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Isadora Duncan : Sie war wie gemacht für den Ausbruch aus der bürgerlichen Ordnung

Ohne einengendes Korsett: Isadora Duncan Bild: Picture Alliance

Eine mutige Exzentrikerin: Michaela Karl legt eine Biographie der Tanzpionierin Isadora Duncan vor und porträtiert nebenbei die Gesellschaft der Belle Époque.

          2 Min.

          Sie war, so schreibt die Biographin über ihre Heldin, „die Königin des Scheiterns, des Aufstehens, des Überlebens größter Katastrophen und Tragödien“. Die Tragik begann schon in Duncans Kindheit in San Francisco. Der Vater verließ die Familie, als herauskam, dass er in seiner Bank die Gehälter kalifornischer Arbeiter verzockt hatte. Die Mutter zog die vier Kinder allein auf, es gab kaum Geld oder Essen, dafür las man sich abends Byron und Shakespeare vor, tanzte zu Schubert und Mozart. Mit Geld sollte Isadora ihr Leben lang nicht umgehen können: Wenn sie es hatte, gab sie es für Champagner, Austern und Luxushotels aus und lud großzügig Freunde, Bekannte und Liebhaber ein. Ein Leben lang müssen reiche Freunde ihre Hotelrechnungen übernehmen, weil sie weit über ihren Kredit hinaus gelebt hat.

          Maria Wiesner
          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Michaela Karl zeichnet diese Frau, die davon ausging, dass ihr eine solche Sonderbehandlung zustand, als mutige, unkonventionelle Exzentrikerin. Noch bevor sie zwanzig Jahre alt ist, tritt sie als Tänzerin auf. Sie lehnt die einengende Kleidung ihrer Zeit ab, trägt keine Korsetts, sondern lange fließende Tuniken. Beim Tanz blitzen ihre Waden hervor, die Zuschauer wittern einen Skandal. Doch Duncan lässt sich davon nicht beirren. Sie war, wie Karl schreibt, „schon rein optisch wie gemacht für den Jugendstil und dessen Ausbruch aus der bürgerlichen Ordnung“. In New York kommt der Durchbruch. Als Duncan 1898 zum ersten Mal in der Carnegie Hall auftritt, wird die New York Post jubeln: „Miss Duncan hat die Musik nicht nur begleitet, sie war die Musik.“

          Nicht ohne Berufung auf das antike Griechenland

          Die junge Frau will dem Tanz die Anerkennung als Kunstform zurückgeben und beruft sich dafür auf das antike Griechenland. Ihre romantische Vorstellung davon, geprägt von Shelley und Byron, wird sie mit Mutter und Geschwistern später dorthin führen, um einen Musentempel zu erbauen. Alles Geld aus ihren Auftritten fließt in das Vorhaben. Irgendwann stellt man fest, dass auf dem Gelände weit und breit kein Wasser vorhanden ist. Der Bau zieht sich hin. Das Geld wird knapp. Die Familie reist ab. Doch man hat ein Jahr einen griechischen Traum gelebt.

          Michaela Karl: „Lasst uns tanzen und Champagner trinken – trotz alledem!“ Isadora Duncan. Eine Biografie.
          Michaela Karl: „Lasst uns tanzen und Champagner trinken – trotz alledem!“ Isadora Duncan. Eine Biografie. : Bild: btb Verlag

          Es sind solche Episoden, in denen sich die Energie dieser Frau zeigt. Eben in dieser Geschichte wird aber auch ihre Tragik sichtbar. Karl gelingt es, an solchen Stellen ihr Urteil zurückzustellen und die Geschehnisse für sich sprechen zu lassen. An anderen ist sie weniger gnädig, etwa wenn es um das Schicksal der jungen Mädchen in einer Tanzschule geht, die Duncan mit ihrer Schwester im Grunewald gründet, sich dann jedoch kaum um die Kinder kümmern kann, weil sie das Geld für die Schule mit Auftritten zusammenbringen muss.

          Mal Flirt, mal Freundschaft

          In mehr als einem Dutzend Archiven auf zwei Kontinenten hat Karl sich auf die Spuren Duncans begeben. Was sie gefunden hat, verwebt sie zu einem großen Gesellschaftsporträt der Belle Époque. Es tauchen rund hundert Personen der Zeitgeschichte auf, mit der Hälfte hatte Duncan in Paris, Moskau oder Berlin geflirtet, mit der anderen war sie befreundet. Zwischen diesen Lebensstationen der Tänzerin sind kleine Vignetten eingebettet.

          Da erfährt man etwa, dass Auguste Rodins „Kuss“ bei der Weltausstellung in Chicago 1893 hinter einem Vorhang ausgestellt wurde, hinter den nur Männer blicken durften. Dass der Snobismus der New Yorker Oberschicht so weit führte, dass die durch den Eisenbahnbau reich gewordenen Vanderbilts nicht auf Partys des alten Geldadels bei Caroline Astor eingeladen wurden. Oder dass die Tänzerin Loïe Fuller als Erste Elektrizität nutzte, um während ihrer Auftritte die großen Stoffbahnen, die sie schwang, mit farbigem Licht zu Orchideen oder Schmetterlingsflügeln werden zu lassen – und so ganz nebenbei die Theaterbeleuchtung revolutionierte. Man lernt im Vorbeigehen also einiges in dieser anregenden Biographie.

          Michaela Karl: „Lasst uns tanzen und Champagner trinken – trotz alledem!“ Isadora Duncan. Eine Biografie. btb Verlag, München 2021. 448 S., Abb., geb., 24,– €.

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