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Michael Wolffs neues Trump-Buch : Dann eben mit den Mitteln der Ferndiagnose

„Katastrophen-Faszination“: Michael Wolff ist überzeugt, Trumps Präsidentschaft werde nicht gut enden. Bild: AP

Mit „Fire and Fury“ hat Michael Wolff vor einem Jahr einen Bestseller geschrieben. In „Unter Beschuss“ setzt er seine „Katastrophen-Faszination“ für den amerikanischen Präsidenten nun fort, liefert jedoch nichts substantiell Neues.

          Ein Buch, das nicht nur in Washington, sondern weltweit für Aufregung sorgte, braucht nach den Gesetzen des Buchmarkts einen Nachfolger. Nach „Feuer und Zorn: Im Weißen Haus von Donald Trump“ (2018) liefert der amerikanische Journalist Michael Wolff nun sein zweites Buch über den amerikanischen Präsidenten Donald Trump und dessen Zeit im Weißen Haus. „Unter Beschuss: Trumps Kampf im Weißen Haus“ setzt ein paar Monate nach dem ersten Band ein. Endete „Feuer und Zorn“ im August 2017, also nach Trumps ersten sieben Monaten im Amt, beginnt „Unter Beschuss“ im Januar 2018 und soll „eine lesbare und anschauliche Erzählung sein, dann aber auch so etwas wie eine Live-Geschichte dieser außerordentlichen Zeiten“, schreibt Wolff.

          Oliver Kühn

          Redakteur in der Politik.

          Er gehe damit seiner „Katastrophen-Faszination“ von Trump weiter nach, schreibt er – und setzt darauf, dass auch seine potentiellen Leser dieser unterliegen. Wie schon im ersten Band basiert vieles von dem, was der fünfundsechzigjährige Wolff nun präsentiert, auf den Einlassungen von Steve Bannon, dem früheren Chefstrategen von Donald Trump.

          Das Problem an diesem „Vergil, den als Führer beim Abstieg in die Trump-Welt zu haben jeder sich glücklich schätzen darf“, ist jedoch, dass er im August 2017 aus dem Weißen Haus ausschied und nach dem Erscheinen von „Feuer und Zorn“ von Trump öffentlich exkommuniziert wurde, also keinen Zugang mehr zu Regierungszentrale und zur Umgebung um Trump hat.

          Wolff stützt sich auf viele Informanten, die auch vor seinem ersten Buch mit ihm gesprochen haben, auch wenn einige von ihnen ihre früheren Posten mittlerweile verlassen haben. Das setzt hinter die Begebenheiten, die Wolff beschreibt, häufig ein Fragezeichen. Denn woher er seine Einsichten hat, gibt er meist nicht preis. Hatte er für „Feuer und Zorn“ noch Zugang zum Westflügel des Weißen Hauses, war damit nach der Veröffentlichung des Buches Schluss. Wolff selbst sagt, er fühle sich als Buchautor nicht an die strengen Vorgaben gebunden, die ein Journalist einhalten müsse.

          Kein Wunder also, dass manche von Wolffs Behauptungen schon Zurückweisungen provoziert haben. Seine größte Enthüllung, Sonderermittler Robert Mueller habe eine Anklageschrift gegen Donald Trump verfasst, diese jedoch zum Ende seiner Untersuchungen verworfen, rief eine der seltenen offiziellen Stellungnahme des Mueller-Teams hervor: Dieses Papier habe es nie gegeben.

          Michael Wolff: „Unter Beschuss: Trumps Kampf im Weißen Haus“. Aus dem Englischen von Werner Schmitz, Hainer Kober, Peter Torberg, Silvia Morawetz u.a. Rowohlt Verlag, Hamburg 2019. 480 S., geb., 22,– .

          Grundiert wird das Buch von Wolffs „Gewissheit, dass Trump sich am Ende selbst zerstören wird“ – und der Hoffnung, dass die Untersuchung des Sonderermittlers Robert Mueller dazu beiträgt. Im Epilog – der spät angefügt worden sein muss, ist der Mueller-Bericht doch erst im März, also drei Monate vor der Veröffentlichung von „Unter Beschuss“, erschienen – kommt deutlich Wolffs Enttäuschung zum Ausdruck, dass Mueller keine Anklage erhoben und der Bericht des Sonderermittlers Trump erst einmal keinen weiteren Schaden zugefügt hat. „Entkommen, wenn man es so nennen konnte, war er noch lange nicht“, schreibt Wolff, was er damit meint, bleibt unklar.

          „Unter Beschuss“ liefert nichts substantiell Neues, vielmehr Gerüchte, die über Trump kursieren – Trump könne keine Treppe hinuntergehen, habe keine Ahnung von Mathematik, sei launenhaft, breche oft in Wutanfälle aus, beleidige alle Menschen um ihn herum, während alle anderen, wohl bis auf die eigenen Kinder, ihn verachteten. Das alles kolportiert von Leuten, die aus dem Trump-Kosmos herausgefallen sind, aber nicht von ihrem vormaligen Zentralgestirn lassen können.

          Ferndiagnosen über den Geisteszustand des Präsidenten wird viel Raum gegeben. So zitiert Wolff Bannon mit den Worten: „Wer sich selbst hasst, muss letzten Endes natürlich jeden hassen, der ihn zu lieben scheint.“

          Wolff selbst kommt zu dem Schluss: „Er war nicht paranoid. Er bemitleidete sich selbst und war melodramatisch, aber er war nicht auf der Hut.“ Demgegenüber berichtet er allerdings – wiederum ohne Beleg –, der Präsident glaube, Secret-Service-Agenten säßen mit geschwärzten Gesichtern in den Bäumen um das Weiße Haus und zielten mit Maschinenpistolen auf ihn. Das wiederum dürfte auf die meisten Leser doch ziemlich paranoid wirken. Den Widerspruch scheint Wolff allerdings nicht zu erkennen oder zumindest zu ignorieren.

          Michael Wolff sieht sich nicht ans journalistische Handwerkszeug gebunden.

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