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Michel Foucault: Das giftige Herz der Dinge : Das Leben beginnt außerhalb des Papiers

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Bild: Verlag

Er war der Philosoph, der das Skalpell zum Federhalter machte: Ein bislang unveröffentlichtes Gespräch mit Michel Foucault.

          Michel Foucault hat zwar mit der These vom Tod des Autors Furore gemacht, aber doch quicklebendig das Licht der Öffentlichkeit gesucht. In zahllosen Interviews erteilte er bereitwillig Auskunft über alles und jedes, über politische und sexuelle Vorlieben. Dabei war er keine Rampensau, kein Schaumschläger, sondern das seltene Beispiel eines Intellektuellen, der den Wechsel zwischen entschiedener Einmischung und mönchischer Zurückgezogenheit pflegte.

          Seit dem Tod Foucaults 1984 gab es fast einen Overkill von Enthüllungen, Entdeckungen und Editionen aller Art. Man konnte sich in dem Glauben wiegen, genug über die Identität dieses Mannes zu wissen, der keine Identität haben wollte: „Man frage mich nicht, wer ich bin, und man sage mir nicht, ich solle der Gleiche bleiben: das ist eine Moral des Personenstandes; sie beherrscht unsere Papiere. Sie soll uns frei lassen, wenn es sich darum handelt zu schreiben.“ 1969 veröffentlichte Foucault diese Zeilen, ein Jahr zuvor führte er ein langes Gespräch mit Claude Bonnefoy, das erst jetzt auf Französisch und auch gleich auf Deutsch veröffentlicht worden ist - und dieses Gespräch ist ein Kleinod, das Foucault doch noch einmal neu zum Funkeln bringt. „Das giftige Herz der Dinge“ heißt das Bändchen auf Deutsch (der französische Titel lautet „Le beau danger“).

          Die Sprachverachtung des Vaters

          Es gibt für jemanden, der „nicht der Gleiche bleiben“ will, wohl keine unbequemere Frage als diejenige nach seiner Herkunft. „Was ich bin, bin ich geworden“ - diese alte Auskunft Johann Gottfried Herders hätte Foucault wohl grimmig abgewiesen. Und doch spricht er in diesem Gespräch genau darüber in einer Offenheit, wie man dies aus keinem anderen seiner Texte kennt. „Ich stamme aus einem medizinischen Milieu“: Mit dieser lakonischen Eröffnung beginnt Foucault eine geradezu klassisch-freudianische Selbstanalyse, in der er seine Schreibhaltung, sein Selbstbild als Theoretiker und sein Verhältnis zur Praxis im Rückgang auf seine Kindheit und Jugend neu erschließt. Ohne Zögern ergreift er seinen „Lebensfaden“ (“le fil de ma vie“), und indem er ihn aufrollt, gelangt er - wie könnte es anders sein - zurück zur Figur seines Vaters. „Schließlich bin ich Sohn eines Chirurgen“, sagt Foucault.

          Vorgelebt wurde ihm, wie er meint, die Geistfeindschaft desjenigen, der sich an die Wirklichkeit hält, der kühl diagnostiziert, schnell handelt, schneidet, sägt, näht et cetera. Das Schreiben war in dieser Umgebung nicht gut angesehen, und noch in seinen mangelhaften Leistungen im „Schönschreiben im Sinne des Grundschulunterrichts“ erkennt Foucault die Wirkung der Sprachverachtung seines Vaters, der nicht „sprach“, sondern „eingriff“. So ist Foucaults Hinwendung zum Schreiben, die ihm erst als Dreißigjähriger gelungen sei, auch eine Abwendung von der Herkunft, eine erste Selbstüberwindung.

          Vergraben unter seinem eigenen Schreiben

          Frappierend ist aber, wie diese Herkunft in seinem Schreiben doch wirksam blieb, und dies wird von Foucault nun skalpellscharf herausgearbeitet. Er bemerkt, dass er schreibe wie ein Chirurg, Anatom oder Pathologe: „Ich habe das Skalpell zum Federhalter gemacht ... Mit meinem Schreiben durchlaufe ich den Körper der anderen, ich schneide ihn auf, ich hebe die Häute und Schichten ab ... Ich bin Arzt, Diagnostiker ... Ich glaube, da bin ich meinem Erbe absolut treu, da ich wie mein Vater und meine Großeltern Diagnosen stellen will. Nur dass im Unterschied zu ihnen - und hierin trenne ich mich von ihnen und wende ich mich gegen sie - ich diese Diagnose ausgehend vom Schreiben stellen will, ich will sie in diesem Element des Diskurses stellen, das die Ärzte normalerweise zum Schweigen bringen.“ Der Sohn des Chirurgen macht das Beste aus seiner Herkunft, seine Geschichte erinnert ein wenig an die Geschichte, die Foucaults Lieblingsgegner Jean-Paul Sartre über einen anderen Arztsohn erzählt hat, der zum Schreiben kam: Gustave Flaubert.

          Auf einen Schlag wird nachvollziehbar, warum so viele Bücher Foucaults im „medizinischen Milieu“ angesiedelt sind: „Womöglich ließ mir die Weise medizinischer Erkenntnis deswegen keine Ruhe, weil sie der Geste meines Schreibens innewohnte.“ Vor allem aber wird erkennbar, wie dieses Erbe Foucault in ein Pendeln zwischen reiner Theorie und politischer Intervention hineinversetzt hat. Einerseits agierte er als Theoretiker wie ein Chirurg, aggressiv und elegant zugleich, andererseits sei ihm ein „fast moralisches Misstrauen“ gegen die Selbstgenügsamkeit und Selbstgefälligkeit des Schreibens geblieben, ein Misstrauen, das Foucault vor allem gegen Mallarmé richtete und das ihn vom Schreiben zum Handeln drängte.

          Foucault hat das Schreiben wie kaum ein anderer ausgekostet, doch es ist ihm bis zum Ende unheimlich geblieben. Man komme als Schreibender, so meinte er, mit dem Tod in Berührung: mit den Toten, die man behandele, aber auch mit dem eigenen Tod, der Abblendung des eigenen Lebens: „Man schreibt auch, um sich selbst unter seinem eigenen Schreiben zu vergraben. Man schreibt, damit das Leben, das man um das Blatt Papier herum hat, dieses Leben, das überhaupt nicht lustig ist, sondern eher langweilig und voller Sorgen, das den anderen ausgesetzt ist, von diesem kleinen papiernen Rechteck aufgesogen wird, das man vor Augen hat und dessen Herr man ist ... Aber dazu, dass das wimmelnde Leben in dem unbeweglichen Gewimmel der Buchstaben aufgesaugt wird, gelangt man niemals. Immer wieder beginnt das Leben außerhalb des Papiers.“ Schöner kann man es nicht sagen.

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