https://www.faz.net/-gr3-14l2a

Milena Wazeck: Einsteins Gegner : Die Welträtsel wollen gelöst sein!

Bild: Verlag

Alles Käuze, verkrachte Existenzen oder Antisemiten? Die Wissenschaftshistorikerin Milena Wazeck spürt den Motiven von Einsteins Gegnern nach und zeichnet ein komplexes Bild der Kritiker der Relativitätstheorie in den zwanziger Jahren.

          3 Min.

          Kaum ein Physikprofessor, der noch keine solche Post bekommen hat: Abhandlungen, in denen die Autoren – auffallend oft pensionierte Herren aus technischen Berufen – so lange Formeln der Schulmathematik umherschieben, bis sie die tiefsten Rätsel der modernen Physik gelöst zu haben glauben. Ein anderes beliebtes Thema solcher Traktate ist die Widerlegung der Relativitätstheorie.

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Was heute ein skurriles Hobby einiger weniger ist, das war in den zwanziger Jahren ein breites gesellschaftliches Phänomen. Nachdem Albert Einstein im November 1919, nach der empirischen Prüfung einer Voraussage seiner allgemeinen Relativitätstheorie, praktisch über Nacht zum Medienstar geworden war, begann sich bald Widerstand zu formieren. Aber wer waren Einsteins Gegner damals? Alles Käuze, verkrachte Existenzen oder Antisemiten?

          Sicher, auf die ist Milena Wazeck auch gestoßen. Doch das Bild, das die Mitarbeiterin des Berliner Max-Planck-Institutes für Wissenschaftsgeschichte in ihrer sehr lesbaren Dissertation von den Kritikern der Relativitätstheorie in den zwanziger Jahren zeichnet, ist weit komplexer. Auf der einen Seite waren Einsteins Gegner tatsächlich schon damals zum großen Teil physikalische Laien: wissenschaftsinteressierte Bürger, die dem sozialen System Wissenschaft nicht angehörten und überdies der akademischen Welt oft ausgesprochen feindlich gesinnt waren. Wazeck nennt sie treffend „Welträtsellöser“, ging es ihnen doch darum, über die Naturwissenschaften zu letzten Wahrheiten vorzustoßen. Das Phänomen der Welträtsellöser war auch ein Produkt der Wissenschaftspopularisierung im ausgehenden 19. Jahrhundert, speiste sich aber aus sehr unterschiedlichen weltanschaulichen Kontexten wie dem Okkultismus, der Lebensreform oder dem Monismus.

          Die Relativitätstheorie als „logischer Unsinn“

          Daneben finden sich unter den frühen Einstein-Gegnern aber auch arrivierte Professoren, darunter der Philosoph Oskar Kraus oder der Experimentalphysiker und Nobelpreisträger Philipp Lenard. Letzterer war bereits in den zwanziger Jahren ein Anhänger Hitlers gewesen und ist heute vor allem als eine der treibenden Figuren der „Deutschen Physik“ in Erinnerung. Allerdings waren nicht alle Gegner Einsteins Antisemiten – einige, etwa Oskar Kraus, waren selbst jüdischer Herkunft –, und lange nicht alle, die es waren, bekämpften Einstein aus rassistischen Motiven.

          Den tatsächlichen Motiven spürt Wazeck nun im Einzelnen nach und zeigt, dass sie sich bei allen Unterschieden letzten Endes auch ähnelten: Sie wurzelten in einem Substanzdenken, das sich nicht von der mechanisch geprägten Alltagsanschauung lösen kann. Bei der speziellen Relativitätstheorie etwa haperte es in den Augen ihrer Kritiker schon auf der Ebene der Grundbegriffe mit der Anschaulichkeit. Wenn zum Beispiel die Gleichzeitigkeit zweier beobachteter Ereignisse davon abhängt, in welchem Bezugssystem man sich befindet, ist das vertraute Konzept einer überall gültigen absoluten Zeit keine naturwissenschaftlich fassbare Größe mehr. Hält man dennoch an Zeit und Raum als solchen absoluten Größen fest – aber eben nur dann – , muss einem die Relativitätstheorie tatsächlich als der „logische Unsinn“ erscheinen, den ihre Gegner hier zu diagnostizieren glaubten.

          Weitere Themen

          «Gabriel» von George Sand Video-Seite öffnen

          Spielplanänderung : «Gabriel» von George Sand

          Jella Haase, bekannt aus „Fack ju Göhte“ und „Berlin Alexanderplatz“, entdeckt unter der Regie der jungen Regisseurin Laura Laabs die Abgründe des kapitalistischen Systems und das anarchistische Wesen des weiblichen Geschlechts in einem bislang noch nicht uraufgeführten Text der französischen Schriftstellerin George Sand.

          Topmeldungen

          Im Gespräch über Sterbehilfe bei Hart aber fair: Bischof Georg Bätzing, Dr. Susanne Johna, Internistin, Bettina Schöne-Seifert, Professorin für Medizinethik und Olaf Sander.

          TV-Kritik: „Hart aber fair“ : Sterben als gesellschaftlicher Bedarf

          Der kontroverse Film „Gott“ von Ferndinand von Schirach soll zur Diskussion einladen. Wie wir leben und sterben gilt längst als eine Frage menschlicher Selbstbestimmung. Die Frage ist nur, ob uns die Konsequenzen bewusst sind.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.