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Milena Wazeck: Einsteins Gegner : Die Welträtsel wollen gelöst sein!

Bild: Verlag

Alles Käuze, verkrachte Existenzen oder Antisemiten? Die Wissenschaftshistorikerin Milena Wazeck spürt den Motiven von Einsteins Gegnern nach und zeichnet ein komplexes Bild der Kritiker der Relativitätstheorie in den zwanziger Jahren.

          Kaum ein Physikprofessor, der noch keine solche Post bekommen hat: Abhandlungen, in denen die Autoren – auffallend oft pensionierte Herren aus technischen Berufen – so lange Formeln der Schulmathematik umherschieben, bis sie die tiefsten Rätsel der modernen Physik gelöst zu haben glauben. Ein anderes beliebtes Thema solcher Traktate ist die Widerlegung der Relativitätstheorie.

          Ulf von Rauchhaupt

          verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Was heute ein skurriles Hobby einiger weniger ist, das war in den zwanziger Jahren ein breites gesellschaftliches Phänomen. Nachdem Albert Einstein im November 1919, nach der empirischen Prüfung einer Voraussage seiner allgemeinen Relativitätstheorie, praktisch über Nacht zum Medienstar geworden war, begann sich bald Widerstand zu formieren. Aber wer waren Einsteins Gegner damals? Alles Käuze, verkrachte Existenzen oder Antisemiten?

          Sicher, auf die ist Milena Wazeck auch gestoßen. Doch das Bild, das die Mitarbeiterin des Berliner Max-Planck-Institutes für Wissenschaftsgeschichte in ihrer sehr lesbaren Dissertation von den Kritikern der Relativitätstheorie in den zwanziger Jahren zeichnet, ist weit komplexer. Auf der einen Seite waren Einsteins Gegner tatsächlich schon damals zum großen Teil physikalische Laien: wissenschaftsinteressierte Bürger, die dem sozialen System Wissenschaft nicht angehörten und überdies der akademischen Welt oft ausgesprochen feindlich gesinnt waren. Wazeck nennt sie treffend „Welträtsellöser“, ging es ihnen doch darum, über die Naturwissenschaften zu letzten Wahrheiten vorzustoßen. Das Phänomen der Welträtsellöser war auch ein Produkt der Wissenschaftspopularisierung im ausgehenden 19. Jahrhundert, speiste sich aber aus sehr unterschiedlichen weltanschaulichen Kontexten wie dem Okkultismus, der Lebensreform oder dem Monismus.

          Die Relativitätstheorie als „logischer Unsinn“

          Daneben finden sich unter den frühen Einstein-Gegnern aber auch arrivierte Professoren, darunter der Philosoph Oskar Kraus oder der Experimentalphysiker und Nobelpreisträger Philipp Lenard. Letzterer war bereits in den zwanziger Jahren ein Anhänger Hitlers gewesen und ist heute vor allem als eine der treibenden Figuren der „Deutschen Physik“ in Erinnerung. Allerdings waren nicht alle Gegner Einsteins Antisemiten – einige, etwa Oskar Kraus, waren selbst jüdischer Herkunft –, und lange nicht alle, die es waren, bekämpften Einstein aus rassistischen Motiven.

          Den tatsächlichen Motiven spürt Wazeck nun im Einzelnen nach und zeigt, dass sie sich bei allen Unterschieden letzten Endes auch ähnelten: Sie wurzelten in einem Substanzdenken, das sich nicht von der mechanisch geprägten Alltagsanschauung lösen kann. Bei der speziellen Relativitätstheorie etwa haperte es in den Augen ihrer Kritiker schon auf der Ebene der Grundbegriffe mit der Anschaulichkeit. Wenn zum Beispiel die Gleichzeitigkeit zweier beobachteter Ereignisse davon abhängt, in welchem Bezugssystem man sich befindet, ist das vertraute Konzept einer überall gültigen absoluten Zeit keine naturwissenschaftlich fassbare Größe mehr. Hält man dennoch an Zeit und Raum als solchen absoluten Größen fest – aber eben nur dann – , muss einem die Relativitätstheorie tatsächlich als der „logische Unsinn“ erscheinen, den ihre Gegner hier zu diagnostizieren glaubten.

          Überforderte Experten

          Bei der allgemeinen Relativitätstheorie kommt noch hinzu, dass sie sich damals brandneuer mathematischer Konzepte bediente, die nicht nur die Ärzte und Ingenieure unter den Welträtsellösern völlig überforderten, sondern auch manche Experimentalphysiker. „Während in der Auseinandersetzung mit der speziellen Relativitätstheorie exzessiv gerechnet wurde, (. . .) versuchte kaum ein Einstein-Gegner die allgemeine Relativitätstheorie zu widerlegen“, schreibt Wazeck. „Die Kritik setzte hier vielmehr gerade bei deren Unverständlichkeit, Kompliziertheit und Unanschaulichkeit ein.“

          Sowohl die Welträtsellöser als auch die akademischen Kritiker Einsteins vertraten demnach eine bestimmte Auffassung von Wissenschaft. Ihr zufolge hat Forschung die physikalischen Phänomene einfach – das heißt: mathematisch elementar – und anschaulich zu beschreiben und dabei das Ziel zu verfolgen, von der naturwissenschaftlichen Perspektive unabhängige und in diesem Sinne absolute Wahrheiten über die Natur zu enthüllen.

          Hundert Autoren gegen Einstein

          Der „metaphysische Materialismus“, wie der Physikphilosoph Philipp Frank diese Vorstellung nannte, wurde in dieser auf Alltagsanschauung rekurrierenden Form durch Einstein unhaltbar. Seine Gegner, zunächst sehr auf wissenschaftlichen oder zumindest wissenschaftsförmigen Diskurs bedacht, sahen sich immer mehr marginalisiert und reagierten entsprechend. Zum einen mit Vernetzungsversuchen, die sich aber schwierig gestalteten. In dem berüchtigten Band „Hundert Autoren gegen Einstein“ von 1931 finden sich nur 28 Originalbeiträge – der Rest sind Zitate aus früher erschienenen Schriften. Die zweite Reaktion auf die Marginalisierung ist auch von anderen Gruppen bekannt, die in wissenschaftlichen Diskursen unterliegen – bis hin zu Zeitgenossen heute, die einen Einfluss der anthropogenen CO2-Emissionen auf das Klima leugnen: Sie reagieren mit dem Glauben, nicht aus sachlichen Gründen ignoriert zu werden, sondern durch sinistre institutionelle Machtmechanismen.

          Die Kontroverse um die Relativitätstheorie war nicht die letzte der modernen Physik, doch die letzte mit breiter außerakademischer Beteiligung und großer persönlicher Schärfe. Sehr viel freundlicher ging es zu, als etwas später die Quantentheorie den metaphysischen Materialismus auch in einer von der Anschaulichkeit abgekoppelten Form scheitern ließ. Nun gehörte auch Einstein zu den Unterlegenen. Indes wird der Traum, mit der noch ausstehenden Vereinigung von Relativitäts- und Quantenphysik eines Tages wenigstens zu einem metaphysischen Materialismus Einsteinscher Façon zurückzukehren, auch heute noch geträumt. Doch selbst träumen lässt er sich nach Einsteins Entdeckungen nur in der Alltagswelt weit entrückten mathematischen Sphären. Und das ist es wohl vor allem, was Welträtsellöser noch heute gegen Einstein aufbringt.

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