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Milena Wazeck: Einsteins Gegner : Die Welträtsel wollen gelöst sein!

Überforderte Experten

Bei der allgemeinen Relativitätstheorie kommt noch hinzu, dass sie sich damals brandneuer mathematischer Konzepte bediente, die nicht nur die Ärzte und Ingenieure unter den Welträtsellösern völlig überforderten, sondern auch manche Experimentalphysiker. „Während in der Auseinandersetzung mit der speziellen Relativitätstheorie exzessiv gerechnet wurde, (. . .) versuchte kaum ein Einstein-Gegner die allgemeine Relativitätstheorie zu widerlegen“, schreibt Wazeck. „Die Kritik setzte hier vielmehr gerade bei deren Unverständlichkeit, Kompliziertheit und Unanschaulichkeit ein.“

Sowohl die Welträtsellöser als auch die akademischen Kritiker Einsteins vertraten demnach eine bestimmte Auffassung von Wissenschaft. Ihr zufolge hat Forschung die physikalischen Phänomene einfach – das heißt: mathematisch elementar – und anschaulich zu beschreiben und dabei das Ziel zu verfolgen, von der naturwissenschaftlichen Perspektive unabhängige und in diesem Sinne absolute Wahrheiten über die Natur zu enthüllen.

Hundert Autoren gegen Einstein

Der „metaphysische Materialismus“, wie der Physikphilosoph Philipp Frank diese Vorstellung nannte, wurde in dieser auf Alltagsanschauung rekurrierenden Form durch Einstein unhaltbar. Seine Gegner, zunächst sehr auf wissenschaftlichen oder zumindest wissenschaftsförmigen Diskurs bedacht, sahen sich immer mehr marginalisiert und reagierten entsprechend. Zum einen mit Vernetzungsversuchen, die sich aber schwierig gestalteten. In dem berüchtigten Band „Hundert Autoren gegen Einstein“ von 1931 finden sich nur 28 Originalbeiträge – der Rest sind Zitate aus früher erschienenen Schriften. Die zweite Reaktion auf die Marginalisierung ist auch von anderen Gruppen bekannt, die in wissenschaftlichen Diskursen unterliegen – bis hin zu Zeitgenossen heute, die einen Einfluss der anthropogenen CO2-Emissionen auf das Klima leugnen: Sie reagieren mit dem Glauben, nicht aus sachlichen Gründen ignoriert zu werden, sondern durch sinistre institutionelle Machtmechanismen.

Die Kontroverse um die Relativitätstheorie war nicht die letzte der modernen Physik, doch die letzte mit breiter außerakademischer Beteiligung und großer persönlicher Schärfe. Sehr viel freundlicher ging es zu, als etwas später die Quantentheorie den metaphysischen Materialismus auch in einer von der Anschaulichkeit abgekoppelten Form scheitern ließ. Nun gehörte auch Einstein zu den Unterlegenen. Indes wird der Traum, mit der noch ausstehenden Vereinigung von Relativitäts- und Quantenphysik eines Tages wenigstens zu einem metaphysischen Materialismus Einsteinscher Façon zurückzukehren, auch heute noch geträumt. Doch selbst träumen lässt er sich nach Einsteins Entdeckungen nur in der Alltagswelt weit entrückten mathematischen Sphären. Und das ist es wohl vor allem, was Welträtsellöser noch heute gegen Einstein aufbringt.

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