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Ethnographie & Kolonialismus : Heilige Dinge kauft man doch nicht

Holztür von einem Haus der Dogon, Mali Bild: picture-alliance / Godong

Eine ethnographische Initiation der besonderen Art: Michel Leiris’ Feldtagebuch „Phantom Afrika“ liegt nun in einer exzellenten erweiterten Ausgabe vor.

          5 Min.

          Als die Debatte über die Rückgabe von afrikanischen Objekten, die ihren Weg in europäische Museen zu Zeiten kolonialer Unternehmungen gefunden hatten, vor einigen Jahren Fahrt aufnahm, kam gleich ein berühmtes Buch ins Spiel. Es war auch naheliegend, in diesen Diskussionen auf „L’Afrique fan­tôme“ hinzuweisen, Michel Leiris’ 1934 veröffentlichtes Feldtagebuch, das er als Mitglied einer knapp zwei Jahre dauernden französischen ethnographischen Expedition quer durch das subsaharische Afrika von Dakar nach Djibouti verfasst hatte. Offen wird da geschildert, wie die Expedition, die vor allem für das neu zu gestaltende Ethnologische Museum in Paris sammelte, ihre zuletzt über 3500 Objekte anhäufte. Es wurde aufgekauft, was irgendwie interessant erschien, und es wurde auch gepresst und geklaut, wo selbst mit mehr oder minder erzwungenen Verkäufen nicht durchzukommen war. Letzteres betraf vor allem Gegenstände, die für die kolonisierten Einheimischen hohen Ritual- und Sakralwert hatten.

          Helmut Mayer
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Wohl am bekanntesten wurde die Schilderung der Entwendung solcher heiligen Objekte bei den Dogon im westlichen Französisch-Sudan (heute Mali). Leiris, der dezidierte linke Antikolonialist, ist da selbst mit von der Partie, wie in anderen Fällen auch, um diese Stücke einzusacken. Gar nicht unbedingt deshalb, weil ihm der hehre wissenschaftliche Sammlungszweck die Mittel zu heiligen scheint – obwohl auch das offizielle Argument der Rettung von Zeugnissen bald ausgelöschter kultureller Praktiken zum Zug kommt –, sondern weil er in einer merkwürdigen Gegenrechnung das mit dem Raub begangene Sakrileg als angemessene Inbesitznahme von sakralen Gegenständen empfindet, „die zu kaufen“, wie er in einem Brief schreibt, „tausendmal schmählicher wäre, als sie zu stehlen“.

          Womit man schon bei den Eigenheiten dieses Autors ist, der gerade dreißig Jahre alt geworden war, als er als Sekretär und Archivar der Expedition Dakar–Djibouti nach Afrika aufbrach: ein noch junger Schriftsteller, von der surrealistischen Bewegung geprägt, großbürgerlicher Kommunist schon damals, Verächter Europas und seiner zivilisatorischen Parolen, begeistert dafür von schwarzem Tanz und Jazz, noch kein Ethnologe, aber ethnologische Literatur als Mittel ergreifend, das bleiche Europa genauso hinter sich zu lassen wie eine als uneigentlich und bloß literarisch empfundene, auf Imagination und Wortkunst bauende persönliche Existenz, vor der es ihm ekelt.

          Eine Vorgeschichte mit exotischem Reiz

          Also nicht unbedingt ein Mann, den man als Archivar und Sekretär einer solchen Expedition in staatlichem Auftrag erwartet. Aber da kam ins Spiel, dass die Ethnographie in Frankreich institutionell noch wenig gefestigt war, was wiederum die für sie typischen Verknüpfungen mit dem literarisch-künstlerischen Feld förderte – und von ihnen profitierte der junge Leiris, der wohl über seine Tätigkeit als Redakteur der avantgardistischen Zeitschrift „Documents“, die auch Ethnographisches im Programm hatte, um den bloß schönen Künsten zuzusetzen, Anschluss an die Organisatoren des Ethnologischen Museums fand, aus dem 1937 dann, Vorzeigeprojekt des Front Populaire, das Musée de l’Homme wurde.

          Michel Leiris: „Phantom Afrika“. Hrsg. von Irene Albers.
          Michel Leiris: „Phantom Afrika“. Hrsg. von Irene Albers. : Bild: Matthes & Seitz Verlag

          Was mit „Phantom Afrika“ aus dieser Konstellation hervorging, ist ein hervorstechendes Stück Bekenntnisliteratur – Rousseau ist für Leiris ein verehrter Pate – und gleichzeitig ein Dokument zu Selbstverständnis und Praxis dieser französischen Ethnographie der Vorkriegsjahre. Vor allem Ersteres geht freilich einer Wahrnehmung verloren, die den Text lediglich als Zeugnis für den kolonialen Raub von Kunst- und Kulturgütern heranzieht.

          Irene Albers merkt das zu Recht im Vorwort zu der von ihr betreuten neuen Ausgabe von „Phantom Afrika“ an. Die Berliner Romanistik-Professorin, als Kennerin von Leiris und seines Umfelds bestens ausgewiesen, hat nicht nur erreicht, dass das seit geraumer Zeit vergriffene Buch – 1980/84 noch mitten im „Ethnoboom“ bei Syndikat erschienen, ein Jahr später von Suhrkamp übernommen – wieder aufgelegt wurde. Es ist vielmehr, auf den Spuren inzwischen erschienener französischer Editionen, eine bedeutend erweiterte Ausgabe geworden.

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