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Sachbuch „In Putins Kopf“ : Dem Westen das Hinterteil zeigen

Sogar Baschar al Assad und Hassan Rohani jubeln ihm zu: Bild des russischen Satirekünstlers Andrej Budajew. Bild: Andrej Budajew

Die Destabilisierung Europas ist nur ein Teil der Strategie des russischen Präsidenten: Michel Eltchaninoff erklärt, bei welchen Autoren Wladimir Putin Ideen für seine Geopolitik schöpft.

          Der russische Präsident Putin, der sich lange als mutiger Macho positionierte, hat sich das Image eines Philosophen zugelegt. Der Herrscher eines überanstrengten Landes, das nicht zu den historischen Aufsteigern gehört, zitiert, je länger er an der Macht ist, europäische und russische Denker umso häufiger. Doch während er zu Beginn seiner Amtskarriere Immanuel Kant beschwor, hebt er inzwischen russische Philosophen auf den Schild, die, von der Sowjetmacht aus ihrer Heimat vertrieben, im europäischen Exil eine konservative Alternative zu ebendiesem Europa konzipierten.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Der französische Philosoph Michel Eltchaninoff stellt in seinem instruktiven Buch „In Putins Kopf“ die teils obskuren, teils von dem ehemaligen Geheimdienstler eigenwillig zitierten Autoren vor und schreibt damit auch eine intellektuelle Biographie dieses Profis der Maskierung. Putin, der geglaubt haben soll, sein Land werde in die Nato aufgenommen, verstand sich lange als proeuropäisch.

          Russlands Trauma von 1999

          Er berief sich auf Kant als den Vordenker der modernen Prinzipien von Freiheit, Gleichheit vor dem Gesetz und friedlicher Konfliktlösung. Von Vorstellungen von einem russischen Sonderweg wollte er nichts wissen. Russland, so betonte er, gehöre zu Europa – in seiner Denkweise, seiner Kultur, mit seinen christlichen Wurzeln. Europäische Werte wie Rechtsstaatlichkeit oder Strukturen für die Emanzipation des Menschen, die ebenfalls auf Kant zurückgehen, überging er lieber. Und mit der Zeit sieht der Kremlherr sein Russland von Europa „an den Rand gedrängt“.

          Eltchaninoff erinnert an das Trauma von 1999, als die Nato ohne Mandat des UN-Sicherheitsrats Moskaus alten Verbündeten Serbien bombardierte. Dass die Militäroperationen mit moralischen Argumenten begründet wurden, klang für die Russen wie Hohn. Putins Interventionen in Georgien 2008 und der Ukraine 2014, womit er versuchte, weitere Verluste der Einflusssphäre zu bremsen, versteht Eltchaninoff als Racheaktionen. Wobei er treffend anmerkt, dass der Kreml mit seinen offiziell vorgebrachten humanitären Vorwänden die westliche Rhetorik als ätzende Retourkutsche zurückspielte.

          Putins Comeback besiegelt die konservative Wende

          Von Anfang an konsultierte Putin auch konservative Denker. Kurz nach seinem Amtsantritt 2000 berät er sich ausführlich mit Alexander Solschenizyn, der schon Putins Vorgänger Boris Jelzin ermahnt hatte, das Volk zu schonen, und später klagt, der Präsident habe keinen seiner Ratschläge befolgt. Der nationalkonservative Filmregisseur Nikita Michalkow, Putins Duzfreund, macht ihn mit den Schriften von Iwan Iljin (1883 bis 1954) bekannt, einem jener Philosophen – wie Nikolai Berdjajew, Fjodor Stepun, Sergej Trubezkoi –, die 1922 ihr Land verlassen mussten.

          Iljin versteht sich als christlicher Denker, befürwortet aber ausdrücklich die Anwendung von Gewalt zum Wohl der Gemeinschaft. Er, der die „formale“ Demokratie ablehnt, sympathisierte kurze Zeit mit den Nationalsozialisten und später mit Franco. Sein Schicksalsgenosse Berdjajew, der russische Denker der Freiheit, fand ihn vom Gift des Bolschewismus verdorben. Umso bezeichnender, dass der Herrscher im Kreml sich Iljins Programm für ein postkommunistisches Russland, das eine nationale und religiöse Restauration vorsieht unter einem Führer, der seinem Land dient und ausländische Mächte fernhält, bis in Einzelheiten zu eigen machte.

          Putins Comeback nach dem Tandemregime mit dem vergleichsweise liberalen Interimspräsidenten Dmitrij Medwedjew besiegelt die „konservative Wende“ und den Bruch mit dem Westen. Vaterländische Europakritiker werden zu seinen Favoriten. Beispielsweise der „russische Nietzsche“ Konstantin Leontjew (1831 bis 1891), ein Demokratie- und Fortschrittsskeptiker, der schon 1875 ein föderales, aber dekadentes Europa der Moralprofessoren und Konformisten kommen sah. Zudem Nikolai Danilewski (1822 bis 1885), ein Denker des Panslawismus, der glaubte, Russland sei dazu berufen, die slawischen Völker zum Kampf gegen den Westen zu mobilisieren.

          Das Eurasiertum ist eine Pose

          Radikalisiert wurde diese Idee, da die Slawen sich nicht gegen den Westen führen lassen wollten, durch das Eurasiertum. Ein Hauptwortführer der Bewegung war ein weiterer Schicksalsgenosse Iljins, der Sprachwissenschaftler Nikolai Trubezkoi (1890 bis 1938), der im Wiener Exil nicht nur die romano-germanischen Fortschrittsideale als für Russland feindlich brandmarkt, sondern auch das Tatarenjoch des Spätmittelalters zur fruchtbaren russisch-turanischen Symbiose umdeutet, die das Land verwaltungstechnisch modernisiert habe. Die Eurasier begrüßten, im Unterschied zu Berdjajew und Iljin, den Sowjetstaat, weil er Russland aus dem Gravitationsfeld Europas befreit habe.

          Der heutige Exponent dieser Geistesrichtung ist Alexander Dugin. Er sieht den Ukraine-Konflikt als Kampf des Eurasischen gegen das „Atlantische Imperium“, liefert der „Neuen Rechten“ in Europa Stichworte – und wird zu Putins politischem Agitator. Eltchaninoff hat freilich Recht, an der Ernsthaftigkeit von Putins Hinwendung in Richtung Asien zu zweifeln. Die eurasische Pose soll vor allem demonstrieren, dass Russland sein Fenster nach Westen auch zuschlagen kann – der Reformzar Peter der Große, dessen Porträt Anfang der neunziger Jahre auf Putins Schreibtisch gestanden haben soll, wollte sein Land ja nur ein paar Jahrzehnte nach Europas schauen lassen, um es wettbewerbsfähig zu machen, ihm dann aber wieder, wie er sich ausdrückte, das „Hinterteil“ zukehren.

          Ziel des Pragmatikers Putins bleibt aber die, freilich „asiatisch“ gelenkte, Marktwirtschaft, um am Kapitalismus teilzuhaben. Zu diesem Zweck drückt er alle erreichbaren Ideenknöpfe – die von Europas Rechtsnationalisten, die einer kirchlichen Restauration, auch die von Landsleuten, die vor seinem Regime geflohen sind –, um die Europäische Union zu schwächen und den ihm entfliehenden Europäern wieder etwas näher zu rücken.

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