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Milan Bulaty: Bibliothek : Berlins schönstes Bücherregal

Bild: Verlag

Erquickt von Max Dudlers Weisheitsbrunnen: Ein Prachtband feiert in Wort, Bild, Farbe und Schwarzweiß die neue Zentralbibliothek der Humboldt-Universität.

          3 Min.

          Dieser Band widmet sich einem Ort, wo lauter Bücher stehen, und wenn alles mit rechten Dingen zugeht, wird er selbst einen Ehrenplatz dort erhalten, auch wenn es nicht vorrangig ein Ort für schöne Bücher ist. Und das ist dieser Band zunächst: ein wunderschönes Buch. Aber auch ein sehr kluges, und damit qualifiziert es sich allemal für das Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum in Berlin - oder kürzer und allgemeinverständlicher gesagt: für die Zentralbibliothek der Humboldt-Universität.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Sie wurde im Oktober vergangenen Jahres nach drei Jahren Bauzeit eröffnet, und alle damals gehaltenen Reden und Vorträge sind in dem selbstbewusst nur mit „Bibliothek“ betitelten Band enthalten, den Milan Bulaty als Direktor der Hauses nun herausgegeben hat. Doch mehr als das: Mit Martin Mosebach wurde zusätzlich ein Schriftsteller gewonnen, der sich in den ersten Monaten des neuen Bibliotheksbetriebs am Berliner Wissenschaftskolleg aufhielt und somit leicht einen Eindruck vom Bau und der dortigen Atmosphäre gewinnen konnte. Seine Begeisterung ist jeder Zeile des Textes anzumerken, der in der Formulierung gipfelt: „Einen Weisheitsbrunnen hat Max Dudler gebaut.“ Der derart gepriesene Schweizer Architekt selbst gibt sich in seinem Buchbeitrag bescheidener, aber gleichwohl von universalem Sendungsbewusstsein beseelt: „Wir müssen zurück zur strengen Form, die allein den Geist befreit.“

          Ihr zentraler Saal ist wie eine Bühne inszeniert

          Ob das Gebäude nun Brunnen oder Quelle des Geistes sein soll - der Unterschied ist beträchtlich, weil ein Brunnen sammelt, eine Quelle aber sprudelt -, die vom Architekten attestierte Strenge besitzt der Bau zweifellos. Und doch ist diese Bibliothek auch ein großes Spiel: Ihr zentraler Saal ist wie eine Bühne inszeniert, auf die man aus vier verschiedenen Leseebenen, die immer weiter zurückgesetzt bis unters Dach ansteigen, herabblicken kann ins Herz des Ganzen. Durch die hohen schmalen Durchbrüche, die das ganze Gebäude innen wie außen prägen, bekommt es selbst den Charakter einer gewaltigen Regalkonstruktion.

          Diese bibliophile Anmutung hat Barbara Klemm in ihren Fotos des Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrums meisterhaft in Szene gesetzt. Zwei Tage hatte sie nur Zeit für diesen Auftrag, doch ihre Serie wirkt, als hätte sie Wochen in der Bibliothek gelebt. Die Fotos dringen von außen nach innen vor, immer tiefer hinein ins Gebäude und näher heran an die Leseplätze, bis am Schluss Einzelporträts der Benutzer in jenen selbstvergessenen Haltungen entstehen, die Leser aufweisen. Erstaunlich, wie gut diese Aufnahmen auf dem minimal getönten, in der Struktur fast an Bütten erinnernden Papier zur Geltung kommen - so hat man Fotos von Barbara Klemm noch nicht reproduziert gesehen.

          Allgegenwärtige Dialektik von Innen und Außen

          Deren Schwarzweiß wird aufs Schönste kontrastiert durch Farbfotografie von Stefan Müller, der sich aber im Gegensatz zu Barbara Klemm des unbelebten Baus angenommen hat. Wie die Kollegin dringt auch er im Verlaufe des Buches mit der Außenansicht von der Geschwister-Scholl-Straße immer weiter mit der Kamera in dessen Inneres vor. „Bibliothek“ ist ein zauberhafter Bildband und klug gemacht dazu, setzt er doch Dudlers Anspruch auf eine „allgegenwärtige Dialektik von Innen und Außen“ auch für das Bild um, das wir uns jetzt von der Bibliothek machen können.

          Klug geschrieben ist das Buch aber auch, denn die Eröffnungstexte von Peter von Matt, Jörg Barberowski und Hartmut Böhme sind reines Lesevergnügen bei höchster Reflexion über das Wesen von Büchern und Menschen. Man wünscht ihnen viele Leser, die unter den von Mulaty geschilderten Idealbedingungen ihrer Lektüre frönen können: „In einem schönen ruhigen großen Raum zu lesen und zu arbeiten ist eine Wonne, denn das Zusammensein mit vielen ebenfalls lesenden und arbeitenden Menschen schafft eine ungewöhnliche, stille, nonverbale, aber wahrnehmbare Verbindung.“

          Allerdings darf nicht unerwähnt bleiben, dass sich die Nutzung der neuen Zentralbibliothek für die täglichen Nutzer nicht so ideal gestaltet hat, wie es diese Formulierung verspricht. Dem Ansturm der Studenten zeigte sich das Gebäude nicht wirklich gewachsen: Zu wenige Arbeitsplätze und zu lange Wartezeiten werden beklagt. Einer zweckfreien Schönheit im Sinne der klassischen Ästhetik tut das keinen Abbruch, dem Ruf von Dudler schon eher. Denn wer möchte vor lauter Pracht aufs Lesen verzichten? So dokumentiert der Bildband in seiner sinnlichen Verführung zur Lektüre auch ein Stück Utopie. Das Exemplar im Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum dürfte jedenfalls nicht ganz so lustvoll zu betrachten sein wie ein privates daheim. Noch ein Grund, es zu kaufen.

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