https://www.faz.net/-gr3-6m84d

Michio Kaku: Physics of the Future : Die Enterprise hinterlässt ihre Spuren

Bild:

Das Virtuelle ist überall: Michio Kaku führt vor Augen, wie Szenarien der Zukunft aussehen, wenn Wissenschaft und Science-Fiction sich kühn verknüpfen.

          Michio Kaku ist theoretischer Physiker, passionierter Kenner von Science-Fiction und Futurologe. Leicht zu trennen sind diese Anteile im Werk des New Yorker Professors und populären Wissenschaftsautors nicht immer. Scharfzüngige Kritiker der Stringtheorie, zu der Kaku eine Variante beigesteuert hat, werden vermutlich ohnehin zu bedenken geben, dass man sich mit deren Modellen bereits fast auf dem Feld der Science-Fiction befinde. Aber die elfte Dimension, Paralleluniversen oder Zeittunnels sind hier gar nicht anvisiert, sondern vielmehr die Verbindungen zum klassischen SF-Genre, wie sie dieser Autor gerne schlägt. Sein Buch über die "Physik des Unmöglichen", nämlich die Realisierbarkeit der wunderbaren technischen Requisiten der SF-Welten - von Abwehrkraftfeldern über Beamer bis zu perfekten Tarnkappen -, gab dafür ein schönes Beispiel.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton.

          Jetzt aber hat Kaku die Perspektive entschieden verbreitert und zu einem Buch darüber ausgeholt, wie die Wissenschaft unser tägliches Leben bis zum Jahr 2100 durch die Entwicklungen auf Feldern wie der Computertechnologie, Künstlicher Intelligenz, Robotik, Medizin, Nanotechnologie, Raumfahrt und Energiegewinnung formen könnte. Natürlich weiß Kaku, wie riskant ein solches Unterfangen ist und wie unfreiwillig komisch sich die meisten früheren Prognosen des wissenschaftlich-technischen Fortschritts für einen solchen Zeitraum im Rückblick ausnehmen. Aber der Physiker in ihm ist trotzdem zuversichtlich: Schließlich sei das Grundinventar der Naturkräfte ja mittlerweile bekannt, was eine ganz andere Standfestigkeit gebe.

          Götter im Plural

          Worauf es für Kaku hinausläuft, das lässt sich in die bündige Formel eines Dreischritts fassen: Von weitgehend passiven, also den Naturverhältnissen ausgelieferten Beobachtern sind wir mittlerweile zu deren Choreographen geworden, die ihr Geschick immer weiter steigern werden, um schließlich mit etwas Glück tatsächlich zu fast uneingeschränkten Beherrschern einer kulturell durchdrungenen Natur zu werden. Und als ob das nicht reichen würde, die Blitze von Verächtern solcher Zuversicht auf sein Haupt zu ziehen, charakterisiert er diese Steigerung auch noch mit einer mythologisierenden Wendung: Wir werden sein, wie wir uns einmal die Götter vorstellten.

          Michio Kaku

          Wobei diese Götter - auf den Plural kommt es natürlich an - vor allem dadurch gekennzeichnet sind, sich von der widerständigen Körperwelt nicht einschränken zu lassen. Ein Gedanke genügt, schon spuren die Dinge. In der biblisch-christlichen Tradition hing solche Verfügungsmacht eher am richtigen Namen, der das Wesen der Dinge traf - worauf sich ja noch ein Pate der modernen Wissenschaft wie Francis Bacon mit Emphase bezog. Aber für diese Vorstellung lassen sich kaum unmittelbare technische Realisierungen plausibel machen, um die es Kaku gerade geht. Deshalb der etwas überraschende Griff zu den antiken Göttern - wenn auch weniger mit Hesiod oder Homer, sondern eher mit einem typischen Umweg über ihre SF-Version in einer Episode von "Star Trek".

          Im Wesentlichen werden sie damit eben zu Instanzen, die mühelos oder gar nur mit Gedanken die Dinge tanzen lassen. Denn genau diese Möglichkeit sieht Kaku, der sich für sein Buch bei vielen Forschern in renommierten Labors umgesehen hat, in den nächsten Jahrzehnten Wirklichkeit werden. Auf dem Gebiet der Computertechnologie entspricht das dem weitgehenden Wegfall zwischengeschalteter plumper Hardware. Genaugenommen laufe die Entwicklung darauf hinaus, dass der Gebrauch des Begriffs Computer historisch wird: Denn wenn gemäß dem Prinzip eines verschärften "ubiquitous computing" überall und ohne Unterlass Daten berechnet werden, auch an allen Orten virtuelle Anzeigen und Displays aufgerufen werden können, entfällt die sinnvolle Bezugnahme auf das Rechnerding.

          Verschmelzung mit dem Virtuellen

          Ermöglicht wird diese Entwicklung vorerst durch die Miniaturisierung der Schaltkreiselemente, die Kaku noch bis etwa 2025 nach Moores Gesetz exponentiell fortschreiten sieht, bevor mit atomaren Dimensionen physikalische Schranken erreicht werden. Aber bis dahin sei der Zugang zum Internet wohl schon via Kontaktlinsen und Wimpernschlag herzustellen, lassen sich alle möglichen Sensoren in unsere Kleidung und häusliche Umwelt einarbeiten, sind einstweilen aufwendige medizinische Diagnosegeräte auf dem Weg in jeden Haushalt, wird aus der Tapete im Nu ein Schirm, vermehren sich die Kontaktpunkte zu virtuellen Welten überhaupt rasant. Die Grenzen zwischen "realer" und "virtueller" Welt werden dann zunehmend schwer zu ziehen, denn es geht gerade um die Herstellung einer untrennbaren Mischung beider Anteile.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der britische Premierminister Boris Johnson vergleicht sich selbst mit dem „unglaublichen Hulk“, der sich aus seinen Fesseln befreit.

          Brexit um jeden Preis : Der wütende Hulk

          Großbritannien werde sich aus seinen „Fesseln“ befreien wie die ultra-starke Comicfigur, wenn es bis 31. Oktober keinen Brexit-Deal gebe, erklärt Johnson. Auch gegen die Anordnung des Parlaments. Vor neuen Gesprächen mit der EU zeigt er sich dennoch „sehr zuversichtlich.“
          Mein Freund, der Baum: Markus Söder im Hofgarten hinter der Staatskanzlei

          Klimaretter Söder : „Wir haben den Umweltschutz erfunden“

          CSU-Chef Söder zweifelt die Kompetenz der Grünen bei Klima- und Naturschutz an. Die wahre Umweltpartei sei die CSU mit ihrem Urmotiv, die Schöpfung zu bewahren. Für das Klimapaket der Großen Koalition stellt er allerdings umstrittene Bedingungen.
          Zukunftstechnologie Flugtaxi: Am Stau am Boden ändern sie nichts

          Mythos Innovation : Bloß nichts Neues!

          Bemooste Innenstädte und fliegende Umweltsünder: Statt im Kampf gegen die Klimakatastrophe nach konkreten Lösungen zu suchen, schiebt die Politik Scheininnovationen vor. Warum nutzen wir nicht verfügbare Technologien? Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.