          Als vergangenes Jahr Alice Schwarzers Autobiographie „Mein Leben“ erschien, kippte Miriam Gebhardts Unmut endgültig in Verärgerung. Sie wirft Schwarzer „Geschichtsklitterung“ vor. Schwarzer wolle ihr Lebenswerk richten, wegkommen vom Image des Zotteltiers, vor allem aber wolle sie noch einmal ganz deutlich klarmachen, dass die Frauenbewegung mit ihr, Alice Schwarzer, begann - und zwar 1971 mit der von ihr mit organisierten Abtreibungskampagne im Stern, als dreihunderteinundsiebzig Frauen bekannten: „Wir haben abgetrieben!“

          Dabei sei es bekanntlich anders gewesen, schreibt Gebhardt: „Erstens gab es keinen punktuellen Neuanfang. Die Traditionen der ersten Frauenbewegung im neunzehnten Jahrhundert ragten in die Nachkriegszeit hinüber.“ Es seien zudem strukturelle Veränderungen in den sechziger Jahren gewesen, die der Frauenfrage in den Sattel geholfen hätten. „Zweitens, wer Frühlingsboten braucht, sucht sie besser in den Jahren zwischen 1963 und 1966. Das war tatsächlich die Zeit der Bewusstwerdung und Artikulation der Frauenbewegung.“ Drittens sei die deutsche Frauenbewegung nur in einem internationalen Kontext möglich gewesen: und viertens: „Die deutsche Frauenbewegung ist mit der Studenten- und Jugendbewegung groß geworden - ohne Alice Schwarzers Hilfe.“

          Die Patriarchats-Theorie bietet keine Lösungsansätze

          Autobiographien sind unehrliche Dokumente, das liegt in der Natur der Sache. Mal mehr, mal weniger bewusst breitet der Verfasser einen vorteilhaften Schleier über seine Erinnerungen. Was sollte man dagegen einwenden? Doch das komplett Ambivalenzfreie, das Fehlen jeglicher Selbstkritik in Alice Schwarzers Werk hat Miriam Gebhardt dann offensichtlich doch verstört. Ihr Buch zeigt auf, wie konsequent Alice Schwarzer ihr Leben als ein Bilderbuch gestaltet, wobei der Platz neben ihr leer bleibt.

          Und damit sind wir bei einem ganz entscheidenden Punkt: Miriam Gebhardt - die Alice Schwarzer übrigens in keiner Zeile ihre Verdienste abspricht - stellt die berechtigte Frage, von welchem Zeitpunkt an das Schwarzweißdenken der Feministin der Frauenbewegung ernsthaften Schaden zufügt hat: „Das Frauenbild ohne Grautöne bei Alice Schwarzer ist meines Erachtens auch der Hauptgrund, warum die deutsche Frauenbewegung unterwegs die Frauen verloren hat.“ Ein weiterer Punkt, den Gebhardt anführt: Schwarzers Omnipräsenz, für die sie selbst alles Erdenkliche getan hat, indem sie sich hierzulande über Jahrzehnte zur einzig relevanten Figur stilisiert habe.

          Zu einer Figur, die für die meisten jungen Frauen aus der Zeit gefallen ist. Dabei ist es ja nicht so, dass es außer der Kopftuchdebatte oder der Pornographie und Prostitutionsthematik nichts gäbe, für das es sich lohnen würde zu kämpfen. Was, fragt Miriam Gebhardt, sei mit der Benachteiligung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt. Oder den prekären Lebensbedingungen vieler Alleinerziehender? Oder der um ein Drittel niedrigeren Frauenrente? Oder dem Schönheitswahn? Dem völlig aus der Balance geratenen Körperempfinden vieler Mädchen und junger Frauen, von denen sich einige ernsthaft fragen, wie ihr Unterleib nach einer Entbindung aussieht. Die Patriarchats-Theorie bietet zu diesen Fragen tatsächlich keine Lösungsansätze.

          Ein Buch als Gesprächsaufforderung

          Alice Schwarzer könne eben nicht auf allen Problemfeldern tätig sein, ließe sich einwenden. Das ist die eine Seite. Die andere ist, dass wir, wie gesagt, nur eine Alice Schwarzer haben, weshalb ihre „Nach-mir-die-Sintflut-Rhetorik“ kontraproduktiv sei - ebenso, wie auch ihre Kolumne zum Kachelmann-Prozess in der „Bild“ kontraproduktiv gewesen sei. Alice Schwarzer hat eine Verantwortung, und es das Verdienst von Miriam Gebhardts Buch, dass es dem Leser klarmacht, wie groß diese Verantwortung ist.

          Das Einzige, was man der Autorin vorwerfen kann, ist, dass sie die jungen Frauen, die „Alphamädchen“ oder wie auch immer sie sich nennen mögen, weitestgehend aus ihrer Pflicht entlässt, als hätte Alice Schwarzer sie gnadenlos niedergewalzt - aber das hat sie nicht. Und selbst wenn, liegt es letztendlich an jedem Einzelnen, sich zur Wehr zu setzen, Stellung zu beziehen. Foren sind dafür reichlich vorhanden. Gerade Zeiten, die von permanenten Umbrüchen geprägt sind, eignen sich ja hervorragend, um vernachlässigte Fäden wiederaufzunehmen und weiterzuspinnen. In diesem Sinne kann man Miriam Gebhardts Buch als Gesprächsaufforderung lesen. An Frauen und Männer.

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