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Miriam Gebhardt: Alice im Niemandsland : Das Alphatier treibt Geschichtsklitterung

Die Patriarchats-Theorie bietet keine Lösungsansätze

Autobiographien sind unehrliche Dokumente, das liegt in der Natur der Sache. Mal mehr, mal weniger bewusst breitet der Verfasser einen vorteilhaften Schleier über seine Erinnerungen. Was sollte man dagegen einwenden? Doch das komplett Ambivalenzfreie, das Fehlen jeglicher Selbstkritik in Alice Schwarzers Werk hat Miriam Gebhardt dann offensichtlich doch verstört. Ihr Buch zeigt auf, wie konsequent Alice Schwarzer ihr Leben als ein Bilderbuch gestaltet, wobei der Platz neben ihr leer bleibt.

Und damit sind wir bei einem ganz entscheidenden Punkt: Miriam Gebhardt - die Alice Schwarzer übrigens in keiner Zeile ihre Verdienste abspricht - stellt die berechtigte Frage, von welchem Zeitpunkt an das Schwarzweißdenken der Feministin der Frauenbewegung ernsthaften Schaden zufügt hat: „Das Frauenbild ohne Grautöne bei Alice Schwarzer ist meines Erachtens auch der Hauptgrund, warum die deutsche Frauenbewegung unterwegs die Frauen verloren hat.“ Ein weiterer Punkt, den Gebhardt anführt: Schwarzers Omnipräsenz, für die sie selbst alles Erdenkliche getan hat, indem sie sich hierzulande über Jahrzehnte zur einzig relevanten Figur stilisiert habe.

Zu einer Figur, die für die meisten jungen Frauen aus der Zeit gefallen ist. Dabei ist es ja nicht so, dass es außer der Kopftuchdebatte oder der Pornographie und Prostitutionsthematik nichts gäbe, für das es sich lohnen würde zu kämpfen. Was, fragt Miriam Gebhardt, sei mit der Benachteiligung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt. Oder den prekären Lebensbedingungen vieler Alleinerziehender? Oder der um ein Drittel niedrigeren Frauenrente? Oder dem Schönheitswahn? Dem völlig aus der Balance geratenen Körperempfinden vieler Mädchen und junger Frauen, von denen sich einige ernsthaft fragen, wie ihr Unterleib nach einer Entbindung aussieht. Die Patriarchats-Theorie bietet zu diesen Fragen tatsächlich keine Lösungsansätze.

Ein Buch als Gesprächsaufforderung

Alice Schwarzer könne eben nicht auf allen Problemfeldern tätig sein, ließe sich einwenden. Das ist die eine Seite. Die andere ist, dass wir, wie gesagt, nur eine Alice Schwarzer haben, weshalb ihre „Nach-mir-die-Sintflut-Rhetorik“ kontraproduktiv sei - ebenso, wie auch ihre Kolumne zum Kachelmann-Prozess in der „Bild“ kontraproduktiv gewesen sei. Alice Schwarzer hat eine Verantwortung, und es das Verdienst von Miriam Gebhardts Buch, dass es dem Leser klarmacht, wie groß diese Verantwortung ist.

Das Einzige, was man der Autorin vorwerfen kann, ist, dass sie die jungen Frauen, die „Alphamädchen“ oder wie auch immer sie sich nennen mögen, weitestgehend aus ihrer Pflicht entlässt, als hätte Alice Schwarzer sie gnadenlos niedergewalzt - aber das hat sie nicht. Und selbst wenn, liegt es letztendlich an jedem Einzelnen, sich zur Wehr zu setzen, Stellung zu beziehen. Foren sind dafür reichlich vorhanden. Gerade Zeiten, die von permanenten Umbrüchen geprägt sind, eignen sich ja hervorragend, um vernachlässigte Fäden wiederaufzunehmen und weiterzuspinnen. In diesem Sinne kann man Miriam Gebhardts Buch als Gesprächsaufforderung lesen. An Frauen und Männer.

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